Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1907-05-01 · Heft 5 (Mai 1907) · p. Seite 317 - 318

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 5 (Mai 1907)
Article
Beim Doktor
Date
1907-05-01
Page
Seite 317 - 318 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583954-2583960-2588634--07173-2588682
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

317 Scholem Alechem : Beim Doktor. 318 sehen, ob Sie werden sich zuhause eine Stunde aufhalten können! Jetzt verstehen Sie schon, weshalb ich den ganzen Tag auf der Gaß herumlaufe. Und was hat man davon? Bald erkältet man sich, bald ißt man etwas, was schwer zu verdauen ist — und auf diese Weise bekommt man einen „Magen"..... Ein Stück Masel*) hab ich doch, daß ich von Natur aus kein kränklicher Mensch bin; im Gegenteil, von Jugend auf gut gepflegt . . . . Daß ich so spindeldürr und eingetrocknet aussehe, darauf brauchen Sie nicht zu schauen. Die Geschäfte haben mich so gemacht, und beiläufig entstamme ich einer solchen Familie. Ich hatte etliche Brüder, die, mir zu längern Jahren, auch so schmächtig gewachsen waren wie ich. Nichtsdestoweniger bin ich, wie Sie mich sehen, immer ein gesunder Mensch gewesen; ich hab nicht gewußt von einem Magen, und von einem Doktor und von ähnlichen Unglücken .... Wenn es nur so weiter gegangen wäre!---Aber seit einer Zeit hab ich angefangen, mich mit Arzneien zu füttern: Pillen, Pulver, Kräuter. — Jeder Doktor kam mit einer andern Erfindung; der eine sagte: Diät, das heißt, wenig essen; der zweite sagte: im Gegenteil, viel essen! Wahrscheinlich gehörte dieser Doktor selbst zu den Leuten, die viel essen können. So sind ja die Doktoren: was sie selbst gerne haben, das verordnen sie dem Kranken . . . Einfach meschugge zu werden! Der eine Doktor sagte: viel gehen, das heißt, verstehen Sie mich, gehen ohne Zweck, ohne Ziel, Spazieren, heißt es ... . Kommt der zweite Doktor und sagt: Sie müssen im Bett liegen und Ruhe haben. Und nun geh und unterscheide, wer von beiden der größere Chamer**) ist? — Was brauchen Sie mehr? Da war ein Doktor, der fütterte mich ein ganzes Jahr mit Pillen .... Geh ich zum andern; sagt er: diese Pillen, Gott soll Sie hüten, das ist für Sie Gift .... Und er verschreibt mir ein Pulver, ein gelbes Pulver war es. Sie werden doch wissen, was für ein Pulver.das war! Ich komme mit diesem Pulver zu einem dritten Doktor, schüttet er das Pulver aus, zerreißt das Rezept und verschreibt mir Kräuter. Was für Kräuter, glauben Sie, waren das? Bitter wie Galle! Nu, Sie kennen sich denken, gebenscht hab ich diesen Doktor nicht für seine Kräuter .... Und was war das Ende von alledem? Ich komm wieder zu jenem Doktor, zum ersten, heißt es, der mich ein Jahr lang mit Pillen gefüttert hat, und erzähl' ihm die Geschichte von den bittern Kräutern, die mir das Leben verbittern. Da springt er auf voll Zorn und lärmt und schreit: „Ich hab doch Ihnen verschrieben, sagt er, Pillen, und wozu laufen Sie wie ein Verrückter von einem Doktor zum andern!" *) Glück. **) Esel. Darauf sag' ich: „Scha! Nur ruhig! Was schreien Sie? Wir sind doch hier nicht auf einem Jahrmarkt! Einen Kontrakt haben wir auch nicht gegenseitig unterschrieben. Ich kann gehen, wohin ich will, und jener Doktor braucht auch zu leben, er hat auch Weib und Kind! . . . Da gings aber erst los. Er, der Doktor, wurde rot wie Feuer, als ob ich ihm Gott weiß was gesagt hätte .... Kurz, er bat mich, daß ich wieder zu jenem Doktor gehen soll. Da sag ich: „Eizes*) brauch ich nicht; wenn ich werde wollen, werde ich von selbst hingehen" . . . Ich nehm und leg ihm hin einen Rubel. Glauben Sie etwa, daß er mir den Rubel vor die Füße geschmissen hat? Keine Spur! Rubel lieben sie, die Doktoren nämlich, Rubel lieben sie mehr als uns arme Menschen. Daß sie sich zum Beispiel hinsetzen, um dem Kranken zuzuhören, wie sichs gebührt — das gibts einfach bei ihnen nicht. Sie lassen kein überflüssiges Wort zu sich reden .... Da war ich erst unlängst bei einem Doktor — er ist ein Bekannter von Ihnen, den Namen will ich nicht nennen — wie ich hereinkomme, läßt er mich keine zwei Worte aussprechen, sondern er befiehlt mir, mit Respekt zu melden, ,,ausziehen!" Nu, ausziehen ist ausziehen. Was ist? Er will, sagt er, „hören" .... Willst hören? sag ich. Sehr gut! Hör mir nur zu, ich bin bereit, dir alles zu erzählen . . . . Aber der läßt mich nicht zu Wort kommen, er tappt hier und klopft dort. Nu, sag ich, wozu tappst du, und wozu klopfst du? Nein, sagt er, ich hab keine Zeit, mit Ihnen zu debattieren.--- Eine neue Mode geworden, daß die Doktoren keine Zeit haben!---Was? Sie haben auch keine Zeit? Na, hören Sie, was ich Ihnen sagen werde: wenn Sie, ein junger Doktor, so jung anfangen, keine Zeit zu haben, dann bekommen Sie nie eine „Praxis" . . Sie brauchen nicht aufgeregt zu werden. Ich verlange nicht von Ihnen umsonst .... Ich bin gar nicht so ein Jüd, der, Gott behüte, etwas umsonst verlangen soll. Und wenn Sie mir auch nicht bis zum Schluß haben zuhören wollen, so hat eins mit dem andern nichts zu tun. Für eine Visite muß bezahlt werden . . . Was? Sie wollen nicht annehmen? . . . . Zwingen werde ich Sie nicht. Zu solchen Sachen zwingt man nicht .... Wahrscheinlich haben Sie auch so, wovon zu leben .... Wahrscheinlich leben Sie von Renten .... Soll Ihnen Gott geben, daß Ihr Kapital wachsen soll, wachsen und wachsen, warum denn nicht? Soll Ihnen Gott helfen .... Adieu! Nehmen Sie mirs nicht übel, daß ich Ihre Zeit ein wenig in Anspruch genommen habe .... Darauf sind Sie ja ein Doktor .... *) Batschläge. DIE OSTJUEDISCHE PRESSE. Von Josef Lin. In der Presse der östlichen Judenheit sind im letzten Halbjahrzehnt größere Umgestaltungen vor sich gegangen. Das wichtigste Moment dabei ist das Auftreten der Jargonpresse, die in der kurzen Zeitspanne eine erstaunliche Ausdehnung und Verbreitung gefunden hat. Bis zu Beginn dieses Jahrhunderts be¬ Nachdruck verboten herrschte das Hebräische fast ausschließlich die ostjüdische Zeitungswelt. Die neuhebräische Presse, deren Geschichte seit dem Entstehen der hebräischen Wochenschrift „Hamagid" in Lyck, im Jahre 1858, datiert, übte einen großen Einfluß aus auf die Erziehung und geistige Entwicklung der jungen Ghetto-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.