Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Lucien Levy-Dhurmer
- Date
- 1907-05-01
- Page
- Seite 305 - 306 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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303 G. Kutna: Luden Levy-Dhurmer 306 L. LEVY-DHURMER Die Blinden von Tanger. PARIS. (Musee du Luxembourg.j scharrt. Der eine gleich einem verdurstenden Hund, der zweite hager, wie ein morscher Stamm, die anderen wie irgend ein nächtliches Gewimmer und alle von Fäulnis angefressen bis auf den letzten Rest. Nicht ohne Beeinträchtigung durch diese Behandlung des Bildraumes ist die Wirkung bei der „Mutter". Auch hier ist die Bildgrenze gelöst, die Peripherie des Daseins nach außen verlegt; aber es ist doch keine Weite darin, weil das Pathos stärker ist als der Natureindruck. Die Einfachheit ist nicht absichtlos genug, die großzügige Form nicht schlechthin organisch, die weiträumige Körperlichkeit zu heroisch gesteigert. Mütterlichkeit, Schwermut und Versonnenheit gehen wohl davon aus, wie eine dunkle Wolke steigt's in die Bildhöhe und beschattet uns eine sinnende Weile. Man denkt an Millet, dessen Formgefühl und Lebensanschauung hier ihren Einfluß geübt haben; aber die tiefe, allseitige Fernwirkung Millets fehlt, der Eindruck ist nach vorn zu beengt ein Betrachtender ist vorausgesetzt. Im vergangenen Jahre wurde Levy-Dhurmer durch einen Staatsauftrag Gelegenheit gegeben, sein Können auf dem Gebiete der Monumentalmalerei zu betätigen; und er löste seine Aufgabe in dem Bilde „Der Richter" für das Palais de Justice in origineller und wirkungsvoller Weise. Der Richter sitzt da, sinnend, grübelnd nach Recht und Gerechtigkeit suchend, ganz Geist, ganz Ergriffenheit, ganz Schauer. Er soll Recht sprechen, soll allen gerecht werden und soll Schicksal sein für vieles Volk. Leid und Leidenschaft umgeben ihn Unschuld und Verbrechen, Not und Zwang umkreisen seinen Richterstuhl, Augen und Seelen sind seines Spruches gewärtig. Dä halt er inne und blickt, von Bangen durchzittert, nach dem rechten Weg in der Möglichkeiten unendlicher Fülle. Alles Licht strahlt über ihm, und doch blickt er in Dunkel und Wirrnis und bebt vor dem eigenen Spruch. Die Hand liegt auf dem Buche des Rechts, daß ist seine einzige Stütze; doch das Gesetz ist begrenzt, durch bestimmte Prägung beengt, das Leben aber ist unendlich, unübersehbar wechselvoll. Darum grübelt der Richter über das Gesetz hinaus, und das Volk harrt um ihn in gespannter Erwartung. Dumpf drängen sie heran und gellende Rufe ertönen; Verzweifelnde ringen die Hände, Diebsvolk und Apachen drohen voll Haß. Daraus sondern sich Einzelgestalten und beleben in stärkerer Helligkeit die Silhouette der Masse. Ein Weib verschränkt keck die Arme und wartet in überlegenem Rechtsbewußtsein auf den Entscheid; ein alter Skeptiker blickt in ironischer Gleichgültigkeit um sich, eine junge Mutter sinnt sorgenvoll vor sich ihn, ein Knabe schaut mit fragendem Kindesblick auf, und das Kind am Boden spielt nichtsahnend mit der Puppe. Die Typen und das Gebahren echt gallisch, echt pariserisch; alles dem Leben der Straße entnommen, unmittelbare Wirklichkeit und doch visionär, voll trivialer Züge im einzelnen und als ganzes doch dichterisch verklärt, von idealem Hauch durchtränkt.