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Ost und West · 1907-01-01 · Heft 1 (Januar 1907) · p. Seite 35 - 36

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 1 (Januar 1907)
Article
Die Sendung Muhammeds
Date
1907-01-01
Page
Seite 35 - 36 (sequence 1)
Language
German
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35 36 DIE SENDUNG MUHAMMEDS. Von Dr. Julius Reiner. Nachdruck verboten. Beim Zeichnen von Pflanzen. ^Bezalel. Abbildung V.) Unter den Propheten, die einen hervorragenden Anteil an der Entwicklung der Menschheit haben, kann man zwei typische Richtungen erkennen, Richtungen, die nicht immer scharf von einander sich abheben, die aber zuweilen einen nicht zu verkennenden Gegensatz bilden. Die Vertreter der einen Richtung könnte man die „Moralisten", die der anderen die „Politiker'' fiennen. Für die einen ist das ethische, für die anderen das politische Problem die Rechtfertigung ihrer Sendung. Dass der Politiker seine Absichten und Wünsche mit der Ethik verquickt, und der Moralist zuweilen zur Politik seine Zuflucht nehmen muss, um seinen Ideen eine grössere Durchschlagskraft zu verschaffen, kann man leicht bei einem Vergleich der beiden typischen Richtungen erkennen. Die Propheten Israels waren in erster Reihe Moralisten. Sie kämpften für die höchsten Ideen der Menschheit. Gerechtigkeit ist der Grundton ihrer Predigten, und wenn sie ab und zu auf das politische Gebiet sich begeben, so geschieht es nur, um ihren Ideen mehr Nachdruck zu verschaffen. Etwas günstiger stellt sich dieses Problem bei den „Politikern" unter den Propheten. Bei ihnen ist ihre persönliche Stellungnahme zur Frage des Zusammenhanges zwischen Tugend und Lohn, Laster und Strafe, etwas durchsichtiger. Diese Propheten kämpften für durchaus greifbare und zuweilen auch sehr selbstsüchtige Ideen. Da sie als gewandte und erfahrene Politiker das Menschenherz gut kannten, verbrämten sie ihre politischen Absichten mit moralischen und religiösen Elementen. Auf diese Weise konnten sie ihres Erfolges sicherer sein. Die Moralisten unter den Propheten drohten mit Strafen mit dem Feinde, der das Land verwüsten und die Einwohner zu Gefangenen machen wird. Nicht immer folgte die Strafe sofort auf die Uebertretung der Gebote der Moral. Viel besser waren die Politiker unter den Propheten gestellt, die den Willen des Volkes unter Hinweis auf göttliche und jenseitige Belohnung sich botmässig machen konnten und für den Ausfall der Strafe nicht verantwortlich waren. Von diesem Gesichtspunkt aus wollen wir hier die Sendung Muhammeds betrachten; kein anderer Prophet eignet sich besser dazu. Denn Judentum und Christentum hängen zu sehr geschichtlich und inhaltlich zusammen und stehen dem Westeuropäer viel zu nahe, als dass wir unbefangen an ihnen Kritik üben könnten. Eindrücke der Kindheit, der Erziehung, äussere Rücksichtnahme auf die liebgewordenen Vorstellungen unserer Mitmenschen, der rings um uns tobende Kampf der Parteien und die persönliche Zugehörigkeit zu einer dieser Religionen lassen ein unbefangenes Urteil kaum aufkommen. Man mag noch so sehr objektiv sein wollen, man wird unwillkürlich parteiisch. Dazu gesellt sich noch als erschwerendes Moment die Mangelhaftigkeit der uns überlieferten geschichtlichen Tatsachen. Das Leben Moses, der Propheten, Jesus ist uns

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