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Ost und West · 1907-07-01 · Heft 7 (Juli 1907) · p. Seite 457 - 458

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 7 (Juli 1907)
Article
Eine Missetat
Date
1907-07-01
Page
Seite 457 - 458 (sequence 8)
Language
German
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457 D. Aismann: Eine Missetat. 458 Lejser verhielt sich abseits hinter Krapuntschik. Er gestand den Diebstahl nicht gerade ein, aber er leugnete auch nicht» Er stand blaß und schweigend mit gesenktem Kopfe da und stieß nur von Zeit zu Zeit einen seltsamen Laut aus, dann wurde er wieder still. „Nein, ein Mensch kann das nicht aufessen", schrie die Frau, „das ist undenkbar .... Ein Pfund Fleisch, Kartoffel, Gewürz .... Dazu muß einer ein Faß haben, keinen Bauch .... Ihr habt alle zusammen gefressen .... Spitzbuben, verfluchte!" Die Geschichte endigte damit, daß die Frau die drei anderen voll ausbezahlte und ihnen sogar noch ein Trinkgeld gab, während Lejser leer ausging. „Ein alter Mann", schrie sie ihm nach, als er schon abfuhr, „ein Mann mit grauen Haaren und macht solche Schweinereien. In Arrest müßt' man euch abführen, aber ich will mir nicht die Hände damit schmutzig machen . . . ." Es war dunkel als Lejser sich auf den Heimweg machte. Der Schnee hatte aufgehört und der Wind schwieg, aber der Frost war stärker. Lejsers feuchter Mantel wurde steif und Krapuntschiks flache Hufe* patschten nicht mehr durch Pfützen, sondern stießen auf gefrorenen Boden. Als er eine Stunde später vor seiner Wohnung hielt, begrüßte ihn ein freudiger Aufschrei. „Gelobt sei sein heiliger Name." Socie näherte sich eilig der Fuhre. „Nu? Wieviel?" Er mußte Arbeit gefunden haben, wenn er so spät kam. Zwei Stunden lang hatte sie mit Jente und den anderen Kindern beraten, ob es wohl noch nicht zu spät sein würde bis zum Metzger, um Knochen zur Suppe zu laufen. Und sie waren übereingekommen, daß es mit der Zeit langen würde. „Gib die Milch her", sagte Socie und drängte sich an das Gespann heran. — Nu, komm', vorsichtig, es ist dunkel." . „Ich hab' keine Milch." „Hast nicht gekauft? Nu macht nichts! Feiginin kann zur Mudrezeche laufen, die Mudrozeche melkt spät." „Ich hab' nicht gearbeitet heute." Einige Sekunden dauerte die Stille. „Ha!" „Niemand kam .... was willst du ... . Bis jetzt hab5 ich gewartet .... kein toller Hund kam ....!! Lejser spannte Krapuntschik aus und brachte ihn auf seinen Platz. Das Pferd schnupperte und suchte die Leckerbissen, die sein Herr ihm des Morgens versprochen hatte. Aber seine hängenden Lippen fanden bloß kaltes Holz .... * -» w Eine halbe Stunde später lag Lejser auf einem Haufen zerrissener Lumpen und drückte seine Sohlen mit den Fäusten zusammen. Er bildete sich ein, daß er sie so erwärmen könne. Socie und die Kinder lagen auf ihren Plätzen und versuchten einzuschlafen, um den Hunger nicht zu spüren. Alle schwiegen. Nur der kleine Schmilek, der mit seiner Mutter auf dem ungeheizten Ofen lag, begann mit seinem schleppenden Stimmchen: „Mutter, Milch." „Morgen gibt es Milch, Schmilek, morgen." „Milch .... ein bischen Mi—ilch." „Morgen, Söhnchen, morgen .... Morgen bekommen wir Milch und Suppe. Gute Suppe mit Fleisch und Henne . . . . " „Mein Herz brennt, Mi—ilch!" Jente antwortete nicht. „Ich will essen, iVIi—ilch." „Nu, scha, scha .... nu, was soll man machen? Du bist hungrig! Alle sind hungrig, alle haben nicht gegessen .... Der Großvater ist alt und krank, der war den ganzen Tag draußen in der Kälte und hat auch nichts gegessen." Lejser drehte sich auf seinem Lager um. Er räusperte sich oder schluchzte, und in seine Nase stieg noch einmal der süßliche Duft von Gewürznelken und Lorbeerblättern.

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