Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- Henryk Glicenstein
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 165 - 166 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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165 Piero Jacchia, Rom: Henryk Glicenstein. 166 die ihnen seit Jahrhunderten widersprechen — an die Verheissung eines Erlösers, der Israel befreien und auf Erden das Reich der Gerechtigkeit gründen wird, erst dann kann man die Kunst von G-licenstein beurteilen, weil man erst dann in ihr innerstes Wesen eindringt. Glicenstein fühlt sich als Jude in jeder innersten Fiber: als Jude d. h. als ein Wesen, das kaum weniger als ein Sklave verachtet und von dem menschlichen Verkehr ausgeschlossen ist, weil es der Liebling Gottes ist. Die ganze Seele seines Stammes ist auf ihn niedergestiegen, gequält von seiner Angst und seinem Schmerz, mit seinem Glauben, seiner Hoffnung und seiner Er Wartung, damit er sie hinaussinge in Strophen von Marmor und Erz mit alier Wahrheit und Kraft seiner Verzweiflung. Glicenstein ist ein philosophischer Bildhauer, aber ein Pessimist. Der grösste Teil seiner Figuren ist traurig. Ich weise hier nur im Flug auf die grössten hin. In der Gruppe Maternitä ist nur eine lächelnde Figur. Die Mutter ist düster und nachdenklich im Gesichtsausdruck, und ihr grösster Sohn zu ihrer Seite betrachtet auch schon das Leben ernst. Ein Orpheus, der ermattet und weinend über die Leier gebeugt ist, könnte auch „Verzweiflung" heissen. Ein 0ov«tos stellt Kain dar, wie er im Begriff, den Körper des erschlagenen Abel aufzuheben, die schreckliche Erscheinung des Todes hat, der durch sein Werk in die Welt gekommen, und stellt die Frage: „Du bist also der Tod?'4 Die Gruppe erinnert mich an die Worte Kains in dem Mysterium von Byron. Das Mysterium ist eine kleine Statue, von der man schwören möchte, dass sie in Tanagra wiedergefunden sei. Sie ist ein wahres Juwel. Ein junger Wanderer bleibt auf seinem Wege nachdenklich vor einer unverständlichen Erscheinung stehen. Glicenstein ist Pessimist, auch wenn er den Heroismus verewigt. Er versteht nicht den triumphierenden Krieger darzustellen. Sein Held ist zum Untergang bestimmt und ist sich dessen bewusst. Daher legt sich auf sein männliches und energisches Gesicht ein kaum bemerkbarer Schatten von Traurigkeit. Dieses Werk ist der Bar Kochba, der sich durch seine Tapferkeit im Kampf gegen die Römer berühmt gemacht hat. Er ist dargestellt in dem Augenblick, da er auf einen Felsen springt, um von da seine Pfeile gegen den Feind zu schiessen. Der Mensch ist hier, entgegen den Klassikern und allen Theorien Lessings, im Augenblick der höchsten Kraftanstrengung aufgenommen, während alle seine Muskelenergie und seelische Aufmerksamkeit auf die Tat konzentriert sind. Eine Rötelskizze an der Wand seines Ateliers zeigt uns, wie der Künstler den Sprung des Helden an dem des Leoparden studiert hatte. Die Figur hat etwas Dämonisches. Ich übergehe der Kürze halber, wenn auch nur schweren Herzens, die (ihrem Umfang nach) kleineren Arbeiten, die alle eine besondere Würdigung verdienten. Es sind Porträts, Basreliefs, Brunnenskizzen mit Fratzen und Satyren etc. Ich kenne endlich zum dritten ein in Mailand ausgestelltes Werk, den Messias. Auf ihn hat der Künstler die höchste Anstrengunggewrandt und seine ganze Seele hineingelegt. Er gesteht selbst, dass er schwerlich etwas besseres wird schaffen können. Diese Statue stellt das jüdische Yolk in seiner jetzigen Verelendung (man bedenke, dass der Künstler aus Polen ist) und doch im Ruhm seiner Zukunft dar. Es ist mit einem Wort die „bewusste Erwartung". Der wie unter ein Joch gebeugte Kopf, die düstere Stirn sagen, was er ist. Die geballte Faust auf dem HENRYK GLICENSTEIN ROM. II Domani. Knie zeigt den hartnäckigen Willen zur Zukunft an. Er scheint zu sagen: „Und er wird doch kommen". Das Horn, das er in der Linken hält, ist ein Sinnbild der glorreichen Auferstehung. Diese Statue ist erhaben. Sie steht da, gewaltig sitzend wie die ägyptischen Kolosse und der Mose von Michelangelo. Es sind die einzigen Werke, mit denen man sie vergleichen kann. Dieser titanische Körper ist wahrhaft aus Muskeln und Nerven gemacht. Man spürt förmlich das Gewicht des Fleisches. Das ist der „Sinn derMaterie". Sie wäre nach meiner Meinung würdig, unter der Kuppel des Pantheon zu stehen, vielmehr würde erst da ihre ganze Bedeutung verstanden werden. Sie steht dem „Denker" von Ii od in nicht nach. Doch ach, wer weiss, in welcher amerikanischen Gallerie sie enden wird?" (Aus „La Vita", Roma, 4. Ottobre 1906, übersetzt von F. P)