Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Der Aufstand in Rumänien
- Date
- 1907-05-01
- Page
- Seite 299 - 300 (sequence 4)
- Language
- German
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299 M. A. Klausner: Der Aufstand in Rumänien. 300 keit, wo nicht mehr Spenden genügen, wo es der Opfer bedarf. Für diese Möglichkeiten — deren Verwirklichunguns dauernd ferngehalten sein mag — müssen wir das letzte Aufgebot aufsparen. Sonst handeln wir unklug wie jener Führer, der durch blinden Alarm die Wachsamkeit seiner Scharen nicht schärfte, sondern einschläferte, so dass der ernste Alarm die Ruhenden nicht weckte* Auch der Apparat des politischen Appells will nur mit Auswahl und unter vorsichtigster Abwägung aller Rücksichten in Bewegung gesetzt sein. Der blinde Eifer — auch der von gutem Herzen eingegebene — kann Schaden stiften und stiftet ihn. Wer auf diesem Gebiet improvisieren will, bringt es im besten Falle zu einer unfreiwilligen Persiflage des Posatums, in der Regel sogar zu schlimmerem Erfolg. Die schmerzvollüberlegene Posa-Pose vor einer innerlich ergriffenen Versammlung mag ja für manches Gemüt unwiderstehlichen Reiz haben — den Erfahrenen wird sie nicht in Versuchung führen. Bereit sein, ist Alles. Wir müssen bereit sein. Doch dazu gehört in erster Reihe, dass wir uns ruhig-nüchternes Urteil wahren, dass wir nicht in die Lärmtrompete stossen, bloss weil unsere Feinde es wünschen. Die Alliance Isra61ite Universelle hat zu ihren vielen Verdiensten sich ein neues Verdienst erworben, indem sie die bojarischen Irreführungsversuche durchschaute und vereitelte. Ihr ist es auch zu danken, dass unverzüglich gehörigen Ortes bekannt wurde, wie das neue rumänische Ministerium, in dieser Beziehung mit dem vorigen vollkommen gesinnungseinig, die Folgen des Aufstandes zu abermaligem Rechtsbruch, zu abermaliger vexatorischer Reehtsverkürzung gegenüber unseren Glaubensgenossen zu missbrauchen begonnen hat. Man weiss, unter welchen Erschwerungen den Juden Rumäniens gestattet wird, in ländlichen Bezirken sich niederzulassen. Vor den aufständischen Bauern sind begreiflicherweise unsere Glaubensgenossen — übrigens mit der christlichen Bevölkerung—geflohen. Nach Niederwerfung des Aufstandes kehrten sie in ihre zerstörten Wohnungen zurück. Hier aber mussten sie erfahren, dass ihre Flucht als Aufgeben des Niederlassungsortes anzusehen sei, und sie deshalb ihr Niederlassungsrecht verloren hätten! In Vaslui allein sind hundert jüdische Familien von dieser Justizverhöhnung im Namen des Präfekten betroffen worden! Jüdische rumänische Soldaten haben den Bauernaufstand niederwerfen helfen. Hier ein Beispiel, welchen Dank diese jüdischen Soldaten bei der mit ihrem Beistand geretteten Regierung finden: Bocia Avramescu, in Rumänien von rumänischen Eltern geboren, Unteroffizier der Reserve, wurde ausgewiesen, weil er angeblich bei einem Delikt beteiligt war, und über die Grenze abgeschoben. Der Gerechtigkeit der Richter vertrauend, kehrte er nach Bukarest zurück und stellte sich in Haft. Das Gericht erster Instanz sprach ihn mit der Begründung frei, dassein rumänischer Untertan, welches Vergehen er sich auch habe zu Schulden kommen lassen, nicht des Landes verwiesen werden könne.* Der Staatsanwalt brachte die Sache vor den Apellhof, und dieser verurteilte Avramescu zu dreimonatlichem Gefängnis wegen Bannbruchs und zu erneuter Ausweisung. Jetzt schwebt die Angelegenheit vor dem obersten Gericht, das das Urteil zweiter Instanz nur unter Verleugnung des von ihm früher erlassenen Spruchs, jede Ausweisung eines rumänischen Untertanen sei gesetzwidrig, bestätigen könnte. — Einzig von der Aufmerksamkeit Europas kann die Wirkung erhofft werden, dass sich der oberste Gerichtshof Rumäniens seiner eigenen früheren Entscheidung erinnert. Es ist begreiflich, dass sich unter solchen Umständen in der jüdischen Bevölkerung Rumäniens erneuter Auswanderungsdrang regt. — Unsere Leser werden mit Befriedigung hören, dass die Jewish Colonisation Association die ganze Sorge für die Auswanderung zu übernehmen sich bereit erklärt hat.