Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1907)
- Article
- Die Knabenschule der Alliance in Mogador (Marokko)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 55 - 56 (sequence 1)
- Language
- German
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55 56 MITTEILUNGEN AUS DEM DEUTSCHEN BUREAU ZZ3 DER ALLIANCE ISRAELITE UNIVERSELLE. CZ i (Berlin N. 24, Oranienburgerstr. 42/431). i DIE KNABENSCHULEN DER ALLIANCE IN MOGADOR (MAROKKO). Aus dem Bericht des Direktors Nahon. Mogador ist eine junge Stadt. Sie ist im 18. Jahrhundert entstanden, ein Ergebnis der bemerkenswerten neueren Erscheinung, dass die marokkanischen Völkerschaften von der Küste angezagen werden. Jahrhundertelang war das anders, hüllte sich Marokko in Geheimnis, richtete es seine ganze Tätigkeit auf das Innere des Landes, fern von den Blicken der Fremden. Gleich den muselmanischen Familien, die alles darauf einrichten, dass sie von aussen nicht gesehen noch gehört werden sollen, die verlassene Strassen vorziehen und hinter weiten, schweigsamen Vorhöfen leben, öffnete Marokko nach dem Meere zu nur unbedeutende Häfen, hatte es an seiner langgestreckten atlantischen Küste nur leblose, ärmliche Weiler. Die grossen Städte — Fez, Marakesch, Meknes, Tarudant — hielten Eeichtum und Leben von der Küste fern. Doch ein Umschwungerschüttert allmählich das Gleichgewicht der Dinge und treibt die Massen zum Meere hin. Erschöpft und blutlos durch eine jahrhundertelange Absperrung, drängt sich die Menge zum Meeresufer, um frische Luit zu schöpfen und den ankommenden Fremden die Hand zu reichen. Unaufhörliche Zuwanderung erhöht die Wichtigkeit aller Häfen auf Kosten des flachen Landes und der alten Städte. Die Israeliten, durch ihr Missgeschick, ihr Temperament und ihre Geschichte empfindlicher für die kommenden sozialen Umgestaltungen, stehen bei diesem Meeresdrang in erster Keine. Die Gemeinden des Küstenbezirks nehmen täglich zu. Die Zeit kann nicht fern sein, da die jüdischen Gemeinden von Tanger, Casablanca, Mogador 20 000 Seelen und darüber zählen werden. Die Gemeinde Mogador erhält ihren Zuwachs namentlich aus der Provinz Sus. In physischer Beziehung sind die Israeliten dieses Bezirks von ihren nördlichen Glaubensgenossen sehr verschieden. Brauner, unklarer Teint, langer Schädel, Ausdruck von Schüchternheit, wie er wilden Völkerschaften eigentümlich ist — das sind die charakteristischen Züge. Eine gelehrige, geschmeidige, ausdauernde, kluge Easse, fehlt ihnen jene Feinheit der Manieren, jene Fröhlichkeit und Ungebundenheit, die man im Norden findet. Talmudische Traditionen haben sie gar nicht. Bei ihnen hat es nicht, wie in Meknes, Fez, Rabat, Tetuan, eine lange Geschlechterfolge von Eabbinen und scharfsinnigen theologischen Denkern gegeben. Jüdische Wissenschaft hat bei ihnen keine Pflege erfahren. Wenigstens ist keine Spur davon durch diese Einwanderung in die junge Gemeinde Mogador gekommen. Die Zuwanderer hatten kein anderes Bedürfnis, als ihren Unterhalt zu gewinnen, ein freieres Leben als an ihrem Nachdruck verboten. Geburtsort zu führen. Für die Einrichtung von „ Jeschibot" nach nordischem Muster hatten sie weder die moralische Euhe noch die Mittel. Die jetzt hierher kommen, verlangen vor allem Brot und haben keinen Gedanken an Geistesarbeit. So hat sich eine Bevölkerung gebildet, die fast jeder intellectuellen Regsamkeit entbehrt. Dabei sind die Gestalten blutlos. Die Gesichter sprechen von ungenügender Ernährung. Es begreift sich, dass das erschöpfte Gehirn mehr als die elementarsten Vorstellungen aufzunehmen sich weigert. Besserer Ernährungszustand ist die Vorbedingung höherer Kultur. Unsere Zöglinge sind zumeist nicht arbeitsam. Sie kommen aus Gehorsam zur Schule, ohne Neigung für den Unterricht. Ihre Haltung ist gut. Ausserordentliche Anstrengungen, sie an Sauberkeit zu gewöhnen, haben erst geringen Erfolg gehabt. Gegen eingewurzelte Gewöhnungen, die aus dem Boden der Armut, des grössten Wohnungselends, des Mangels an Seife, Kamm und Schwamm emporgewachsen sind, ist schwer ankämpfen. Augenkrankheiten sind selten, allerhand Hautkrankheiten häufig. Man tut das Mögliche, um die Uebel zu beseitigen. In den letzten Jahren hat sich die Schule sehr gut entwickelt. Vor 12 Jahren zählte sie 60—80, vor fünf Jahren 140, gegenwärtig 310 Schüler, von denen 250 die Klassen mit Ausdauer durchmachen. Freie Speisung. Etwa die halbe Zahl der Schüler, 140, erhält Freitisch. Man erkennt hieraus die herrschende Armut. Seit dem 24. April sind 165 bis 180 neue Gäste hinzugekommen, da auf Anordnung der Alliance alle bedürftigen Kinder, sie mögen eine Schule besuchen oder nicht, eingeladen sind, an derMittagsmahlzeitteilzunehmen. Diese Verfügung des Central-Comitees ist mit begreiflicher Begeisterung aufgenommen worden. Fleisch ist zu teuer, als dass es den jungen Gästen so oft dargeboten werden könnte. Oft hat es an Brot gemangelt, weil Korn und Mehl phantastische Preise hatten. Reis wurde als Ersatz gereicht und hat vortreffliche Dienste getan, obwohl seltsamerweise die Kinder den Reis nicht sehr lieben. Es würde sich empfehlen, in die Speisekarte Kichererbsen und Linsen einzufügen, die man in Casablanca zu erträglichem Preis erstehen könnte Bedauerlicherweise sind die Spenden für diesen Freitisch sehr gering. Unterricht. Ich habe eingangs die Gründe für die gegenwärtige Apathie der Judenschaft von Mogador dargelegt. Ein weiterer Grund, der den Fortschritt unserer Jugend aufhält, besteht in der Armut ihres Jargons, der aus entstellten und fast unverständlichen