Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Der Aufstand in Rumänien
- Date
- 1907-05-01
- Page
- Seite 295 - 296 (sequence 2)
- Language
- German
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295 M. A. Klausner: Der Aufstand in Rumänien. 296 halten kann, und als der tatsächlich ausgebrochene Bauernaufstand weder vor jadischen Läden noch vor den Häusern jüdischer Pächter respektvoll Halt machte, so wenig wie vor den Besitzungen des Königs Carol und der rumänischen Grossbojaren. Trotzdem ist die Täuschung fast unbegreiflich. Die „Alliance Israölite Universelle" hatte aus Rumänien während der ganzen Vorbereitungszeit des Aufstandes ausführliche und zuverlässige Berichte, die auch in der Aprilnummer dieses Blattes veröffentlicht worden sind. Wer unterrichtet sein wollte, der war es. Auch hatte die Alliance im Verein mit der Israelitischen Alliance in Wien, ihrem Schwesterinstitut, alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen, nicht minder die Aufmerksamkeit derer, die es anging, auf die kommenden Dinge gelenkt. Es bedurfte nicht der Erfahrungen, die sie in fast halbhundertjähriger Tätigkeit gesammelt hatte, damit sie sich sage: bei dem bevorstehenden Sturm werde es an Schädigungen jüdischen Eigentums über den prozentualen Anteil hinaus nicht fehlen, während bei der demnächstigen Entschädigung die Juden Rumäniens kaum auf ihren vollen Anteil kommen würden. Sie sah auch eine Fluclitbewegung der Bedrohten voraus und traf in der Stillle ihre Vorkehrungen. Sie mobilisierte ihre Vertrauensmänner in Rumänien und in den Grenzstaaten, namentlich in den bulgarischen und österreichischen Grenzorten — übrigens unter wohlwollendster Unterstützung und Förderung von Seiten der österreichischen und bulgarischen Behörden, die sofort die sonst geltenden Vorschriften über die Grenzsperre aufhoben — und als das Unheil da war, war auch schon die Hilfe zur Hand, waren die Gelder für die augenblickliche Hilfe angewiesen, die Mittel zur weiteren Hilfe schon bereit. Bei alledem wurde klugerweise kein Wort von einer Judenverfolgung verlautet. Denn es gab keine Judenverfolgung in Rumänien im eigentlichen Sinne, es gab nur eine allgemeine Landeskalamität, unter der die Juden mit der übrigen Bevölkerung zu leiden hatten! Das ändert an der Tatsache nichts, dass in Rumänien die Juden seit dreissig Jahren bedrückt und, entgegen feierlich vor Europa abgegebenem Versprechen, von den natürlichsten Rechten ausgeschlossen, durch ein System von gesetzgeberischen Chikanen der unwürdigsten Behandlung planvoll unterworfen werden. Nur eben jetzt war der Aufstand nicht gegen die Juden, sondern gegen die Bojaren gerichtet, und diesen Bedrückern der Juden half man, leistete man, unwissentlich natürlich, Dienste, indem man die rumänischen Juden als die Zielpunkte und damit, wenigstens in gewissem Sinne, als die Anlassgeber des Aufstandes hinstellte. Gewiss ist der rumänische Bauernaufstand ein Zeugnis rumänischer Misswirtschaft. Auf jüdischer Seite hatte man aber nicht das geringste Interesse — nur auf bojariseher Seite hatte man es und machte daraus auch kein Hehl — die falsche Vorstellung zu unterstützen, dass der Bauernaufstand in Rumänien der Ausdruck der Feindseligkeit sei, den die bäuerliche Bevölkerung gegen die rumänischen Juden empfinde. Unser Interesse verlangte vielmehr, dass wir vor Europa wiederholten und laut verkündeten, was die Bojaren in Senat und Deputiertenkammer, wo sie „unter sich" waren, unumwunden eingestanden hatten. Unsere Sache war es, die Signatarmächte des Berliner Vertrages darauf hinzuweisen, dass die Bedrohung der öffentlichen Ordnung in Rumänien mit eine Folge ist des fortgesetzten Rgchtsbruchs, dessen Opfer unsere Glaubensgenossen seit einem Menschenalter sind. Die nämliche Politik ist es, die in Rumänien die Judenbedrückung und die Bauernbedrückung gezeitigt hat, derselbe Faden wird in dem einen wie in dem anderen Falle gesponnen, derselbe Faden und dieselbe Nummer. Es wäre vielleicht nicht einmal unbedingt nötig gewesen, die Signatarmächte des Berliner Vertrages ausdrücklich anzugehen. Denn diesen ist die Entwickelung der rumänischen Verhältnisse durch ihre Gesandten bekannt, ebenso bekannt wie der Alliance Israelite Universelle. Unter allen Umständen ist das jetzt der Fall. Dass für unsere geschädigten rumänischen Glaubensgenossen alles irgend Erforderliche geschieht, ist selbstverständlich. Dafür sind die Hilfsorganisationen da, vor allem die Alliance Israelite Universelle, die für jeden ersten Anprall in jedem Augenblick gerüstet und bereit ist Ihre Mobilmachungspläne sind immer fertig. Um so weniger ist es erforderlich, nervöse Hast zu zeigen und in noch so wohlgemeintem Eifer Alarmrufe auszustossen, die Aufregung ohne Not verbreiten undStörung indie vorhandene Hilfsorganisation tragen. - Wir sind, Gott sei es geklagt, in der Notwendigkeit, uns für schlimme Fälle gerüstet zuhalten, für weit schlimmere, als deren Schauplatz Rumänien jüngst gewesen ist. Wir müssen, Gott sei es geklagt, immer an Möglichkeiten denken, die uns zwingen können, unsere begünstigteren Glaubensgenossen alle aufzurufen zu einem Landsturm der Wohltätig-