Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- Die Lage der Juden in Persien
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 133 - 134 (sequence 1)
- Language
- German
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133 134 DIE LAGE DER JUDEN IN PERSIEN. Spezialbericht für die Alliance Israelite Universelle von S. Galton. Nachdruck verboten. Ispahan, 28. Oktober 1906. Bei dem unbeschreiblichen Zustand von Anarchie, in dem das ganze Land lebt, das der Gier der Regierenden, der Habsucht und Bestechlichkeit der Priester ohne Gnade überliefert ist, können wir zufrieden sein, dass unser Ansehen nicht noch schlimmeren Schaden gelitten hat. Persien befindet sich zur Zeit an einem Wendepunkt seiner Geschichte. .Die von den Einwohnern der Hauptstadt erlangte Einrichtung eines Parlaments bleibt für die Provinzbewohner ein toter Buchstabe. Sie können nicht begreifen, dass der Schah es leichten Herzens über sich gewinnt, etwas von den Vorrechten seiner Autokratie aufzugeben und seine Taten einer Volkskontrole zu unterwerfen. Das persische Volk ist feige, furchtsam, sehr langsam im Fortschritt, und daran gewöhnt, das Knie zu beugen; es ist deshalb noch nicht so weit, sich von dem Joch ererbter Dienstbarkeit betreien zu wollen. In der Besorgnis, dass das aufgeklärte Volk schliesslich des vexatorischen Expressungssystems müde werden möchte, wenn es nach dem Beispiel der Einwohner Teherans sich belehren lässt und iure Herrschaft zu bestreiten •oder selbst abzuwerfen versucht, bemühen sich die Priester, das TJebel mit der Wurzel auszureissen. Sie haben neue drakonische Gesetze erlassen, alle vergessenen Verordnungen wieder hervorgesucht, die Fasten, die Buss- und Trauertage (Taziels) vervielfältigt, als ob der Weltuntergang drohte. Um die gläubigen und kindlichen Gemüter der Menge noch mehr zu schrecken und sie in das Dunkel der Unwissenheit zurückzudrängen, halten die Oberpriester in den Moscheen drohende Predigten, die die Blitze Allahs und die vollständige Vernichtung auf alle herabbeschwören, die die ungläubigen protestantischen und jüdischen Schulen besuchen. Diese Drohungen haben bereits gewirkt. Die Oscof-Schule der englischen Missionare, die den Zweck verfolgt, unter den Mohamedanern Propaganda zu machen, hat aus Mangel an Schülern geschlossen werden müssen. Von den 22 Schülern, die im letzten Jahr unsere Knabenschule besucht haben, sind uns nur 6 oder 7 geblieben, die übrigen haben uns verlassen, um den Priestern zu gehorchen. Mehr als alle andern empfinden unsere Glaubensgenossen den Rückschlag des wiedererwachten Fanatismus. Jeden Tag sind sie neuen •Quälereien ausgesetzt. Ein Muschtehed hat sich grosse Berühmtheit erworben, weil er den Mohamedanern verbot, den Juden Trauben zu verkaufen. Die Djedids •(Convertiten) machen jetzt schon gemeinschaftliche Sache mit den Priestern. Unter deren Schutz kommen sie plötzlich überall zum Vorschein und reklamieren Anteile von märchenhaften Erbschaften, Die Lage wird sehr kritisch. Ich bin fortwährend auf dem quivive, um den Eventualitäten zuvorzukommen. Ich habe sehr unangenehme Zeiten durchzumachen, und muss mit meiner Person eintreten, um die verworrenen Angelegenheiten der Gemeinde zu gutem Ende zu führen. Um Unterstützung zu gewinnen und um sie im Notfall auf meirer Seite zu haben, habe ich bei den einflussreichsten Priestern eine Besuchsrunde gemacht. Was ich eben erzählt habe, bezieht sich nur auf die beiden letztverfl. ossenen Monate. Aber im allgemeinen hat während des vergangenen Jahres unser Einfiuss heilsame Ergebnisse für unsere Glaubensgenossen gehabt. Nicht nur in Ispahan, sondern auch in Schiras und in Golpaygan ist unser Einnuss wohltätig gewesen. Ais unsere Glaubensgenossen in Schiras im letzten Jahr soviel Ungemach und Verfolgungen erleiden mussten, haben wir hier daran gearbeitet, sie aus der Gefangenschaft zu befreien, in der sie über ein halbes Jahr haben aushalten müssen. Wir haben einen eigenhändigen Brief des Grosspriesters von Ispahan, Agha Nadjafi, erlangt, in dem er unsere bedrückten Glaubensgenossen dem Wohlwollen seines Kollegen in Schiras, Agha Mirza Ibrahim, empfiehlt. Etwas Aehnliches war bis jetzt in Persien noch nicht vorgekommen: dass ein einflussreicher und fanatischer Priester die „unreinen" Juden protegiert hätte. Andererseits hat auch Se. Hoheit ZU Essultan, der Gouverneur von Ispahan, uns die wärmsten Empfehlungsbriefe an die Behörden in Schiras gegeben. Dieser gleichzeitige Schutz von hoher geistlicher und weltlicher Stelle hat sehr viel zur Befreiung unserer Glaubensgenossen in Schiras heigetragen. In der 15 Kilometer von Ispahan belegenen Stadt Golpaygan haben die Djedids unseren Glaubensgenossen das Leben schwer gemacht. Durch unsere guten Beziehungen und durch direkte Intervention beim Minister des Auswärtigen in .Teheran haben wir erreicht, dass die Urheber der Unruhen bestraft wurden — sie wurden nach Suitanabad verbannt. Das hat allen jenen die Lust benommen, die unseren Glaubensgenossen neue Unannehmlichkeiten bereiten wollten. In Ispahan selbst hat unser Schulwerk gute Fortschritte gemacht. Mehrere von der ersten Stunde an unseren Schulen feindlich gesinnte Personen haben ihren alten Irrtum eingesehen und kamen zu uns, amende konorable zu leisten. Ihre Neutralität ist uns jetzt eine wertvolle Hilfe. In den leider sehr häufigen Streitigkeiten der Juden untereinander sind wir die versöhnenden Schiedsrichter gewesen und haben das gute Einvernehmen wiederhergestellt; damit ist vielfach die Veranlassung zu Missgunst und Rache aus der Welt geschafft worden. Das Judenviertel verwandelt sich von Tag zu Tag, und unsere Glaubensgenossen ebenfalls. Früher vermieden sie alle Verlautbarungen ihrer Existenz, schlichen an den Häusermauern entlang, um unbemerkt vorbeizukommen, lebten in Kellern, damit man ihre Häuser nicht erkannte, feierten ihre Hochzeiten hei Nacht, um den Mohamedanern nicht durch ihre Freude zu missfallen, kleideten sich in schmutzige Lumpen, damit man ihr Vermögen nicht argwöhnte, demütigten und duckten sich, damit man sie vergass und in ihren Löchern vegetieren liess. Heute ist die Lage eine ganz andere. Seitdem unsere Schulen bestehen und der in ihrer Mitte lebende Direktor ihnen Beistand und Schutz verleiht, haben die Juden Selbstvertrauen gewonnen, ihre Häuser erheben sich schön, bequem und sauber; sie kleiden sich gut, eröffnen zahlreiche Geschäfte im europäischen Viertel und haben Läden in den grossen Handelsbazaren der Stadt; sie importieren und exportieren und haben Beziehungen zu den anderen Städten Persiens, sogar zum Ausland. Nicht nur in den wohlhabenden Häusern, auch in den Hütten der Armen fängt ein besseres Leben an. Mit einem Wort: in den Herzen unserer vordem so sehr zu beklagenden Glaubensgenossen wird die Hoffnung wieder neu geboren. Nach dem Urteil aller Welt zeigen unsere Schulen schon jetzt die besten Erfolge; jedenfalls nimmt ihr guter Huf immer weiter zu, trotz des verdummenden