Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Lucien Levy-Dhurmer
- Date
- 1907-05-01
- Page
- Seite 303 - 304 (sequence 2)
- Language
- German
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303 G. Kutna: Luden Levy-Dhurmer. 304 heraus, feingesinnte Realität spiegelt sich darin, nahe und berührbar, und lockt uns doch ins Ferne, zu des Menschendaseins Unergründlichkeiten. Voll Sprache und Klarheit scheint die Menschlichkeit zu uns herüber und ist doch verschwiegen und unerkannt, in weltenfernem Neuland. Das stille Stadtbild umschließt den Hintergrund, Heimstätten träumen darin, die Straßen sind in Stille versenkt und halten den Atem an. Daraus blickt der feine Dichterkopf, fragend und sinnend, als ziehen die Mysterien seiner Dichterwelt an seinem Sehfeld vorüber. Die geistige Feinheit, die Mischung von Reserve und Offenheit im Ausdruck, das leise Vibrieren in den edlen Formen erinnern an Köpfe Lionardos, die delikate Schwermut, die skeptische Mystik geben den Zügen moderne Charakteristik innerhalb eigenartiger Raumillusion. Diese feine Analyse des Menschlichen, in der das Wesen vielgestaltig und doch in Einheitlichkeit erschaut ist, läßt das Vertraute und Phänomenale in reizvollem Widerspruch sichtbar werden, wie ,,Gesten aus alten Zeiten, die in der Haltung des Alltags regsam geblieben nnd in der täglichen Berufsarbeit weiterdauern". Das Geistreiche und Gemütvolle verbindet sich darin, Witz und Sentiment tauchen ineinander und geben dem Bilde die geistvoll dichterische Qualität, die der Franzose so liebt. Die Kritik rühmte daher seiner Kunst nach, sie vereine ebensoviel Realität wie Traum, soviel Wahrheit L. LEVY-DHURMER PARIS. Bettler in Spanien. wie Phantasie und gebe allem poetischen Dasein malerische Wirkung. In dem Oeuvre Levy-Dhurmers sind die Spuren der Entwicklung erkennbar, die er durchgemacht hat und die bei seinem offenen Sinn für Weite und Wandel des Lebens noch lange nicht ihr Ende gefunden hat. In der Ausstellung in der Galerie Petit 1896, durch die er das Interesse der Öffentlichkeit auf sich zog, zeigte er liebenswürdigen Geschmack, abgetönten Realismus mit einer Neigung zum Kunstgeist Italiens und zu der Strömung literarischer Mysitk jener Zeit, in der „alle Schönheit eingefaßt war von Mysterien". Dann kamen wieder Reisen nach Nord und Süd, das Seemannsleben der Holländer, die Märchenpracht Venedigs, das träge Volkselend in Spanien, die Sonnenglut und das Sklavendasein afrikanischer Gestade wirkten auf seine Phantasie ein, und zuletzt gab die Dreyfus-Affäre seinem ganzen Schaffen die bewußt gestaltende Richtung. Die Leidenschaften, die da aufgewühlt wurden, die Schmach und die Erlösung des Rechts ergriffen ihn stark, und seine Kunst bekam innerliche, tiefernste Züge, den Ausdruck sozialen Empfindens. So schafft er heute unter Beeinflussung dieser Gesinnung, der menschlich-sozialen Gefühle, ,,für alle die da leiden". Und die Klärung, zu der das künstlerische Element und das soziale Pathos in seiner Kunst gelangen, werden seine Reife bekunden. Da sind seine „Blinden von Tanger" im Luxembourg. An sich ist die Fassung skizzenhaft, es sind lauter Formen in der Fläche und keine hinreissende Raumwirkung. Aber gerade darin liegt eine gewisse Steigerung; in diesem losen Ausschnitt, ohne greifbare Örtlichkeit, in der zufälligen Anordnung ist eine starke Eindringlichkeit. Die ganze Bildfläche ist gefüllt, die Formen fließen ins Breite, und eben darum liegt auf dem ganzen Bilde die Tragik, auf der ganzen Bildfläche Blindheit. Keine Helligkeit dringt aus noch ein, alles spricht von Blindheit. Eine dumpfe Einheit bilden diese drei, die verschiedene Individualität tritt zurück, in gleichem Daseinselend sind sie eins und dieselbe Blindheit liegt auf allen dreien. Es sind zwei Mauren und ein Jude und doch sind sie dieselben, „das Unglück hat sie geeint", sagt der Künstler. Wie ein Bündel Elend sind sie da, herausgegriffen von irgendwoher, wo's mehr gibt. Alles deutet auf dieses mehr, gibt Hintergründe und erschreckende Weite. So entstehen von der inneren Wirkung aus Raumversenkung und Zusammenhänge, nach außen hin und trotz der skizzenhaften Fassung ist eine weitaus greifende Perspektive darin und tragische Allgemeinheit. Von ähnlicher Wirkung sind die „Bettler in S p a n i e n". Der ganze Winkel ist Betteln, als eine Mauer stehen sie da, bettelnd; wie verankert sind sie in der Ecke, seit langer Zeit dahin gebannt und können nimmer daraus. Die Wirkung der Formen ist zerstückt, die Lichtverteilung dissonierend und trotzdem sind sie einheitlich geschlossene Massen. Zusammengeballt zu einem wirren Haufen, sind sie vom Bildraum eingepreßt; keine Gestalt kann sich entwickeln, nur lauerndes Verlangen dringt daraus, Blicken und. Tasten und ausgestreckte Hände, starre, welke Hände, die nur zum Betteln taugen. Die regen sich automatisch und der Blick folgt stumpf und stierend; darin leben sie, sind sie Leben, im übrigen wie Fallobst aus dem Weg ge-