Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1907)
- Article
- Eine Missetat
- Date
- 1907-07-01
- Page
- Seite 455 - 456 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- OCR quality
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455 D. Aismann: Eine Missetat. 456 einer Hochzeit kann man so was e sen, mein Ehrenwort." Unterdessen ordnete Lejser noch immer die Töpfe mit der linken Hand. Die rechte steckte bald im Kessel, bald im Mund. „Ah-ha, ha! ... . Ich weiß es, nun weiß ich's... Bei Herrn Ciporkes aß ich so etwas .... Nu ja, natürlich .... Ich brachte ihm damals den Wein vom Dampfer — er bestellt ihn sich aus Odessa, und man rief mich in die Küche und bewirtete mich .... Nu ja, bei Herrn Ciporkes .... Ein großer Herr, der Herr Ciporkes, ein Edelmann! Ein Schwein und kein Edelmann .... Aber bei Gott, das verstehe ich nicht. Bei Herrn Ciporkes war damals ein Bris, nu, da konnte er solchen Braten haben. Und eine einfache Jüdin .... Was ist ihr Mann .... In einem Geschäft ist er auf der Hauptstraße! Und an einem Wochentag, an einem gewöhnlichen Donnerstag macht sie solchen Braten .... So sind unsere Juden: einen Rubel verdienen sie, drei verbrauchen sie. Scharlatans. Und dann glauben die Russen, daß alle Juden schrecklich reich sind und prügeln uns dafür. Wegen solcher Sachen haßt man uns .... Hast du so etwas gesehen .... Lorbeerblätter! Ohne Lorbeerblätter kann sie nicht! Eine Balabuste! .... Nu, und ich bin auch gut. Hatt' ich wirklich vergessen, wo ich solchen Braten gegessen habe. Ha! .... Was sagst du dazu? Eine Geschichte . . . .! —" Das Pflaster hatte längst aufgehört, die Fuhre ging ganz gleichmäßig, auch die Töpfe klapperten nicht mehr, aber Lejser machte sich noch immer bei ihnen zu schaffen. Er fuhr zum letztenmal mit der Hand in den Kessel, kratzte die Kartoffel weg, die am Rande fest saßen, leckte die Finger sauber ab, deckte den Kessel feinsäuberlich zu und trat zurück. Vor ihm zogen in einiger Entfernung die drei anderen Fuhren dicht hintereinander und neben ihnen schritt mit hochgeschürzten Röcken, mit dem Spiegel in der einen und einer Lampe in der anderen Hand, die Wirtin. „Oj, wenn sie's gesehen hat . . . . Oj, jeh, wenn sie's gesehn hat." Lej>er wurde starr vor Schreck. „Ei, nein, „gesehen"? Nu, was soll sie sehen . . . wie soll man das plötzlich sehen?! .... Gar nichts wird sein! Wenn wir ankommen, trag' ich sofort alle Töpfe rein, die Scheffel stell' ich davor, fertig . .. Und wenn ich fort bin, kann sie's sehen .... Lauf mir dann nach, pack' mich .... Eh! Man braucht sich nicht zu beunruhigen. Was wird sie tun. Zu Gericht gehen mit mir? .... Hat sie Zeugen? .... Ich furcht' mich nicht vor ihr! Was ist sie, daß ich mich fürchten soll .... ich fürcht' mich gar nicht . . . ysia! . . . ." * * * Die Fuhrleute hatten den ersten Wagen halb abgeladen, als Krapuntschik endlich an seinem Bestimmungsort anlangte. „Eh, du, vertrocknetes Eingeweide, noch nicht krepiert", begrüßte Hitzel Lejser. Lejser schwieg. Ein leiser Schauer nach dem andern überlief ihn. Die Augen blickten, ohne zu sehen, die Zunge war wie geschwollen .... Er band eilig die Stricke auf, mit denen die Schätze seines Wagens zusammengebunden waren und begann abzuladen. Nach ein paar Minuten war das Geschäft erledigt, alle Töpfe und Kessel standen hinter- und übereinander zwischen Wand und Ofen, ein großer umgedrehter Kübel ganz vorne zum Schutz. „Nu, jatzt ist fertig! Die Gefahr ist vorüber! Jetzt nur noch die Sofas, dann ist der ganze Ball fertig! Es macht nichts, Krapuntschik! Heute werden wir gut essen . . . ." Die Möbel waren alle aufgestellt. Die Fuhrleute wischten ihre schweißigen Stirnen, lockerten die Zügel der Pferde und schickten-sich an nach Hause zu fahren. Nur das Geld ließ noch auf sich warten. „Madame, bitte zur Auszahlung", rief Hitzel die plötzlich verschwundene Hausfrau. Er rechnete au1' ein Trinkgeld und befleißigte sich deshalb einer großen Höflichkeit. „Madame, wo sind Sie, bitte bemühen Sie sich hierher." Doch etwas völlig Unerwartetes trat ein. Madame sprang wie eine Bombe aus der Haustür hervor und brüllte, einen leeren Kessel in den Händen schwingend: „Diebe .... Mörder .... Spitzbuben .... Krepieren sollt Ihr, Verfluchte .... Ihr glaubt, ich werde schweigen! Ihr glaubt, das ist umsonst! Scharlatans, Einbrecher ....!" „Oho!" rief Hitzel lustig, „du kannst's aber .... Hast bei mir gelernt, was?" „Ich werd' dir zeigen, schwarz wirst du werden..." Die übrigen Mieter des Hauses sammelten sich unterdessen im Flur. „Solche Betrüger, solche Scharlatans", fuhr die aufgeregte Hausfrau fort! „Gestern habe ich noch zu Fleiß Braten gemacht, ich dachte heut geht es nicht und einen Braten kann man bei Nachbarn wärmen, daß die Kinder was zu Mittag haben .... Und die haben's aufgefressen, alles haben sie aufgefressen---- Nu! nu! was mach5 ich jetzt?" .... „Neues kochen", sagte Hitzel höflich. „Neues .... ich werd's dir abziehen, dann wirst du's wissen Dieb, mich hat der Braten anderthalb Rubel gekostet, du wirst mir dafür zahlen . . . „Ich werd' zahlen? Ich?" Hitzel trat der Frau um einen Schritt näher. „Und so, wenn man dich frägt auf's Gewissen, hast du's gesehen." Er hob langsam seine rissige Faust von der Größe eines kleinen Kürbis. „Wer deinen Braten gegessen hat, zur Gesundheit, der soll ihn bezahlen. Und mit mir laß' diese Politik .... Acht Zehnkopekenstücke gib her", brüllte er dann, „und fünf Trinkgeld für die Sofas"... Das Geschrei vor dem Hause dauerte sehr lange. Die Frau bestand auf ihren anderthalb Rubeln und die Fuhrleute riefen ihre verstorbenen Eltern zur Zeugenschaft, und erklärten sich überdies bereit, beliebige Fensterscheiben und Zähne einzuschlagen . . -