Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Beim Doktor
- Date
- 1907-05-01
- Page
- Seite 315 - 316 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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315 Scholem Alechem: Beim Doktor. 316 Kopf werfen .... Nun, ich frage Sie, ist es etwa angenehm, wenn einem so ein Laib Brot an den Kopf fliegt? Das sind, wie gesagt, meine Endetail-Kunden. Glauben Sie etwa, daß meine Engros-Knnden besser sind? I, bewahre! Die sind auch nicht besser! Anfangs, wenn der Kunde sich einen Kredit verschaffen möchte, ist er weich wie Butter, hat tausenderlei Schmeicheleien und Komplimente zur Hand; kaum aber rückt der Zahlungstermin heran, da ist er nicht wiederzuerkennen. Da führt er ganz andere Redensarten : Die Ware sei zu spät geliefert worden, die Säcke seien halb zerrissen gewesen, und das Mehl verdiente gar nicht den Namen Mehl .... Solche Sachen erzählt er Ihnen, — achtzehn Fehler und siebenundzwanzig Ausflüchte .... „Und Geld?" — Geld, sagt er, schickt eine Rechnung! Schickt man eine Rechnung, sagt er: „Morgen!'' Kommt man morgen — „übermorgen!" Da fängt man an zu drohen. Schließlich kommt es zu einer Pfändung. Kommt man pfänden, gehört alles der Frau. Jetzt geh und tu ihm was!. . . . Nu, frage ich Sie, bei solchen Geschäften, wie soll man keinen „Magen" haben? Nicht umsonst sagt mir meine Frau — sie ist bei mir nicht die erste, die dritte ist sie, und die dritte Frau ist doch, wie man sagt, die Sonne im September, aber von sich weisen kann man sie doch nicht, doch eine Frau. — Also meine Frau sagt mir immer: „Chajim, laß die Geschäfte! Laß das Mehlgeschäft, sollen deine Feinde schon Mehlgeschäfte haben! soll die Mühle verbrannt werden! werde ich wenigstens wissen, daß du lebst auf der Welt. Was für Leben ist das? Laufst herum wie ein Wilder, kein Schabbes, kein Jontew, kein Weib, kein Kind . . . Was hast du von deinem Leben? Wofür laufst du? Wozu laufst du? . . . ." Eigentlich weiß ich selbst nicht, wozu ich den ganzen Tag in der Stadt herumlaufe .... Es ist halt'so eine alte Gewohnheit bei mir. * Glauben Sie etwa, man hat was von dieser ewigen Lauferei?---Leid hat man, und Ärgernisse und Kränkungen und Aufregungen und Gott weiß was alles noch! . , . . Aber ich bin nun einmal so ein Mensch, der jedes Geschäft, das sich ihm darbietet, in die Hand nimmt. Für mich existiert nämlich kein schlechter Schnaps. Ein Handel mit Säcken — meinetwegen; mit Holz — meinetwegen; mit Eisen — meinetwegen .... Sie glauben wahrscheinlich, Herr Doktor, ich habe außer der Mühle keine Geschäfte mehr? Da befinden Sie sich aber stark im Irrtum. Wie Sie mich sehen, handle ich auch mit Waldungen, zusammen mit einem anderen, heißt es. Außerdem bin ich auch am „Akzis" beteiligt. Ich wünsche Ihnen, das jeden Monat zu verdienen — Schlechtes wünsch ich Ihnen osser*) — was ich an diesem Geschäft jährlich verliere. Sie werden wahrscheinlich fragen: wozu brauche ich das? Nu, soll sich „Kohol" ärgern! Wie Sie mich sehen, bin ich ein großer Draufgänger. Wo es gilt, einen Sieg zu erringen, kann meinetwegen die ganze Stadt zugrunde gehen und ganz ,,Kohol" begraben werden — ich muß das meinige ausführen! Ich bin eigentlich, wie Sie mich sehen, von Natur aus kein schlechter Mensch, nur „kapriziös", heißt es. Versuchen Sie es mal, mich zu beleidigen, meine Ehre anzutasten, so sind Sie mit Ihrem Leben nicht sicher!. . *) bestimmt nicht. Was kann ich machen? Es ist so ein Blut in nur. Nerven, sagen sie, die Doktoren nämlich, und dies, sagen sie, steht auch mit meinem Magen im Zusammenhange .... Zwar der einfache Menschenverstand kann das nicht begreifen; es ist auch, verzeihen Sie, ein wenig Unsinn darin. Denn was haben die Nerven mit dem Magen zu schaffen? Nerven sind Nerven, und Magen ist Magen. Wo sind die Nerven? Und wo ist der Magen? Die Nerven sind doch, nich t wahr? nicht weit vom Gehirn .... Und der Magen wo ist? ... . Von den Nerven bis zum Magen — na, ich danke — eine schöne Strecke! Aber sie, die Doktoren, mein ich, sagen, daß mein „Magen" kommt von den Nerven . . . Meinetwegen, soll sein so ... . Augenblick nur, ich bin bald zu Ende. Wozu die Eil'? Warten Sie doch noch eine Sekunde! Ich will Ihnen doch alles „akkurat" erzählen, damit Sie dann sagen, wie ich zu diesem Unglück, meinem Magen nämlich, gekommen bin .... Vielleicht kommt es daher, weil ich so ein unstetes Leben habe, weil ich nie zu Hause bin. Ich schwör Ihnen — 's ist eine Schande zu sagen — daß, wenn ich bei mir zu Hause bin, so bin ich doch nicht zu Hause. Ich wollte, daC Sie mal in meine Wohnung einen Blick tun. Ein Schiff ohne Ruder! Tag und Nacht ein Getümmel und Getöse. Gott soll hüten! Ist leicht gesagt, unbeschrien elf Kinder! Das eine ißt, das andere trinkt, das dritte betet, das vierte schläft, das sechste frißt Kuchen, das siebente einen Hering. Wer kann das alles aufzählen? Zwischen solchem Kleinkram, unbeschrien, gibts, wie gesagt, ein Zanken und Streiten, ein wirres Durcheinander, daß man am liebsten in die Welt laufen möchte. Und weshalb, meinen Sie, ist ein solches Getobe und Getöse in meinem Hause? Nur weil ich keine Zeit habe. Hätte ich Zeit, da wär es selbstverständlich anders. Sie, meine Frau nämlich, ist unbeschrien sehr eine gute Frau; das heißt, sie ist nicht so gut, aber sie ist sehr weichherzig, und weiß nicht, wie mit Kindern umzugehen. Das heißt, schimpfen kann sie, tadeln, schelten, Ohrfeigen austeilen, aber was nützt es? Doch eine Mutter! und was eine Mutter ist, ist noch lange kein Vater .... Ein Vater, das ist ganz was anderes, der kann prügeln, und das auf der richtigen Stelle . . . .Ich erinnere mich noch jetzt, wie mich mein Vater zu prügeln pflegte . . . .Ihr Vater hat Sie wahrscheinlich auch geprügelt. Nu, nein, er hat Sie nicht geprügelt! .... Glauben Sie etwa, es wäre für Sie besser gewesen, wenn Sie nicht geprügelt worden wären? I, bewahre! Das tut den Kindern ganz gut.----Wozu die Eil'? Ich bin bald fertig. Ich erzähl Ihnen das doch nicht umsonst! Der Zweck meines Redens ist, daß Sie verstehen sollen die Art, wie ich lebe. Glauben Sie, daß ich weiß, wie viel ich in meinem Vermögen habe? Keine Spur! Möglich, daß ich reich bin, sehr reich, und möglich — unter uns gesprochen, Sie erzählens doch niemand — daß ich gar nichts besitze. Wie soll ich denn das wissen? Jeden Tag kommt etwas anderes, bald dies, bald jenes .... Ob man kann oder nicht, das ist ganz egal — Mitgift geben den Kindern muß man!----Ist leicht gesagt, wenn Gott segnet mit Töchtern, und erwachsenen dazu! Nu, versuchen Sie es mal mit drei erwachsenen Töchtern, unbeschrien. alle unter die Chuppe zu führen, da werden wir gleich