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Ost und West · 1907-01-01 · Heft 1 (Januar 1907) · p. Seite 57 - 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 1 (Januar 1907)
Article
Die Knabenschule der Alliance in Mogador (Marokko)
Date
1907-01-01
Page
Seite 57 - 58 (sequence 2)
Language
German
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57 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Knabenschulen der Alliance in Mogador (Marokko). 58 arabischen, hebräischen, spanischen Worten zusammengesetzt ist und nur ein sehr geringes, abwechselungsloses Vokabularium hat. Wer das Unglück hat, einen solchen Dialekt a.ls Muttersprache zu sprechen, hat die grössten Schwierigkeiten, zu europäischen Gedanken durchzudringen. Das Milieu muss den unterrichtlichen Anstrengungen zu Hilfe kommen, um wenigstens bei den jüngeren Leuten die Fessel des Jargons zu sprengen« In Mogador, wo die europäische Kolonie unbedeutend ist, kein Gegenstand, kein Gebäude, kein Zeichen das Auge des Kindes trifft, nichts zur Beobachtung reizt und die Bequemlichkeit überlieferter Formeln stört, wird die den Schulen obliegende Last erdrückend. Die Schule nimmt abnorme Wesen auf, deren Ohr sie erst bilden, deren Sprachwerkzeuge sie erst modeln, deren Geist sie erst an Worte und Bezeichnungen gewöhnen muss, die für die Kinder ohne Urbild in der Wirklichkeit sind. Das bedingt einen ungeheuren Zeit- und Kräfteverlust. Die Fortschritte zeugen von einem sehr kleinen Teil der Mühen, die Lehrer und Schüler aufwenden müssen. Ich betrachte es als ein Glück, dass ich lange Zeit in ähnlicher Umgebung unterrichtet habe und dadurch gerüstet bin, die Anstrengungen richtig zu schätzen und dem guten Willen Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Zu den Ursachen für die Langsamkeit in der Besserung der ökonomischen Lage der Gemeinde gehört die mangelnde Eignung der jungen Leute zur Auswanderung. OhneKenntnis des Spanischen sind sie für den Lebenskampf in Südamerika nicht geschickt. An uns ist es, diese Lücken auszufüllen. Das Spanische muss in unser Schulprogramm aufgenommen werden, zum mindesten für die 1. und 2. Klasse; alle unsere Schüler müssten dahin gebracht werden, mit 13 oder 14 Jahren spanisch zu sprechen. Es ist Zeit, diese fruchtbare Bevölkerung, die hier für ihre Tatkraft kein Feld findet, die von Hunger und Krankheit dezimiert wird, nach den freien Ländern Amerikas zu lenken. Wenn wir unseren hiesigen Zöglingen die Sprache beibringen, die sie in Argentinien, in Peru, in Venezuela brauchen, so bereiten wir ihre Auswanderung dorthin vor. Die hierfür nötigen Aufwendungen wären vortrefflich angelegt. Die jungen Leute sind es, die auswandern müssen. Für sie vor allem ist der spanische Unterricht einzurichten. Der Abendunterricht muss deshalb in betreff dieser Sprache weiten Baum einnehmen, und alle Sorgfalt ist darauf zu richten? dass die jungen Leute fliessend und leicht sprechen können. Ich denke deshalb eine Anzahl Stunden in den Abendklassen auch der Belehrung über amerikanische Verhältnisse zu widmen, die Geographie, die Einwanderungsbezirke, die politischen Einrichtungen, die Hilfsquellen Amerikas, die Beschäftigung, die man dort findet, die Lebensführung, die man dort beobachten muss, die Kosten der Heise, die Wegrichtungen, die hygienischen Vorkehrungen. Der befreiende Auszug muss rationell vorbereitet werden. Man muss die Intelligenzen derart beeinflussen, dass ein förmlicher Drang nach den transozeanischen Republiken entsteht. Bis zu dem vielleicht noch fernen Zeitpunkt der Erschliessung Marokkos für europäische Tätigkeit ist das das einzige Mittel, die Frage des Elends in diesen Landen zu lösen. Schlussfolgerung. Man könnte unsere Marokkanischen Schulen in zwei Kategorien sondern: 1. Die Schulen mit rollern Betrieb, die schon mächtige Wurzeln geschlagen haben, deren Früchte unter unseren Augen zur Reife gelangen, und deren Boden die für die wirtschaftliche Emanzipation und für die geistige Entwickelung günstigen Kräfte enthält. 2. Die im Ausbau begriffenen Schulen, die noch keine Fühlung mit den Gemeinden haben, in deren Umgebung das Erdreich noch nicht locker genug ist, um der jungen Pflanze Nahrung und Ausbreitung zu gewähren, die ihre Organe geduldig bearbeiten, sich wappnen und üben, um zur Blüthe bereit zu sein, sobald die erforderliche Wärme und Arbeitskraft sich einstellen. Die Schule von Mogador gehört zur zweiten Kategorie. Sie macht in der Gemeinde noch den Eindruck eines fremdartigen Körpers; unsere Glaubensgenossen haben grosse Achtung vor ihr und erwarten ihre Leistungen, aber sie sind von ihrer Unentbehrlich, keit durchaus nicht überzeugt. Trotzdem einige frühere Zöglinge vermöge ihrer hier gewonnenen Ausbildung ihren Lebensunterhalt verdienen, ist bei den Juden von Magador die Ueberzeugung noch nicht durchgedrungen, dass der Unterricht zum Wohlleben, jedenfalls zu unabhängiger und würdiger Tätigkeit führen kann. Und da im Lande der arabische Jargou vollständig zur Verständigung ausreicht, könnte die Schule verschwinden, ohne etwas anderes als oberflächliches Bedauern zu hinterlassen. Der Schülerbestand unserer Schule war lange Zeit sehr beschränkt, ihre Tätigkeit ist durch keine Mädchenschule unterstützt worden, so dass ihr Eindruck auf die Gemeinde nicht sehr tief hat sein können. Trotz aller unserer Bemühungen werden sich die Ansichten unserer Glaubensgenossen nicht ändern bis zu dem Tage, wo eine stark europäische Kolonie sich in Mogador gebildet haben wird und junge Leute in grosser Zahl für wohlbezahlte Stellungen verlangt werden, und die soziale und wirtschaftliche Ueberlegenheit des Mannes, „der lesen kann", sichtbar, greifbar geworden sein wird. Bis dahin besteht unsere Aufgabe darin, nichts zu vernachlässigen, damit vom ersten Beginn des Anzeichens einer wirtschaftlichen Hebung dies für aller Augen unmittelbar offenbar wird. Die Schule bereitet sich für ihre künftige Aufgabe vor. Seit 3—4 Jahren ist sie beträchtlich gewachsen, und mit der Schule in Mellah verdoppelt sie ihre Tätigkeit! Sie gewöhnt die Gemeinde daran, ihre Opfer für das Erziehungswerk zu steigern.

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