Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- Die Lage der Juden in Persien
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 135 - 136 (sequence 2)
- Language
- German
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135 S. Galfon: Die Lage der Juden in Persien. 136 Fanatismus der Menge und der nervenzerrüttenden Scherereien der Priester. Einige Beispiele mögen davon überzeugen. Die Tonibacs-Gesellschaft verlangte von mir einen Schüler, der gut französisch und persisch verstand, und ich beeilte mich natürtich, diesen Wunsch zu erfüllen. Durch sein geschäftliches Verständnis und besonders durch sein Anpassungsvermögen wird er bald die Kollegen überflügelt haben, die schon länger als er im Dienst der Gesellschaft stehen. Obgleich er erst vor knapp vier Monaten engagiert worden, verdient der junge Mann schon 90 Francs monatlich. Ein armes junges Mädchen ans unserer ersten Klasse gibt im Harem (Enderum) des Gouverneurs Unterricht im Französischen. So etwas ist bis jetzt noch nicht vorgekommen. Zweimal wöchentlich schickt Se. Hoheit der Gouverneur seinen Wagen ins Judenviertel und lässt die arme Lehrerin mit ihrer Mutter abholen, damit sie im Palast des Gouverneurs Unterricht erteilen kann. Unsere Schule verdankt ihr Vorwärtskommen ihrer praktischen Unterrichtsmethode. Schüler, die drei bis vier Jahre die mohamedanischen oder die Missionsschulen besucht haben, sind nicht im Stande, englisch zu sprechen oder zu verstehen, während die Erfolge unserer Schulen sehr schnell zu Tage treten. Es ist ein wahres Vergnügen, unsere Schüler während der Unterrichtspausen französisch plaudern zu hören. Während des Unterrichts hören sie nicht auf, ihren Lehrern verständige Fragen zu stellen, die das Erwachen ihres Geistes und ihr rasches Auffassungsvermögen beweisen. Mehr als das eigentliche Lehren im buchstäblichen Sinne haben wir uns die Hebung unserer Glaubensgenossen zum Ziel gesetzt, die Neuschaffung der Familie durch Hygiene und Reinlichkeit, die Uebung einer rechtschaffenen Moral und reinere Sitten, die Weckung des Selbstgefühls und eine weniger materielle Auffassung des Lebens. Gerade den Kindern müssen wir die Keime dieser Grundsätze einimpfen, damit die von ihnen zu bildende Generation besser werde als die vorhergegangenen. Bei den Mädchen bestehen die Kurse aus Plaudereien über Familie, Hygiene, Kindererziehung, gute Haltung und saubere Häuslichkeit. Viele Stunden werden mit Näharbeiten, Stickereien und der Fabrikation von Ghives ausgefüllt. Die überall in Persien übliche lächerliche Kleidung, die so grosse Aehnliehkeit mit dem Kostüm der Tänzerinnen in den Konzert - Hallen hat, wird allmählich durch den langen und einfachen Kock der Europäerinnen verdrängt. Die täglich vorgenommene Sauberkeitsiii spektion ermöglicht uns, die hautkranken Kinder herauszufinden und sie zu heilen. Tatsächlich wird die Zahl dieser Kranken von Tag zu Tag geringer, dank der strengen Methode, dass allen Schülern gleichmässig die Haare ganz kurz geschoren werden. Von allen Lehrgegenständen interessieren unsere Schüler die exakten Wissenschaften und die Geographie am meisten. Die sehr elementaren wissenschaftlichen Vorstellungen zerstören allmählich manchen lächerlichen Aberglauben: die Furcht vor den Dämonen, den Glauben an die Wunderwerke der Zauberkunst, der Kartenleger, der Chiromantie und aller occulten Wissenschaften, die so grosse Gewalt über die Gemüter der Perser üben. Wir benutzen jede Gelegenheit, unsere Schüler von der Wesenlosigkeit der mancherlei abergläubischen Vorstellungen zu überzeugen, die bei unsern Glaubensgenossen Geltung haben, und ihnen beizubringen, dass man in Krankheitsfällen und bei Verletzungen anstatt eines Nekromanten einen europäischen Arzt zu Hilfe rufen muss. Die Geographie interessiert die Kinder noch weit mehr. Da die ineisten Schüler Ispahan noch nicht verlassen haben, weder das Meer noch Schiffe noch Eisenbahnen kennen, haben alle nur den einen Wunsch: alles zu sehen; und bis sie in die Lage kommen, ihre Träume zu verwirklichen, wollen sie wenigstens davon sprechen hören. Ihre sehr berechtigte Neugier kennt keine Grenzen. Sie befragen uns fortwährend über die zivilisierten Länder, die von ihrem Vaterland so verschieden sind. Ich ermutige ihren Wunsch, Persien verlassen zu wollen, denn in unserem Viertel ist die jüdische Bevölkerung viel zu dicht. Ihr Elend kommt von ihrer grossen Zahl. Ganze Familien leben in herzbrechender Enge in einem einzigen Raum ohne Luft und Licht. Die Familien sind nicht selten, die nach wiederholter Veimehrung immer noch dasselbe einzige Stübchen bewohnen. Unglücklicherweise kann die jüdische Kolonie sich nicht in grösserer Entfernung von ihrem jetzigen Viertel ausdehnen und entwickeln, denn sie ist von allen Seiten von übelwollenden Mohamedanern umgeben, die missgiinstig auf den neuen Aufschwung sehen, den unsere Glaubensbrüder zur Verbesserung ihres Loses genommen haben. Für die mohamedanischen Kinder, die unsere Knabenschule besuchen, habe ich ausser den gewöhnlichen Lehrstunden eine arabische Klasse eingerichtet. Ich benutze meine Kenntnisse in dieser Sprache, jeden Freitag selbst Unterricht zu erteilen. Dadurch bringe ich unsere Schule besser zur Geltung, denn das Arabische ist die Religionssprache der Perser. Jeden Tag konstatiere ich mit Vergnügen die Fortschritte, die unsere männlichen und weiblichen Lehrlinge in ihren verschiedenen Handwerken machen. Abgesehen davon, dass ihre Gesundheit sich durch das Handhaben der Werkv.euge gekräftigt hat, bemerke ich, dass sie mit ausgesprochen gutem Willen und mit allen möglichen Mitteln bemüht sind, auch die feinsten Handgrüfe ihres Metiers zu erlernen. Ich habe die Hoffnung, dass ihre Zukunft durch die Ausübung ihrer Berufe gesichert ist. Wenn sie ihre Lehrzeit beendet haben, werden sie ihren Lebensunterhalt bequem und anständig verdienen können. Auch die Stickerinnen, Näherinnen und Ghives- Arbeiterinnen sind mit grossem Eifer in Tätigkeit, und ihre Arbeiten sind wegen ihres guten Geschmacks, ihrer Feinheit und vollendeten Ausführung sehr geschätzt. Ich resümiere mich: Das vergangene Jahr ist für unsere Tätigkeit in Ispahan ein gutes Jahr gewesen. Nach aussen ist es uns gelungen, unsere Glaubensgenossen aus schwierigen Verlegenheiten zu ziehen, dank den freundlichen Beziehungen, die wir mit den Behörden und den Notabein der Stadt unterhalten.