Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1907)
- Article
- Die Knabenschule der Alliance in Bagdad
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 63 - 64 (sequence 3)
- Language
- German
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63 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Knabenschule der Alliance in Bagdad. 64 gebildeten Zöglinge der Schule konnten daher bereits aus der Ausdehnimg, die der Bagdader Handel durch den neuen Kanal erfuhr, Nutzen ziehen. Die kommerziellen Beziehungen zu Europa, Ägypten, Indien und Persien haben sich vervielfacht. Man hat die Bemerkung gemacht, dass die Kaufleute, die ihre Geschäfte auf englischen Bezugsquellen basierten, weit mehr Gewinn erzielten, als die, die nur mit französischen oder österreichischen Häusern zu tun hatten. Einzelne kamen in wenigen Jahren zu Vermögen. Man kann sagen, dass unsre Glaubensgenossen zur Zeit den gesamten Handel in Händen haben. Diesen blühenden Stand der Gemeinde darf man gewiss nicht der Schule allein zuschreiben. Die augeborenen Eigenschaften der Bevölkerung sind mit in Anschlag zu bringen. Der Bagdader Jude ist tatkräftig; ein Mann der Ordnung, der seine Bücher bestens zu führen pflegt; die doppelte Buchführimg hat sich früh in sämtlichen Geschäftshäusern eingebürgert. Ausserdem ist er sehr sparsam, gibt weit weniger aus, als er das Jahr hindurch einnimmt. Die Reichsten in Bagdad fahren mit dieser Methode noch immer fort; Luxus, Komfort, selbst die * einfachste Behaglichkeit der Wohnung, des Mobiliars, der Kleidung liegen ihnen fern. Bei Einzelnen unter den Wohlhabenden sieht man wohl schon das Gefühl der Solidarität im Keimen begriffen. Sie hegen den Wunsch, ihren Mitbürgern zu nützen, und helfen die Werke der Wohltätigkeit, der Schulen, der Talmudtora zur Entfaltung bringen. Aber noch ist diese Sinnesart kein Allgemeingut. An dem Direktor der Schule liegt es, sie zu verbreiten, zu entwickeln. Dann wird man in Bagdad mit den Mitteln der Bevölkerung selbst die schönsten Unternehmungen schaffen können. Was mir bei diesem Schulunternehmen in Bagdad noch gefällt, das ist die Tatsache, dass es stufenweise fortgeschritten ist, dass mehrere Direktoren, die einander ablösten, durchaus von demselben Geist beseelt waren. Zemach trat in die Fusstapfen Danons, und Albala hat nur das eine Ziel vor Augen: das Erbe seiner Vorgänger zu mehren. Dies ist nachahmenswert. Nur die Kontinuität aller Anstrengungen verbürgt den Erfolg guter Unternehmungen. DAS SCHULWERK DER ALLIANCE IN SALONIKI. Aus einem Inspektionsbericht des Herrn S. Benedict. Nachdruck verboten Saloniki, November 1906. Saloniki zählt unter allen Städten des Orients die meisten Juden, 70 bis 75000 unter 120000 Einwohnern. Mehr noch als selbst Jerusalem ist Saloniki eine jüdische Stadt. Am Sonnabend ruht jeder Handel, die Läden sind geschlossen, auch die der Mchtjuden; die Schiffe können weder landen noch ausreisen, denn die Schauerleute sind alle Juden. In den übrigen Städten des Orients bemühen sich unsere Glaubensgenossen, sich die Landessprache anzueignen; hier hingegen waren die Griechen, die Türken darauf bedacht, den jüdischspanischen Dialekt zu erlernen. Das Jüdisch-Spanische ist beinahe die Amtssprache von Saloniki geworden. Die Salonikier Juden, ein rastlos tätiger Menschenschlag-, haben einige Erwerbszweige völlig mit Beschlag belegt. Die Gemeinde von Saloniki ist nicht arm. Ich sah sehr wenig Bedürftige — Bettler, von denen doch die Städte des Orients wimmeln, fast garnicht. Sehr wenig Arme werden auf Gemeindekosten unterhalten; auch diese Armen sind nicht Bettler im eigentlichen Sinne, sondern Gelegenheits-Notleidende, denen man Beihilfe zur Miete gibt oder zum Passahfest Mazzot spendet. Schon aus der Höhe des in unsern Anstalten und in den Privat schulen entrichteten Schulgeldes erhellt, dass die grosse Mehrheit der Israeliten von Saloniki zwar nicht reich, aber doch wohlhabend ist; selbst die, die man mit Unrecht als arm bezeichnet, zahlen durchschnittlich an Schulgeld zwei Piaster die Woche. Das Schulgeld der Knaben bringt uns sicher beinahe 20000 Francs, die Mädchenschule etwa ebensoviel. Die Behauptung, dass Saloniki eine arme Gemeinde ist, ist also falsch. Ich lege Wert darauf, dies zu Beginn meines Berichts testzustellen. Der Bahnhofsbeamte, bei dem ich mein Billet löse, ist ein ehemaliger Zögling unsrer Schule; der Zollbeamte, der meinen Koffer durchsucht oder vielmehr nicht durchsucht, ging gleichfalls aus unsrer Schule hervor; der Kondukteur, der mein Billet locht, dankt seinen Posten dem Unterricht, den er bei uns erhielt. Meine beiden Reisebegleiter sprechen voll dankbarer Erinnerung von ihren Alliance-Lehrern; der eine hat sich als Möbelfabrikant in Konstantinopel niedergelassen und beschäftigt fünf von unseren Lehrlingen in seiner Werkstatt; der andere ist Modewarenhändler zu Ueskub, er fährt zum Einkauf nach Wien. Ich könnte noch viele Personen aufzählen, denen ich begegnet bin und die uns alles verdanken. Ich will jedoch nur noch feststellen, dass die 27 Zöglinge der Knabenschule, die in diesem Jahre die Schule verliessen, alle in Stellung gebracht sind und bereits mehr oder weniger verdienen. Nach dieser langen Vorrede will ich Ihnen nun gleich sagen, dass Ihr ganzes Unternehmen in Saloniki vortrefflich gediehen ist. Die eigentlichen Schulen, das Asyl, die Volkskurse, die Gewerbeschule, das Lehrlingswerk, sie alle sind gut entwickelt und weisen schätzenswerte Fortschritte auf. Für alle unsre Lehrer habe ich nur Worte der Anerkennung. Die erzielten Resultate sind, wie ich mich überzeugen konnte, beinahe wunderbar. Saloniki besitzt heute eine gebildete, arbeitsame Generation, die sich ihrer sozialen Pflichten wohl bewusst ist. Der Boden, auf dem wir gearbeitet haben, war allerdings besonders fruchtbar. Die Israeliten von Saloniki sind im allgemeine von schönem Wuchs und lebhafter Intelligenz. Man sieht hier nicht jene gebückten Jammergestalten. Der Salonikier Jude ist eher