Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Ost und West in der jüdischen Wanderung
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 221 - 222 (sequence 3)
- Language
- German
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221 Dr. S. Bernfeld: Ost und West in der jüdischen Wanderung. 222 drängt, wobei sich kleine Reste bis auf den heutigen Tag erhielten, in manchen Gemeinden aber neben der spanischen auch die frühere Sprache noch gilt. Allerdings darf man nicht annehmen, dass die Auswanderer aus Spanien und Portugal, die man auf etwa 300000 schätzte, diese Eroberung auf dem sprachlichen Gebiet vollzogen hätten. Etwa zwei Jahrhunderte hindurch erhielten sie von ihrer ehemaligen Heimat dadurch Zuzug, dass viele, die zuerst als Scheinchristen in Spanien und in Portugal zurückgeblieben waren, dort doch nicht bleiben konnten und sich zu ihren ehemaligen Leidensgenossen flüchteten. Was sich jetzt vor unseren Augen vollzieht, dass nämlich russische, polnische, und rumänische Juden, die sich in der neuen Welt einigermassen eingebürgert haben, nach und nach ihre in der Heimat zurückgebliebenen Verwandten und Bekannten zu sieh kommen lassen, geschah damals mit den spanischjüdischen Emigranten. Nur dieser Zuzug, der zwei Jahrhunderte anhielt, ermöglichte ihnen, alte griechische, slavischeJoder arabische Gemeinden allmählich zu romanisieren. Auf eine volkspsychologiscli merkwürdige Erscheinung möchte ich noch hinweisen. Für die deutscli redenden Juden ist die deutsche Sprache eififäeh die 'jüdische" geworden, worüber nur Narren spotten können. Auch die spanischen Juden bezeichnen die von ihnen gesprochene REGINA MUNDLAK, spanische Mundart als „judaismo". Bekanntlich ist ein Teil des hebräischen Wortschatzes in den jüdisch-deutschen Dialekt eingedrungen. Auch der jüdisch-spanische Dialekt enthält manche hebräische Worte, aber bei weitem nicht in dem Umfang wie der jüdisch-deutsche. Wie kommt das? Bei den deutschen Juden war das geistige Leben viel tiefer in alle Volksschichten eingedrungen, alle strebten danach, das hebräische Schrifttum zu kennen, in dem sie lebten und geistige Nahrung fanden. Was sie diesem Schrifttum entnahmen, trugen sie zum Teil in die deutsche Umgangssprache hinein. Es ist bekannt, dass sie zumeist für Begriffe und Vorstellungen aus dem geistigen Leben die Bezeichnungen aus dem Hebräischen entnahmen. Die deutsche Sprache bot ihnen diese nicht zur Genüge, da die jüdischen Massen kulturell den deutschen Massen in den früheren Jahrhunderten weit voran waren. Bei den spanisch redenden Juden hingegen standen die Dinge ganz anders. Auch in der besten Zeit blieb die Kenntnis des hebräischen Schriftmms auf den engen Kreis der Gebildeten und Gelehrten beschränkt. Die unteren Massen wussten nicht viel davon. Da aber das Spanische als Kultursprache sich früher entwickelte als das Deutsche, so brauchten die Juden in ihrem Kulturleben nicht so oft ihre Zuflucht zu dem hebräischen zu nehmen. Auf diese Weise hat sich die jüdisch-deutsche Mundart viel jüdischer entwickelt als die jüdisch- JUEDISCHER KNABE AUS POLEN. sPamsche-