Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Aus den alten Gemeinden
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 263 - 264 (sequence 3)
- Language
- German
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263 Leon Scheinhaus-Memel: Aus den alten Gemeinden. 264 und für den jüdischen Armen wird das Leben ungemein schwer, geradezu unerträglich; alle unentbehrlichen Gegenstände als Fleisch, Fisch und überhaupt sämtliche Lebensmittel können nur von den von der Gemeinde bestellten Pächtern bezogen werden; das Recht des Handels mit den meistens erträglichen Artikeln war mit hohen Abgaben verbunden und gehörte ausschliesslich den Hausbesitzern, der Handel mit einzelnen Waren war überhaupt Monopol der Gemeinde. Sogar das Recht der Freizügigkeit war mitunter sehr beschränkt, jeder Neuangesiedelte musste eine grosse oder kleine Summe für das Niederlassungsrecht („cheskath Jischuw") entrichten. Während so das Recht des Umzuges von einem Ort zum andern für den armen Juden aufs äusserste beschränkt war, während die Ausübung des Berufs selbst innerhalb der eigenen Gemeinde erschwert genug war, nicht nur durch hohe Gewerbeabgaben, sondern noch mehr durch kleinliche händelsuchende Kontrollen, waren die Steuerpflichten eines jeden Juden gegenüber der Gemeinde am Ende des 18. Jahrhunderts über alles Mass gestiegen. Es gab keine Möglichkeit der ungeheuren Ueberbürdung zu entgehen, und die Bürde wurde dadurch noch drückender, dass die wohlhabenden Steuerzahler sich das Vorrecht erworben hatten, ausserhalb des Gemeinderayons wohnen zu dürfen, und nunmehr als nicht zur Gemeinde gehörig nicht zu deren Lasten herangezogen werden konnten. * * Aus dem Innern kam das fiebeihafte, heisere, ungleichmässige Atemholen des Kindes. Eine kleine Lampe mit grünlichem Glaskörper brannte auf dem Nachttischchen. Der Alte trat an das Bett und blickte unruhig forschend in das Gesicht des Kindes. So stand er eine Weile, indem er den Atem anhielt, dann entrang sich ein Seufzer seiner Brust; er schlich sich leise aus dem Alkoven, Hess sich schwer aut den Stuhl sinken, stützte die Arme auf die Kniee und schüttelte das graue Haupt. Er war gebückt und sah aus, als wäre er um zehn Jahre gealtert. Seine Lippen bewegten sich tonlos, die Brust keuchte schwer, und die Augen waren auf den Boden geheftet. Die dünne Kerze im Zinnleuchter brannte zischend nieder. * * * Am nächsten Morgen erwachte die schmale Gasse still und ruhig wie gewöhnlich. Schon frühzeitig stand Mendel Gdanski in seiner Lederschürze beim Arbeitstisch. Seine grosse Schere knirschte eifrig mit hartem Ton am Papier, die bis zur letzten Windung herabgedrehte Schraube kreischte, das Soweit Prof. Berschadsky, gestützt auf Quellennachweise aus amtlichen Gemeindeakten und archäographischen Archiven. Alle diese Kalamitäten waren eine Folge der polnischen Misswirtschaft, die nach dem Jahrzehnt des Schreckens 1648—58 sich aufgetan hatte. Erst mit der Eroberung der Provinzen durch Russland sind nach und nach geordnete Verhältnisse eingetreten, namentlich durch das Organisationsgesetz Alexanders 1. vom 9. Dezember 1804. Doch selbst unter der Ungunst der polnischen Konfliktzeit war das jüdische Gemeindewesen nach innen von ruhmvoller Lebendigkeit, wie das folgende Kapitel zeigen soll. Wie früher in Mitteleuropa*), so war es auch in Litauen die musterhafte Ordnung des inneren Gemeinwesens, die bei allen äusseren ungeordneten und bedrängenden Verhältnissen einen Halt bot. Ein Verdienst des herrschenden Gemeindesinns ist es, der den Bedrängten Erholung und Sammlung ihrer idealen Bestrebungen ermöglichte, dass die Juden nicht ganz unter den Bürden und Lasten erdrückt wurden, dass sie vielmehr gegen alle äusseren Drangsale Widerstandskraft aus ihrem inneren Leben gewannen. (Schluss folgt.) *) Vergl. einen Aufsatz: „Zum jüdischen Synagogen- und Gemeincleleben im Mittelalter u Israelitische Wochenschrift, wissenschaftliche Beilage, Februar 1899. Nachdruck verboten. schmale lange Messer blitzte in der Morgensonne mit seiner abgewetzten Klinge, die Papierstreifen fielen geräuschlos nach rechts und nach links zu Boden hinunter. Der alte Buchbinder arbeitete fieberhaft angestrengt. Sein welkes, tiefgefurchtes Gesicht verriet eine schlaflos verbrachte Nacht. Erst als er den leichten Kaffee getrunken hatte, den ihm die Nachbarin gebracht, wurde ihm etwas frischer zu Mute, er stopfte sich das Pfeifchen und ging, den Enkel zu wecken. Der Knabe hatte seltsamerweise verschlafen. Bis in die späte Nachtstunde hatte er sich aut seinem Lager hin- und hergewälzt, jetzt schlief er einen ruhigen, stillen Schlaf. Der schmale Sonnenstrahl, der durch die Oeffnung im roten Vorhang in den Alkoven drang, glitt über seine Augen, seine Lippen und seine zarte, entblösste Brust, bald wieder entzündete er in den weichen, dunklen Haaren und den langen gesenkten Wimpern goldige, flimmernde Fünkchen. Der Alte blickte den Knaben liebevoll an. Seine Stirn glättete sich, der Mund öffnete sich, und in den Augen erschien ein eigentümlicher Glanz. Dann DER POGROM. Von Maria Konopnicka. — Aus dem Polnischen. (Schluss.)