Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Ost und West in der jüdischen Wanderung
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 219 - 220 (sequence 2)
- Language
- German
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219 Dr. S. Bernfeld: Ost und West in der jüdischen Wanderung. 220 wickelt, national und kosmopolitisch zugleich. Und nicht nur das, die Kulturgeschichte der Menschheit ist von dieser Erscheinung überall und zu allen Zeiten stark beeinflusst. Die Spuren des jüdischen Geistes sind bei allen Völkern zu finden, selbst bei solchen, die seit Jahrhunderten alle Gemeinschaft mit dem jüdischen Volk aufgegeben zu haben glauben. Am merkwürdigsten aber ist das sprachliche Problem der Juden. Als die israelitischen Stämme aus dem Morgenlande erobernd in Kanaan eindrangen, sprachen sie zweifellos aramäisch, die Sprache ihres Heimatlandes. Das Hebräische, die Sprache Kanaans, haben sie von den unterworfenen Stämmen übernommen und sie zu ihrer nationalen Sprache gemacht, in der sie das niedergelegt haben, was für ewige Zeiten das geistige Merkmal des jüdischen Volkes und dessen Bedeutung in der Weltgeschichte bilden wird. Die kanaitische Sprache ist somit zu einer israelitischen geworden, zu einer, die von der Bevölkerung, die sie einst gesprochen, losgelöst wurde und mit der kulturellen Entwicklung des jüdischen Volkes aufs innigste verknüpft ist. Nachdem aber die Juden in dieser Sprache alles niedergelegt hatten, was ihre geistige schöpferische Kraft zu bieten hatte, kehrten sie zu ihrer ehemaligen Muttersprache zurück, zu der aramäischen. Auch in dieser Sprache schuf das Volk manches hervorragende Geistesprodukt, und obwohl die Juden dieses Idiom mit mehreren anderen Völkern in Vorderasien teilten, ist durch eine merkwürdige Verkettung der Umstände das aramäische nur als Volks- und Literatursprache der Juden geblieben. Wir haben kaum eine Ahnung davon, wie die eigentlichen aramäischen Stämme diese Sprache gesprochen und literarisch verwendet haben. Denn die zahlreichen literarischen Denkmäler des aramäischen Idioms sind ihrem Inhalt nach jüdisch, in ihnen werden ausschliesslich Dinge behandelt, die das Judentum betreffen. Man muss annehmen, dass dadurch <'' die Sprache lexikalisch, d. h. in ihrem Wortschatz und auch in ihren Formen vieles übernommen hat. Wir haben also diese Sprache nur in der vom Judentum REGINA MUNDLAK. Gestalt, in der sie sich bei den Juden entwickelt hat. — Dass die Juden auf ihrer tausendjährigen Wanderung an verschiedenen Orten verschiedene Sprachen angenommen und in der Folge diesen Sprachen den Stempel ihres geistigen Lebens und Schaffens aufgedrückt haben, ist ja bekannt. Ein Stück jüdischen Kulturlebens ist aufbewahrt in der griechischen Sprache, in der syrischen, arabischen und persischen. Von den neueren Sprachen spielen die deutsche und spanische im Leben der Juden die grössle Rolle. Für absehbare Zeit kann man sogar behaupten, dass abgesehen von einigen kleinen Sprachgebieten, die Juden sich in eine grössere deutsche und eine kleinere spanische Hälfte teilen. Es sieht so aus, als ob das Volk, das bereits so viele Sprachen gelernt und wieder vergessen hat, nunmehr bei diesen beiden genannten bleiben will, die so innig mit seiner Geschichte im letzten Jalntausend zusammenhängen. Ein Irrtum ist es, wenn man glaubt, dass alle deutsch- oder jüdischdeutsch sprechenden Juden von denen abstammen, die vor Jahrhunderten die deutsche Heimat verlassen mussten und in der Fremde die nun einmal angenommene Muttersprache in rührender Anhänglichkeit wahrten. So viele Juden sind gar nicht von Deutschland nach Polen eingewandert. Tatsächlich haben die deutschen Einwanderer im Osten und im Nordosten zahlreiche jüdische Gemeinden vorgefunden. die ihr slavisches Idiom sprachen. Da ihnen aber die deutschen Juden kulturell überlegen waren, so verdrängte die deutsche Sprache allmählich die slavische. Die jüdischen Emigranten haben somit in der Fremde nicht nur unter sich die deutsche Sprache erhalten, sondern auch mit ihr andere Sprachgebiete erobert. Dasselbe gilt auch für die spanisch redenden Juden im Südosten von Europa, in Nordafrika, in Egypten, in Syrien und Kleinasien. Bevor die grosse Wanderung von der pyrenäischen Halbinsel begonnen hatte gab es den genannten Ländern grosse Gemeinden, in denen slavisch, griechisch oder arabisch gesprochen wurde. Diese Sprachen wurden erst im Laufe der Zeit nach und nach ver- 5 in STUDIE.