Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1907)
- Article
- Eine Missetat
- Date
- 1907-07-01
- Page
- Seite 451 - 452 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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451 D. Aismann: Eine Missetat. 452 Sie hatten sich kaum auf den Weg gemacht — als erster fuhr Hitzel mit der Kundschaft, dann kamen zwei andere Fuhrleute, zuletzt schritt Krapuntschik bedächtig einher — so zog Lejser Brot und Zwiebeln aus dem Gürtel und verschlang alles mit zwei, drei Bissen .... Wie in einem Loch verschwand das Essen. „U-wa, was ich essen will", flüsterte er und sammelte noch die Krumen auf, die ihm in den Schoß gefallen waren — „schrecklich, wie ich essen will! Nu, macht nichts, bis zum Abend halten wir's auch und abends wird alles sein. Wir werden uns gut anessen .... Sehr gut werden wir uns anessen .... flj \ 11 j )? Krapuntschik, hurtig!" Sie kamen in die Enge Straße. Die Möbel der Frau waren so merkwürdig gebaut und so groß, daß es ganz besonders schwer war, sie auf den Fuhren unterzubringen. Zuerst wurde ein sonderbarer Schrank hinausgebracht, aus dem während des Transports Bretter und Türen hinausfielen, dann kamen zwei schrecklich zerrissene Sofas, von denen jxles seine 15 Pud wiegen mochte. Dann kam ein schiefes Pult, Stühle ohne Beine oder ohne Sitz .... Die Fuhrleute schleppten alles mit großem Geschrei, schimpfend und fluchend . . . . die Balabuste lief dazwischen umher, sie stöhnte, bat, befahl. . . . Auch Lejser betätigte sich und trug leichtere Sachen hinaus. Die Fuhrleute waren nicht ganz im Unrecht, wenn sie ihn nie mitnehmen wollten. Selber schwächlich, mit einem alten Pferd und gebrechlichem Fuhrwerk ausgestattet, war er wirklich kein bequemer Gefährte. „Ist das denn ein Fuhrmann, ein Rebbe ist er", sagten sie. Wirklich „ernste Arbeit", den Transport von Getreide zum Beispiel, übernahm Lejser aus eigenen Stücken nicht. Seine Spezialität waren Einkäufe, die auf dem Markt selber gemacht wurden: ein paar Pfund Kohlen, ein paar hundert Kürbisse, leere Fässer oder dergleichen. Seine Fuhre tüchtig aufpacken, wie's sein soll, das konnte er nicht mehr. Der Wagen war' auseinander gegangen, das Pferd gestürzt, man hätte nur tausend Unannehmlichkeiten .... Infolge dieser Erwägungen gaben sie ihm auch j?tzt nicht schwere „gute Möbel", sondern Küchengeräte und das bewegliche Gut, das die Wirtin im Schuppen aufbewahrt hatte. Um halb zwei waren sie mit dem Aufladen fertig und machten sich auf den WJeg. An der Spitze schritt wieder Hitzel, Lejser war der letzte. Jetzt fiel wirklicher Schnee, der Wind hatte sich gedreht; es war stiller, aber auch kälter. Krapuntschik bewegte sich schwerfällig und streckte den zottigen Kopf vor, als wollte er sagen: „Ich bin j i einverstanden, ganz einverstanden." Er arbeitete sich mit den flachen Hufen geräuschvoll durch den dünnen Kot durch und zeigte häufig den deutlichen Wunsch stehen zu bleiben. Aber Lejser teilte diesen Wunsch durchaus nicht. Er schnaufte und keuchte zwar wie Krapuntschik selber, doch er erinnerte ihn unaufhörlich, daß man arbeiten müsse, wenn man essen wolle. Ja, so ist es, also so ist es, brummte er. Ein Pferd z. B. hat es noch schlechter wie ein Mensch. Ein Mensch — ich z. B. — wenn er hungrig ist, so denkt er gleich, daß das Wreib und die Kinder zu Hause auch nichts zu essen haben — nu! und sein Hunger verschwindet. Gebt mir ein Mittag wie beim Baron Hirsch, ich werd's nicht essen. Ich bin satt, ich bin schon ganz satt. Nu, und ein Pferd versteht diese Chemie nicht. Ein Pferd braucht Heu und fertig. Njo, Krapuntschik, lustig . . . . Uj! uj! wie ich essen möcht! Ganze Equipagen fahren mir im Bauch herum, wirklich! .... Ohnmächtig könnt' einer werden. Dauert's noch lange? gar nicht lange .... „Du, Bleivogel", schrie Hitzel vorn, „was bleibst du so zurück. Willst du zusammen mit dem Messias kommen, was?" „Hurtig, Krapuntschik, hurtig!" Lejser bewegte erregt die Zügel. „INjo sehr!. . . heutwirdSosie nicht schimpfen . . . wenn Gott gut ist, und man bringt ihr z. B. 15 Kopeken und ein Quart Milch oder gar zwei — dann wird sie gut .... Sie ist sehr gut! mein Ehrenwort! Sie schreit nur vor Hunger und Sorgen. Alle Menschen schreien, wenn sie hungrig sind..... Uj, wie ich essen will .... Noch nie in meinem Leben war ich so hungrig. Die Eingeweide brennen wie Feuer .... Sie wissen schon, daß es jatzt ans Verdienen geht, so führen sie solche Geschichten auf. * * * In der Nähe der Brücke, die über den städtischen Graben führte, begann unter einer dünnen Schicht grauen Kotes etwas, was einem Pflaster ähnlich sah. Lejsers Fuhre begann infolge dieses Umstandes seltsame Sprünge aufzuführen und die kunstvoll aufgeladenen Gegenstände klapperten und polterten. Ein Kübel fuhr plötzlich auf einen zweiten los, die Ofengabel, die in dem zweiten gesteckt hatte, verschwand in der Tiefe. Ein breiter Topf fuhr auf einen Kasten los und dieser begann langsam hinunterzugleiten..... „U, daß ich keinen Schaden anrichte." Der erschreckte Lejser eilte zu seinem Wagen und versuchte Ordnung zu machen. Als er keuchend und atemlos halb über dem Wagen lag und mit einer Hand die Ofengabel umklammerte und mit der anderen nach dem gleitenden Kasten griff, tauchten seine Finger plötzlich in etwas Kaltes, Klebriges. „Was ist das für ein Geschäft?" Lejser blickte in die Spalte, die jetzt in der Mitte zwischen den aufgetürmten Sachen klaffte. Zwischen einem Dutzend leerer Töpfe und anderem Küchengerät stand ein kleiner Kessel bis an den Rand mit gebratenem Fleisch gefüllt. „Tju! Essen, wirkliches Essen." Lejser starrte verwundert bald in die Öffnung mit dem Kessel, bald auf seine nassen in Sauce eingetunkten Finger. „Wirklich Essen . . . ." Er senkte die Hand, um sie an seinem Mantel abzuwischen, besann sich aber eines Besseren und steckte alle fünf Finger in den Mund ....