Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1907)
- Article
- Die Knabenschule der Alliance in Bagdad
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 59 - 60 (sequence 1)
- Language
- German
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60 DIE KNABENSCHULE DE (Inspektionsbericht Unterricht. Im Winter und im Frühling wird der Unterricht vor- und nachmittags gegeben. Sobald jedoch die starke Sommerhitze einsetzt, ist die Arbeit am Nachmittag unmöglich. Man beginnt dann morgens in aller Frühe und hört mittags auf. Während meines Besuchs stellte ich in den Klassen um 7 Uhr morgens 33 °, mittags 440 fest. Bei 33 0 fühlt man sich noch recht behaglich, da die Luft beinahe ohne alle Feuchtigkeit ist, riehtiger, die Luft hat auch bei höchster Temperatur einen Feuchtigkeitsgehalt, der weit unter dem Sättigungsgrade bleibt. E'olgende Sprachen werden in der Schule zu Bagdad gelehrt: Französisch, Englisch, Hebräisch, Arabisch, Türkisch. Im allgemeinen sei bemerkt, dass die israelitische Bevölkerung Bagdads ausserordentlich intelligent ist. Die Mühe der Lehrer wird durch erstaunliche Erfolge belohnt. Die Schüler sind von Natur rege, arbeitsam, wissbegierig. Die Disziplin macht keinerlei Schwierigkeit. In der Klasse herrscht stets vollkommene Ordnung, und auf dem Hofe, während der Pause, hört man kaum einen Schrei. Ich finde diese Kinder für ihr Alter zu ruhig und zu vernünftig; ich wünschte sie mir etwas lärmender, bewegter, sie müssten sich in den Pausen jugendlichen Belustigungen hingeben. Wenn ich nun sämtliche Lehrgegenstände mustere, so kann ich erklären, dass ich in allem und jedem Fortschritte konstatiere, dass ich überall, in allen Klassen, sehr befriedigende Antworten erhielt. Unterricht im Englischen finden wir in den neun oberen Klassen. Herr Albala hat dieser Sprache mit Ihrer Zustimmung grösseren Platz eingeräumt als seine Vorgänger. Sie ist für die israelitische Bevölkerung Bagdads von wesentlicher Bedeutung. Die Handelsbeziehungen Mesopotamiens mit Indien, Aegypten, Grossbritannien sind viel wichtiger als die mit Frankreich und Oesterreich. Diesem Handelsverkehr und der Kenntnis des Englischen verdanken riele ehemalige Zöglinge der Schule ihre Wohlhabenheit; viele von ihnen haben sich die RechtschafYenheit und peinliche Ehrenhaftigkeit des englischen Grosskaiifmanns angeeignet. Ich bin nicht kompetent genug, um über die Fortschritte der Schüler im Englischen zu urteilen, aber ich beziehe mich auf den englischen Generalkonsul Major Ramsey, der während meiner Inspektion der Schule einen Besuch abstattete. Er begnügte sich nicht damit, die vorliegenden Hefte zu prüfen, sondern Hess nach eigenem Diktat schreiben, wobei viele Schüler keinen Fehler machten. Er war von den Fortschritten sehr befriedigt und hat nur die Aussprache der allerjüngsten, die einen Inländer zum Lehrer haben, bemängelt. Man weiss, dass eine gute englische Aussprache nicht so R ALLIANCE IN BAGDAD. des Herrn NiegO.) Nachdruck verboten. leicht zu erwerben ist, insbesondere für den, der ein englisches Land noch nicht besucht hat. Arabisch wird in allen Klassen gelehrt, und überall, weil es die Landessprache ist, mit Erfolg, den schlechten Methoden zum Trotz, die die Lehrer noch anzuwenden pflegen. Türkisch ist nur in den oberen Klassen Lehrgegenstand. Im Hebräischen werden ausgezeichnete Resultate erzielt. Es ist beinahe wieder zur Umgangssprache geworden, die jeder versteht. Bagdad ist die Stadt der Schreiber. Unweit von Bagdad liegt das Grab Esras, und in Bagdad werden in grosser Zahl Pentateuchrollen angefertigt, die in alle Länder gehen. Alle Kinder, die jüngsten wie die ältesten, lesen hebräisch korrekt und deutlich. Im Nu gelangt man — auch dank der Verwandtschaft mit der arabischen Sprache — zum Verstehen und Uebersetzen. Das Bibelstudium, das in gewissen Gegenden oft zu Gunsten des Talmud vernachlässigt wurde, steht hier sehr in Ehren. In jeder Klasse wird an den 6 Wochentagen je ein Stück Pentateuch (der "VVochenabschnitt) oder ein Stück aus den Propheten durchgenommen. Dieser Unterricht mag vielleicht ein wenig mechanisch gestaltet, noch allzu - wenig von modernen Methoden beeinflusst sein; aber er gibt nichtsdestoweniger infolge vieler Wiederholungen und wegen der Liebe, die man ihm widmet, gute Resultate. Der erste Rabbiner der Schule, Chacham Hezkel, bemüht sich bereits, seinen Schülern die Grammatik methodisch beizubringen; bis jetzt beschränkt sich dies auf die Konjugation der Zeitwörter. Das ist wenig, aber immerhin ein Fortschritt. Speisungen. Man speist täglich unentgeltlich 574 arme Zöglinge, davon 484 Knaben und 90 Mädchen. Die Kosten beziffern sich auf m?hr als 5000 fr. jährlich, wovon 1000 fr. von der Alliance beigesteuert werden. Der Gemeindepräsident Meir Elias gewährt einen jährlichen Beitrag von 1380 fr. Der Rest geht zu Lasten der Stadt. Herr Albala hat diesen Zuschuss heim Rat der Stadt erwirkt. Die reichen Familien pflegen zu jeder feierlichen Gelegenheit, wie zu Feiertagen, Hochzeiten, Jahrzeiten, den Armen und den Schülern der Talmud Tora Mahlzeiten zu schicken. Herr Albala hat es durchgesetzt, dass auch die armen Zöglinge unserer Schulen hierbei nicht leer ausgehen. Auf dem täglichen Speisezettel stehen Brot mit Gemüse oder Reis oder Eier oder Früchte (Gurken, Wassermelonen, Melonen, Trauben, Pfirsiche, Aepfel, Datteln) oder Speise (Halva).