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Ost und West · 1907-03-01 · Heft 3 (März 1907) · p. Seite 167 - 168

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 3 (März 1907)
Article
Prinzessin Goldhaar
Date
1907-03-01
Page
Seite 167 - 168 (sequence 1)
Language
German
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107 168 PRINZESSIN GOLDHAAR. Aus dem Englischtn übertragen von Hulda Zlocisti.*) Nachdruckverboten. Es war einmal ein alter frommer Mann, der war sehr, sehr reich. Er hatte nur einen einzigen Sohn, namens Joehanan. Dieser Joehanan hatte ein schönes and frommes Weib. Als sein Vater im Sterben lag, rief er seinen Sohn zu sich und ermahnte ihn, sich mit der Lehre Gottes zu beschäftigen und fort und fort Werke der Liebe und Barmherzigkeit zu üben. All seinen Reichtum hinterliess er ihm und dann sprach er zu ihm also: ..Wenn die Tage der Trauer um mich vorüber sind, geh hinaus auf die Gasse und warte, bis Du einen Manu des Weges kommen siehst, der seine Ware auf dem Markte verkaufen will, kauf ihm die Ware ab, nimm sie mit Dir nach Hause und behüte sie wol". Bald darauf starb der alte Mann und wurde mit allen Ehren begraben. Dreissig Tage trauerte sein Sohn um ihn; und dann gedachte er der Weisung seines Vaters und ging hinaus auf die Strasse, wie ihm geheissen ward. Dort setzte er sich nieder. Da kam ein Mann des Weges, der ein schönes Gefäss trug. Jochanan fragte ihn, ob er das Gefäss verkaufen wolle. „Ja", antwortete jener. „Wie viel verlangst Du dafür?" ..Hundert Goldstücke", sagte der Mann. „Gib es mir für sechzig", sagte Joehanan. Der Mann weigerte sich und setzte seinen Weg fort. Da erinnerte sich Jochanan des Wunsches seines frommen Vaters und rief dem Manne nach: „Gib mir das Gefäss, hier hast Du die hundert Goldstücke, die Du verlangt hast." Da antwortete der Mann: „Wenn Du mir zweihundert Goldstücke zahlen willst, werde ich Dir das Gefäss geben; wenn nicht so gehe ich meines Weges." Da sagte Jochanan: „Ich will Dir nicht mehr geben als die hundert Goldstücke, die Du selbst verlangt hast." Da ging der Mann weiter. Jochanan aber glaubte, dass er den Gegenstand kaufen müsse, um seines "Vaters Weisung zu erfüllen, und liet hinter ihm drein und sagte: „Hier hast Du die zweihundert Goldstücke, die Du verlangst." Der Mann antwortete: „Wenn Du es zufrieden bist, mir tausend Goldstücke zu Treben, sollst Du das Gefäss haben; wenn nicht, so muss ich gehen." Da nun Jochanan sah, dass der Mann jedes mal. da er ihn zurückrief, immer mehr verlangte, so zahlte er die tausend Goldstücke, um sich nicht gegen den Vater zu versündigen, und nahm das Gefäss mit nach Hause und und stellte es beiseite. Manchmal versuchte er, es zu öffnen, aber vergebens. Am Passah-Abend, als er und sein frommes Weib sich zu Tische setzten, ivm den ersten Seder-Abend zu feiern, bat er seine Frau, sie möge das Gefäss, dass er gekauft habe, herbeiholen und es zu Ehren des Festes auf den Tisch stellen. Die fromme Frau tat also. Jetzt versuchte Jochanan wieder es zu öffnen und siehe: es gelang. In dem grösseren Gefäss fand er noch ein kleineres. Und als er das kleine Gefäss öffnete, fand er darin einen kleinen Skorpion. Da erschraken die beiden Leute gar sehr. *) Nach einer aus dem hebräischen Manuskript hergestellten Übersetzung von Dr. Güster (Folk-Lore. 1906). Der Originaltext befindet sich in der Bodlciana und entstammt augenscheinlich dein 12. Jahrhundert. Dem hebräischen Text (etwa 100 Märchen enthaltend) ist ein hebräisch - altfranzösisches Glossarium angefügt. Dieses Manuskript stellt aber auch nicht die erste Niederschrift der Märchen dar. sondern ein grosser Teil, darunter auch das hier wieder gegebene, finden sich schon in einem dem 5. Jahrhundert entstammenden Manuskript, das in Palästina geschrieben wurde und sich im Besitze des Dr. Gaster befindet. Eine neuere Bearbeitung, die durch Fortlassung aller religiösen Momente verwässert ist, findet sich bruchstückweise in dem ..Maasseimch" wieder. Jochanan aber fasste Mut, nahm den Skorpion heraus und gab ihm zu fressen. Er wand sich um Jochanans Hals und umarmte und küsste ihn, Und als er gesättigt war, kroch er wieder zurück in das kleine Gefäss. Jochanan verschloss es und stellte es wieder in das grössere Gefäss hinein, worin es zuvor gestanden. Dann sprach er zu seinem Weibe: „Mein Vater bat mich wohl nicht umsonst, also zu tun. Wir sollen den Skorpion füttern und grossziehen und acht geben, was daraus wird." Sie fütterten ihn nun jeden Tag, so dass er wuchs und bald nicht mehr in das kleine Gefäss hineinschlüpfen konnte. Da setzten sie ihn in das grössere; aber der Skorpion wuchs und wuchs und wurde so gross, dass man einen besonderen Platz für ihn schaffen musste. Und Jochanans Reichtum ward immer kleiner, denn der Skorpion frass alles, was sie besassen, bis er so ungeheuer gross ward, dass er nicht mehr in das Haus, ja nicht mehr in den Hof hinein konnte. Und er wuchs immer noch, bis er wie ein riesiger Berg anzusehen war. Als Jochanan nun gar nichts mehr besass, was er ihm zu fressen geben konnte, weinte er und sprach zu seiner Frau: „Was sollen wir nur tun, um ihn mit Nahrung zu versorgen? Nichts ist uns geblieben. Alles was wir besassen, hat er verschlungen." Sein Weib riet ihm, sein Gewand zu verkaufen. Auch sie wollte am nächsten Tage ihr Kleid verkaufen, um dem Skorpion Nahrung zu geben. So taten sie auch. Nun aber hatten sie nichts mehr. Und Jochanan warf sich nieder vor Gott und sprach: „Du weisst es, o Herr, dass ich alles hingegeben habe, um den Wunsch meines Vaters zu erfüllen und dass mir nichts, gar nichts mehr geblieben ist. Enthülle es mir, wozu ist der Skorpion nütze, den ich grossgezogen habe, und was soll daraus werden?" Da öffnete der Skorpion seinen Mund und sprach: „Gott hat Dein Gebet erhört und hat mir erlaubt, zu Dir zu sprechen. Ich weiss, dass Du alles für mich getan hast, was Du nur konntest, und dass Du mir nichts von Deinem Besitztum vorenthalten hast. Nun dafür darfst Du einen Wunsch aussprechen, den ich Dir erfüllen will." Und Jochanan sprach: „Lehre mich denn alle Sprachen der Welt." Das tat er und Jochanan konnte nun verstehen die Sprache aller Tiere, A^ögel und Vierfüssler und alle Sprachen der Welt. Und der Skorpion sprach weiter: „Lass auch Dein frommes Weib, die sich so viel Mühe mit mir gab, und die so voller Eiter war, mich zu bedienen, lass auch sie einen Wunsch aussprechen, den ich ihr erfüllen will." Die Frau sagte: „0 mein Herr, gib mir genug, um mich, meinen Mann und mein Haus zu erhalten." „Folge mir," sagte der Skorpion, „und bringe Wagen, Pferde und Esel und alle Tiere, die Du hast, mit Dir. Ich will sie mit Silber und Gold, mit Edelsteinen und Perlen beladen." Sie folgten ihm, und er brachte sie in einen Wald. Der hiess Hai. Sie drangen in die Tiefe dieses Waldes ein. Der Skorpion stiess einen lauten Pfiff aus, und da erschienen vor ihm alle wilden Tiere der Welt und Schlangen und Skorpione. Ein jedes von ihnen brachte ein Geschenk von Silber und Gold, Edelsteinen und Perlen und warf es vor ihm nieder, wie ein Volk seinem Könige Geschenke darbringt. Und der Skorpion sprach zu Jochanan und seinem Weibe: „Gehet und füllet Eure Säcke m und Wagen, füllet alles, was ihr habet, auf dass Ihr Überfluss von allem haben möget." Das taten sie. Und Jochanan sprach zu dem Skorpion: „Sei mir nicht böse, wenn ich Dich bitte, mir zu sagen, wer Du bist und woher Du

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