Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Isaak Lewithan
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 243 - 244 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583959-2588485--07066-2588566- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
243 Georg Hermann: Isaak Lewithan. 244 aber das erscheint nur als eine Aeusserlichkeit. Die Empfindung für die Seele der Landschaft, die Liebe zur Scholle, die Liebe zur Luft und zu den Schönheiten des Himmels, sie hat sich indessen nicht gewandelt und ist indessen nicht stärker geworden. Mehr oder weniger Hellsehen, das ist eine Modesache, eine Sache der Erziehung und des Fortschreitens; das andere ist eine Sache der Stärke der Begabung und der Innigkeit des künstlerischen Empfindens; das andere ist eine Sache des Temperaments, der Freude an den Dingen und der Liebe zur Schönheit dieser Welt, die sich uns vor allem in dem Heimatboden verkörpert. Man möchte sagen, dass in den Landschaften Lewithans das Natarempfinden eines Turgenieff steckt. Das sind die Felder, die Birkenhaine, die Feldwege, der Reichtum der Ernten, die Armseligkeit der Dörfer, die versandeten, versinterten Tümpel und Flussläufe aus dem „Tagebuch eines Jägers." Und das ist die Liebe zur Erde, der festen schweren Scholle, eine Liebe, die sich gleichsam niederwirft und den Boden küsst, und die nicht müde wird, ewig das Lied zu singen von der Fruchtbarkeit und Zeugungskraft der Erde und von der Tiefe und Durchsichtigkeit der weiten windzerrissenen Himmel, die sich über sie spannen. Lewithan hat Herbstbilder gemalt mit Birken, die wie gelbe Flammen lodern, und einer Buntscheckigkeit ferner Waldlinien, dass wir an ein Feuerwerk glauben. All das in einer Malerei, die so fest, ölig, schwer und saftig ist, als hätte er gleichsam Erde in seine Farben hineingerieben; und doch haben seine Bilder trotz leuchtender Farben eine so unerhörte Tonschönheit, dass man sie neben die besten Landschaften der Fontainebleauer stellen kann, — ja dass sie fast an Schönheit des Silbergraus, das alle Farben bindet, über sie hinaus gehen. Neben dem Wurzelfesten und Bodenständigen lebt in allen Werken Lewithans jener seltsame Zug von Melancholie, der ja die Eigenheit der russischen Volksseele und der russischen Landschaft ist. Diese Melancholie schwebt über den ganz einfachen Formen einer Landschaft und sie ist der hellen Klarheit eines lichten Herbsttages ebenso eigen, wie dem aufgehenden Mond an schwülen Sommerabenden über ruhigen Wassern und weiten Stoppelfeldern, auf denen die Pilze der riesigen Heuschober stehen. Wir Fremden haben bei Russland den Gedanken der Einsamkeit und den Gedanken an riesige sich spannende Flächen, das G-efühl von etwas unerhört Grrossräumigen, von dem der Einzelne doch nur einen kleinen Winkel, eine Einsamkeit und Ewigkeit für sich umspannen kann. Und nie mehr vor rassischen Bildern wird diese Empfindung wieder so stark in uns Fremden geweckt, wie hier vor den Arbeiten Lewithans. Diese Bilder sind in Natur nicht gross, manche sogar vielleicht nur 20 zu 30 cm, und doch — welche unendlichen Räume — das ganze unendliche Russland scheint in die engen Rahmen gespannt zu sein. Und mit welchen einfachen Mitteln ist da der Raum nacbgeschaffen. Die Landschaft scheint ungegliedert und verliert sich doch in endlosen Weiten. Fast nirgend sind es Mittel der Perspektive, überall ist es die Farbe und die feinen Veränderungen der zitternden Luftschicht vor den Dingen, welche den Raum zum Ausdruck bringen. Dieser Künstler ist mit einer Feinheit für alle Schwankungen der Farbe und Helligkeit begabt, wie wir sie kaum wieder treffen, es sei denn vielleicht bei holländischen