Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- Moritz Steinschneider
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 183 - 184 (sequence 2)
- Language
- German
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183 Dr. S. Almoni: Moritz Steinschneider. 184 lebten (Wolf hat seinen judischen Fachgenossen Asulai persönlich gekannt und sehr geschätzt), haben in der hebräischen Bibliographie wertvolles geleistet. Indessen haften ihren Arbeiten grosse Mängel an, die freilich auch die Mängel ihrer Zeit waren. Steinschneider hatte gegen sie den Vorzug, dass er zu einer Zeit lebte, wo die jüdische Geschichte aus ihrem Dunkel geführt und wissenschaftlich erforscht war. Die hebräische Bibliographie hatte nämlich in den früheren Jahrhunderten dasselbe Missgeschick erfahren, wie die jüdische Geschichte. Grätz bemerkt sehr zutreffend, dass der jüdischen Geschichte vordem beide Augen fehlten: Orts- und Zeitbestimmung. Von vielen Begebenheiten wusste man nichts. Das war aber nicht das Schlimmste, da man das fehlende durch neue Forschungen ergänzen konnte. Viel irreführender war es, dass manche bekannten Ereignisse in eine falsche Zeit oder an eine falsche Stelle verlegt wurden. Alles war durcheinandergeworfen. Es hielt sehr schwer, die Irrtümer, die so festgewurzelt waren, zu berichtigen. Aehnliches geschah auch mit der hebräischen Bibliographie. Autoren, die zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern gelebt hatten, zumal wenn sie gleiche oder ähnliche Namen lührten, wurden im Lauf der Zeit mit einander verwechselt; ebenso erging es den Büchertiteln. Die Flüchtigkeit der Abschreiber, die merkwürdigen Schicksale, die jüdische Bücher oft erfuhren, die ewige Unruhe in der sich jüdische Bücherbesitzer früherer Jahrhunderte befanden, die Furcht vor der Zensur und den Denunziationen, die häufigen Bücherkonfiskationen — all dieses trug reichlich dazu bei, die hebräische Bücherkunde zu einem Knäuel von Irrtümern und Missverständnissen zu machen. Es kam nicht selten vor, dass durch irgend einen Zufall ein handschriftlicher Kodex aus verschiedenen Bücherteilen zusammengesetzt war, die miteinander in nur losem Zusammenhang standen. Sie gehörten verschiedenen Autoren an. In früherer Zeit war es nicht unmöglich, dass ein solches Buch kritiklos gedruckt und in die Welt geschickt wurde. Als der Sinn für wissenschaftliche Ordnung der hebräischen Bücherschätze erwachte, war es nicht leicht, den Knäuel zu entwirren, die hebräischen Bücher von dem Schimmel zu befreien, der sich auf sie im Lauf der Jahrhunderte gelagert hatte. Wolf hat für sein bibliographisches Buch in erster Reihe die berühmte Oppenheimische Büchersammlung benutzt, die damals in Hannover verpfändet war. Sie enthielt seltene Drucke und auch viele Handschriften. Schon die Bücher bibliographisch zu ordnen, war gewiss ein verdienstvolles Werk. Aber von einem christlichen Gelehrten, der sich immerhin nur schwer in den Text dieser Schriften hineinlesen konnte, durfte man nicht verlangen, dass er alle Fehler vermeide, die sich durch falsche Vermerke auf den Büchertiteln ergaben. Noch weniger konnte er Irrtümer aulhellen, die aus falschen Zusammenstellungen verschiedener Hefte oder Bücherteile entstanden waren. Dasselbe lässt sich auch von de Eossi sagen, der namentlich italienische Bibliotheken benutzte, so auch die berühmte Foa'sche, die die seltensten und inhaltlich wertvollsten Handschriften, zum Teil tausend Jahr alte Autogramme, umfasste, später aber, um die Zeit der italienischen Freiheitskämpfe, bis auf wenige Nummern verloren ging. Asulai war ein bedeutender jüdischer Gelehrter, der wohl sehr gut in den von ihm beschriebenen Büchern Bescheid wusste. Aber ihm fehlten die materiellen und wissenschaftlichen Mittel, um die Bibliographie kritisch zu behandeln. Auch beschrieb er nur einen geringen Bruchteil des hebräischen Schrifttums. Steinschneider vereinigte bei seltener Begabung die umfassende Gelehrsamkeit Asulais mit der wissenschaftlichen Akribie seiner christlichen Vorgänger. Dazu kam noch seine gründliche Kenntnis mehrerer semitischer Idiome. Eine grosse Rolle spielten unzweifelhaft in seinen gelehrten Forschungen die modernen Komunikationsmittel, durch die allein es ihm möglich wurde, an fremden Orten vorhandene Büchersammlungen entweder selbst zu besichtigen, oder sie bibliographisch durch andere verwerten zu lsssen. Es wäre eine unangebrachte Schmeichelei, wollte man behaupten, dass alle bibliographischen Arbeiten Steinschneiders frei von Fehlern und Irrtümern seien. Gerade sein Hauptwerk, der grosse lateinisch geschriebene Katalog der Bodleiana hat solche Mängel in nicht kleiner Zahl aufzuweisen. Aber das verringert die Bedeutung Steinschneiders nicht im geringsten. Vor ihm und neben ihm hat keiner die hebräische Bibliographie so vollständig beherrscht und so umfassend behandelt. Das merkwürdigste ist aber, dass die Arbeiten Steinschneiders, die ihm zu solcher Berühmtheit verhalfen, nicht einmal die bedeutendsten von ihm waren. Es erging ihm darin wie seinem von ihm mit Recht bewunderten Freund Leopold Zunz, der ebenfalls durch ein grosses Buch berühmt wurde, das nicht sein grösstes war. Steinschneiders kulturgeschichtliche Forschungen sind von einer Bedeutung, die man in einem Nekrolog nicht erschöpfend behandeln kann. Was er zu der Geschichte der Philosophie, der Mathematik, der Astronomie, der Medizin usw. beigetragen hat, ist bekannt genug. Er schrieb über Bücher verschiedener Sprachen und in verschiedenen Sprachen. Was er über den innigen Zusammenhang zwischen der altklassischen und der arabisch-jüdischen Kultur für wertvolles Material zusammengetragen hat, das allein würde genügen, ihm ein ruhmvolles Blatt in der Geschichte der Wissenschaft zu sichern. Moritz Steinschneider war ein eigenartiger Gelehrter, ein Mann, der auch in seiner Persönlichkeit überaus interessant war. Man hat oft behauptet,, dass seine Gelehrsamkeit vom Leben losgelöst sei. Für die Gegenwart, für das moderne Leben und seine Anforderungen habe er. wenig Verständnis gezeigt. Indessen muss man in Betracht ziehen, dass er stets seinen Stolz darin setzte, nur für die Wissenschaft und für Wenige zu schreiben. Ein