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Ost und West · 1907-02-01 · Heft 2 (Februar 1907) · p. Seite 113 - 114

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 2 (Februar 1907)
Article
Der chassidische Ossian
Date
1907-02-01
Page
Seite 113 - 114 (sequence 2)
Language
German
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113 L. Kellner: Der chassidische Ossian. 114 und Wissenden zu suchen, der unser Herr sein sollte. So trafen wir auf einen, der sass da mit zurückgeworfenem Haupte und schaute zu den Sternen. Da fragten wir ihn: „Bist du der Weise, der die Welt weiss, also dass seinem Auge kein dunkler Rest standhälfcjVor seinem Forschen keine Bahn sich HELENA ARSENE DARMESTETER PARIS. nem^Gedan"- ken die Ele- Miss Hartoy mente zu- (Scliwester der Künstlerin) laufen wie die Schafe dem "Ruf des Hirten?" Er antwortete: „Ich weiss um das Leben der Sterne; so weiss ich die Welt." Aber wir sprachen: „Und wenn das Leben über die Sterne kommt am Tage der Erneuerung und sie in Stücke schlägt — was weisst du dann?" Da schwieg er und gab uns keine Antwort. Und weiter trafen wir auf einen, der lag am Strande und schaute in das Meer, und wir taten unsre Frage. Er sagte: „Ich weiss um das Leben des Meeres; so weiss ich die Welt." Da fragten wir ihn: „Und wenn die Sonne das Meer trinkt am Tage der Wende — was weisst du dann?" Darauf schwieg auch er, und wir zogen weiter. So trafen wir manchen Weisen in seinem Schauen, und eines jeden Weisheit zerschellte an unserer Frage. Einmal aber erblickten wir auf unserem Wege einen alten Mann, der sass auf einem Stein, und seine Augen waren weit und schauend offen, aber auf kein Ding oder Wesen im Raum vor ihm gerichtet, sondern es war ein Schauen, das in sich selbst beschlossen und umfriedet war. Ihn fragten wir: „Bist du der Weise, der die Welt weiss?" Da sah er auf zu uns und sprach: „Ich weiss um eine Seele. Und sie ist das Firmament, das Niemand zerbrechen kann." So neigten wir uns vor ihm und baten ihn, unser König zu sein..... Die Selbstherrlichkeit der Seele allem Sichtbaren, allem Erschaffenen gegenüber, die Seele als der Urquell allens Seins. — Diese Grundanschauung hat Rabbi JSfachmann mit den Upanischads und aller Mystik gemein. Ob wohl ein äusserer Zusammenhang zwischen dem polnischen Rabbi und den christlichen Mystikern besteht? Nach Allem, was wir von der Wanderung der Ideen wissen, möchte man es annehmen; aber wo sind die Brücken, die von einem Böhme zu einem Rabbi Nachmann führen? Und wie erstaunlich ist es, dass der englische Dichter William Blake (1757 — 1827) sich in mehr als einem Ausspruche eng mit der chassidischen Mystik berührt! Freude und Lachen ist ihm ein Gottesdienst,genau wie denChassidim1); der Trieb, das Böse, die Sinnlichkeit ist ihm gleichwertig mit dem Guten, wenn nicht wertvoller2), und Rabbi Nachmann lehrt: Ohne bösen Trieb ist kein vollkommener Dienst. ... Es ist übrigens kein Zufall, dass M, Buber seinen Rabbi Nachmann und H. Richter ihren William Blake gleichzeitig zu neuem Leben erweckten. Wir sind alle ein klein wenig mit Logik und Wissenschaft überfüttert, ein klein wenig verstandesmüde und sehnen uns nach Traum und Yision. Dieser Stimmung, die an die Zeit Hamanns und des jungen Herder erinnert, an die Zeit, da Ossian aus dem keltischen Zwielicht auftauchte und als Offenbarung erschien, kommt Buber mit seinem wunderschönen Buche entgegen. Und er dürfte seinem Rabbi ähnliche Dienste geleistet haben, wie der einst ganz mit Unrecht geschmähte Macpherson sie seinem Oisin erwies. Wenn Rabbi Nachmann nur der zehnte Teil des Erfolges beschieden ist, der Ossian im achtzehnten Jahrhundert zufiel, dann erleben wir noch das Wunder, dass das Aschenbrödel der Kultur, die chassidische Mystik, sich in eine Prinzessin verwandelt. 1) Helene Richter, William Blake, Strassburg 1906. S.ol. 2) Das. 66. ISAAK ROSEMANN. PARIS. Frau Mouromtzefr (Frau des 1. Duma-Präsidenten) Zum Artikel: Jüdische Künstler in Paris

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