Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- Henryk Glicenstein
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 163 - 164 (sequence 5)
- Language
- German
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163 Piero Jacchia, Rom: Henryk Glicenstein. 164 HENRYK GLICENSTEIN ROM. Portraitbüste des Gabriel d'Annunzio. „Einst sagte man, dass die Juden keine Befähigung zur bildenden Kunst hätten. Und es schien wahr, denn neben einen Phidias, Parrhasius, Michelangelo und Raffael hatten sie keinen Namen zu stellen. Der Geist der Religion, der wie bekannt die wichtigste Quelle der Inspiration, wenn nicht der eigentliche Schöpfer der Künste war, war bei ihnen wie der Glutwind der Wüste, der die Scholle unfruchtbar macht, dass keine Blume mehr dort spriessen kann. Die Religion, die fast Fähigkeiten der Juden absorbierte und ihnen verbot, die eifernde Gottheit darzustellen, war der Grund, dass der künstlerische Keim niemals durch die Berührung mit anderen Kulturen befruchtet werden und sich entwickeln konnte. Erst in ailerjüngster Zeit, Hand in Hand mit der Anpassung der Juden an die modernen Existenzbedingungen, treten bei ihnen eine Reihe von Künstlern, glänzende Namen, hervor. Russland hatte seinen Antokolsky, Holland seinen Israels, Amerika seinen Ezekiel, Deutschland seinen Liebermann, Italien seinen Art uro Rieti, in dessen Pastellgemälden die Besucher der derzeitigen Mailänder Ausstellung eine tiefe Originalität und eine suggestive Ausdruckskraft bewundern, und Polen endlich hat seinenHenryk Glicenstein, von dem ich heute den Lesern erzählen will. Auch Henryk Glicenstein hat in Mailand einige Arbeiten ausgestellt, vor denen das Publikum stehen bleibt nicht wissend, ob es mehr die Technik bewundern oder über den philosophischen Gehalt nachsinnen soll. In der Büste d' Annunzio's lebt förmlich die Seele des Dichters, die der Künstler ihr einzuhauchen verstand. Ein grösseres Lob wüsste ich nicht Die Sphinx, eine Gruppe in weissem und schwarzem Marmor, ist weit entfernt von der üblichen Auffassung des v>dipus-Mysteriums. Ueber einem zurückgebogenen, vielleicht schon toten menschlichen Körper kauert ein Tier mit Tiegeiieib und Frauenkopf, und seine Krallen dringen schon in die schöne männliche Brust. Die Opalaugen, unter einem kühn geschwungenen Brauenpaar, starren ins Leere mit einem Ausdruck zynischer Wildheit. Der schöne Kopf der Sphinx wie die beiden Leiber, der Mensch in der müden und resignierten Erschöpfung des Todes, und das Ungeheuer, eine Verkörperung des „Vae victis!" sind wunderbar modelliert. Von dem Meisterwerk Glicensteins, der Kolossalstatue des Messias, kann ich nicht sprechen ohne vorher noch einige Worte über das Leben des Künstlers zu sagen, der in diesem Gedicht von Erz den Akt seiner Befreiung vollendet hat. Henryk Glicenstein ist als Sohn armer Eltern in einem weit verlassenen, fast ausschliesslich von Juden bewohnten Dorf im unglücklichen Russischpolen geboren. Sein Vater wollte ihn zum Rabbiner machen, aber der Jüngling, der schon in sich das Feuer des Genies spürte, widersetzte sich. Gegen den väterlichen Willen besuchte er statt der jüdischen Schule die russische Ortsschule, und zum Aergernis der ganzen Gemeinde modellierte er in Ton. Er hatte noch als Kind ohne Lelrrer angefangen, aber bald fühlte er, dass er in dieser engen und elenden Welt verkümmern müsse. Das Leiden seiner Glaubensgenossen und des ganzen russischen Volkes hatte ihn dann tief ergriffen. Er floh aus dem Vaterhaus und unter den härtesten .Lebensprüfungen bereitete sich seine wahrhaft heroische Seele vor, um ihr künstlerisches Ideal siegreich durchzusetzen. Man muss den Künstler selbst die Geschichte seiner Jugend erzählen hören, wie er von seiner Mission spricht in diesem seinem etwas dunklen und symbolischen, beflügelten und poetischen Stil, der an den der heiligen Schriften erinnert. Man muss seine Augen erglühen sehen von lohender Flamme, seine kleine Gestalt, wie sie fast geheimnisvoll beseelt ist, um zu verstehen, was der Glaube ist, und welche enorme schöpferische Kraft der besitzt. Erst dann, wenn man an das tausendjährige Elend des jüdischen Volkes denkt und an die feierliche Verheissung der Propheten — denen es in aller Herren Länder gleichen Glauben bewahrt, trotz der Verfolgungen, HENRYK GLICENSTEIN ROM. Portraitbüste des Pianisten Muzio Hanozowski,