Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Das Schul- und Lehrlings-Werk der Alliance Israélite Universelle
- Date
- 1907-05-01
- Page
- Seite 335 - 336 (sequence 4)
- Language
- German
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335 Mitteilungen der Aliiance Israelite Universelle: Das Schul- und Lehrlingswerk der Alliance Israelite Universelle. 336 In Persien sind sechs Sehulgruppen: in Teheran, Hamadan, Ispahan, Schiras, Senah und Kirmanscha. Außerdem subventioniert die Alliance kleine Schulen in Nahavenda, Tussurcana und Bidjar. Man wird mit Interesse den Auszug aus einem Bericht lesen, den Herr Loria, Direktor der Knabenschule in Teheran über die moralischen Erfolge der Schule erstattet hat: „Unsere Tätigkeit ist hauptsächlich auf die Schulbevölkerung gewendet, die unserem Einfluß unmittelbar untersteht. Bisher war die Zahl der eingeschriebenen Schüler im Verhältnis zur jüdischen Bevölkerung von Teheran zu klein, als daß die Berührung mit den in unserer Schule gewonnenen Begriffen von Würde, Ehrlichkeit und Arbeit die Masse unserer Glaubensgenossen zu einer merklichen Änderung ihrer Lebensführung hätte bestimmen können. Wir mußten vielmehr fürchten, daß der Einfluß der Umgebung unsere Tätigkeit lähmen, daß unsere Schülerschar von den finsteren, eingewurzelten väterlichen Gewöhnungen neu angesteckt würde. Unnötig zu sagen, daß die Vermehrung unseres Schülerbestandes eine Einwirkung auf die ganze israelitische Bevölkerung ausüben muß, daß wir um so nachaltiger und eindringlicher eine moralische Hebung unserer Glaubensgenossen erzielen, je größer der Kreis der Kinder ist, die wir unter unserem erziehlichen Einfluß haben. Schon können unsere Schulen sich schmeicheln, einen merklichen Anstoß für die Erneuerung der materiellen Existenz der Juden in der Hauptstadt gegeben zu haben. Unsere Schulen haben zunächst zum Nutzen der Juden eine Atmosphäre der Sicherheit und Ordnung geschaffen, die ihnen gestattet, alle ihre Fähigkeiten, zur Anwendung zu bringen. Stark durch die Unterstützung, die ihre Vertreter bei sich bietender Gelegenheit ihnen gewähren, sind unsere Glaubensgenossen dahin gelangt, ihre Furchtsamkeit und ihr Mißtrauen zu besiegen. Sie verlassen das beengende Ghetto und wagen sich in die neuen Viertel hinaus, nützen ihre natürlichen Gaben, treiben in der neuen Gegend Handel oder finden dort Anstellung. In früher Morgenstunde ziehen sie aus dem Judenviertel an ihre Arbeit. Auf dem Weg durch die von Muselmanen bevölkertenKaufhäuser bleiben sie unbelästigt. Man kann versichern, daß seit vier Jahren in Teheran kein Willkürakt zum Schaden unserer Glaubensgenossen vorgekommen ist. Freilich geraten von Zeit zu Zeit Muselmanen und Juden untereinander in Streit. Ich will auch nicht behaupten, daß der Kampf ums Dasein hier weniger hart ist als anderwärts. Aber die Streitigkeiten nehmen niemals einen konfessionellen Charakter an. Der Konflikt der Interessen, nicht der Fanatismus ruft sie hervor. — Die Israeliten waren lange Zeit gezwungen, in ungesunden und engen Quartieren zu wohnen. Heute ziehen sie überall hin und bauen ihr Heim, wo sie mehr Luft und mehr Lichtfinden. Die israelitischejGemeinde von Teheran war schwach und ohnmächtig. Unsere Glaubensgenossen kannten nur den Hausier- und Lumpenhandel. Fast alle Handwerke waren ihnen verschlossen, nicht durch ausdrückliche Vorschriften, sondern durch eine unbegreifliche und unentschuldbare Lässigkeit. Wir haben versucht, die unserer Fürsorge anvertrauten Kinder dem Handel mit alten Sachen zu entreißen und sie dem Handwerk, zuzuführen. Abgesehen von den Lehrlingen. die von der Alliance eine Unterstützung erhalten, ist die Zahl derer, die jetzt ein Handwerk ausüben, schon sehr groß. Wir haben Schneider, Schuhmacher,Typographen, Goldarbeiter, Tischler, Tapezierer, Hutmacher, Zimmerleute, Maurer, Schmiede, Bronzegießer usw. Man darf sich keine Illusionen machen: Diese Handwerker müssen überhart arbeiten, um ihre Familien zu ernähren. Aber wenn man an die Zeit denkt, da unsere Glaubensgenossen ihr Brot nur durch erniedrigende Beschäftigungen gewannen — Höker, Tänzer, Mimen — und diese ganze kraftvolle Jugend ansieht, die schwere, doch gesunde Arbeit leistet, kann man sich eines Gefühls der Dankbarkeit gegen die Alliance nicht enlschlagen." II. Lehrlingswerk. Die Alliance unterhält zur Zeit an 32 verschiedenen Plätzen Lehrlingswerkstätten für Knaben, die zu hunderten für die besten Handwerke ausgebildet werden, zu Schmieden, Schlossern, Mechanikern, Ebenholzarbeitern, Tischlern, Malern, Schriftsetzern usw. Am meisten werden solche Handwerke begünstigt, die die Körperkraft der Lehrlinge am besten zu entwickeln vermögen, und solche, die bisher aus irgend einem Grunde von den Juden noch nicht ausgeübt werden. Trotz der in den verschiedenen Berichten schon wiederholt betonten Schwierigkeiten, die das Lehrlingswerk zu bekämpfen hat, leistet dieses Werk bereits in den meisten Städten große Dienste. Es trägt in machtvoller Weise zur moralischen, körperlichen und materiellen Hebung der Israeliten bei. Das kräftige Äußere der Lehrlinge kontrastiert deutlich gegen die Muskelschwäche der Mehrzahl der Israeliten. Das ist eine der großen Wohltaten des Werks. Neben den Mädchenschulen sind Ateliers für Näherei, Stickerei und Teppichweberei in Betrieb, die den armen Mädchen einen Erwerb sichern, der dem Familienbudget einen wesentlichen Beitrag sichert. Die Handwerkerschule in Jerusalem ist im Jahre 1906 von 145 internen und externen Schülern besucht worden. Zehn Schüler hatten ihre Lehrzeit beendet, haben ihr Handwerk gründlich erlernt und arbeiten jetzt teils in Jerusalem, teils in Egypten, das ein wertvolles Arbeitsfeld für sie bietet. Soviele Arbeiter jährlich ausgelernt haben, so viele Familien sind dadurch der Bettelei und dem Kleinhandel entrissen. Die Weberinnen, die Netz- und Spitzenateliers geben hunderten von Arbeitern, Frauen und jungenMädchen, Beschäftigung. Alle diese Tätigkeit zur Förderung der Handarbeiten hat die Sitten und die materielle Lage der Israeliten in der heiligen Stadt merklich verändert. Die Ausübung dieser Handarbeiten führt dieser tatsächlich so elenden Bevölkerung neues Leben zu, sichert ihnen besseres Auskommen und erweckt in ihr da*- Gefühl der Würde, das die Liebe zur Handarbeit und ihre Ausübung mit sich bringt.