Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1907-02-01 · Heft 2 (Februar 1907) · p. Seite 93 - 94

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 2 (Februar 1907)
Article
Jüdische Künstler in Paris
Date
1907-02-01
Page
Seite 93 - 94 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2583875-2583954-2583957-2588186--06834-2588277
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

93 G. Kutna: Jüdische Künstler in Paris. 94 samkeit und die Dunkelheit sind meine beiden Schrecken/' Anders Eduard Moyse, der Maler des religiösz^reraonialen Lebens der Juden. Slill resigniert lebt er in seiner Zurückgezogenheit und denkt alter Zeiten und bitten. Lauter Erinnerung: wellt durch sein Heim, wo alles lautlos, säuberlich, preziös Bild und Stimmung' der Vergangenheit wahrt. Möbel, Bilder und alles Gerät altmodisc , fein gediegen, wie in einer jüdischen Familie von ehedem; getreuliche Vergangenheit, unberührt in Entlegenheit. Uni er erzählt von jener Zeit, von seiner Zeit; wie er in seiner Vaterstadt Nancy die Zeremonien geübt, wie er tätlich zweimal zur Synagoge gegangen und wie die Juden damals geglaubt und gebetet haben. ,,lch kenne das alles recht gut, ich bin auch der einzige, der diese Dinge malt (Alphons Levy behandelt sie in der giaphischen Kunst, s. „Ost und West" V. Jahrg. No. 5); hier in Paris gibt es ja nicht die richtigen Modelle; die Juden aus dem Osten sind nicht gut geeignet, sie sind nachlässig und armselig, aber das echte, natürliche, gläubig-jüdische Wesen fehlt ihnen." Das gerade gibt den Darstellungen von Moyse das Weihevolle, Erhebende, dass das Zeremonielle nicht als Formsache, nicht als äusserer Habitus und aufs Interessante,. Außergewöhnliche hin gestaltet ist, sondern dass alle religiöse Formübung von religiösem Gefühl durehzittert ist, dass andächtige, trostvolle Regungen durch die Seele gehen und der Mensch darin sichtbar wird, innerlich, gesammelt, in frommer Demut. Immer sind die Augen treu versonnen, die Gesten zart und zärtlich, und das Wesen in Gebet. Ein Mann hebt die Thora aus der Lade, und zwei stehen neben ihm als Ehiengeleite des heiligen Buchs. Ernste Weihe liegt auf ihnen, in versenkter Innerlichkeit empfangen sie Glaubenstrost, und Gewissheit ist in ihrer Seele. So wenden sie sich zur Gemeinde, Vorbeter und Rabbi, und alle sind gegenwärtig in gläubiger Andacht. Ein Mann hebt die Thora in die Höhe nach der Vorlesung, und wieder ist in dem engen Ausschnitt das halblaute Beten, die Andachtsstiramung der Gemeinde fühlbar. Die rückschauende Empfindungsweise des Künstlers lässt ihn weiter zurückgreifen in die Geschichte und die Judenheit schildern, als die Unduldsamkeit des Mittelalters ihr Zusammenleben noch abgeschlossener, enjrer, einheitlicher machte. In seiner „Jüdischen Hochzeit" (Salon 1901) ist diese starke Geluhlseinheit der Versammelten ausgedrückt. Das Brautpaar neigt sich ergebenen Gemdts, und in der teilnehmenden Gemeinde R CH. PEYRE. OPFER AN VENUS. wird alles Resonanz des Priestersegens aus dem Munde des Rabbi. Diese menschlich fromme Stimmung haben au<-h die anderen Werke seiner Hand, bti denen es sich nicht direkt um ein Zeremonial handelt. Eine „Talmuddiskussion" im Atelier des Künstlers zeigt einen Juden in vergeistigter Unterhaltung, in edler Typik ideal aufgefasste Wirklichkeit. Ein „Jude aus Jerusalem", für den nächsten Salon bestimmt, hat dekorative Qualität mit starker Betonung des Farbigen. Die Farbengebung hat bei Moyse etwas höchst Simples, das Organische wirkt schwach, fast symbolisrh nur. das Raumgefühl ist matt. Aber das Gegenständliche ist rein und siimmungsvoll zum Vortrag gebracht und weckt auf dem Umwege einer Teilnahme des Gemüts den Eindruck ein wandsfreier Wahrhaftigkeit. Nicht so gut wirken seine Darstellungen aus dem Anwaltsleben; sie erscheinen zu sehr in neutraler Idealität, sind ins Aligemeine verschönt und haben etwas von jener frommen Meditation, die bei den religiösen Bildern ein solch schönes Zeugnis sind für die Seelenfrommheit dieses jüdischen Künstlers.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.