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Ost und West · 1907-01-01 · Heft 1 (Januar 1907) · p. Seite 17 - 18

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 1 (Januar 1907)
Article
Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
Date
1907-01-01
Page
Seite 17 - 18 (sequence 2)
Language
German
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17 Bar-Ami: Aus der .jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 18 damit er Zeit hätte, sein Gebet zu verrichten, wie Gott geboten, denn er wollte nicht ohne Gebet aus dieser Welt scheiden. Die Räuber lachten ihn aus, aber um Possen zu treiben und ihn zu verhöhnen, lösten sie seine Fesseln, stellten sich im Kreise um ihn herum, und er musste sich in die Mitte stellen, um nicht entfliehen zu können. Da er wusste, dass dies das letzte Mal sei, dass er auf dieser Welt beten konnte, nahm er all seine Kraft zusammen, und als er die Sabbathlieder zu singen anfing, sang er und sang ohne Aufhören; die Verzückung übermannte ihn immer mehr, sodass er am Ende die ganze Weit ringsum und auch seinen nahen Tod vergass. Den Räubern aber drang der Gesang in die verhärteten Herzen und zerknirschte sie so sehr, dass sie nicht länger an sich halten konnten. Sie fielen ihm zu Füssen und fingen an, ihn um Verzeihung zu bitten. Er aber sprach zu ihnen: «Nicht mich, nicht mich, sondern Gott müsst ihr um Verzeihung bitten." Dann führte er sie zum Rebbe, dieser bekehrte sie und sie wurden fromme Leute. Als Busse für ihre schweren Sünden legte ihnen der Rebbe auf, dass sie mehrere Jahre ein unstetes Wanderleben führten, nie zweimal an demselben Ort übernachteten, nie um ein Almosen oder einen Bissen Brot baten, sondern schweigend bei der Türe standen, wartend, bis die Hausfrau selber ihnen etwas verabreichen würde. Das Totenlied. In einer fernen Stadt war einmal ein grosser Herr. Dieser grosse Herr war von Natur nicht böse, aber wenn einmal der böse Geist in ihn fuhr, konnte e*r die schlimmsten Dinge von der Welt anstellen. Einmal kam ihm der Gedanke in den Kopf, alle* Juden, die in seiner Stadt wohnten, umzubringen. Er lässt sie also in den Kerker werfen und spricht zu ihnen: „Hier werdet ihr ein paar Tage brummen, bis ich Galgen in genügender Anzahl für euch aufgerichtet habe.« »Wir müssen alle sterben; aber nach unserem Ende wird niemand sein, der über unsere Seelen das »El mole rachamim" singen wird. Erbarme dich über unsere und Deine eigene Seele und lasse den Gesang uns jetzt anstimmen. Bei Gott wird das gerade so lieb sein, wie wenn Du es nach unserem Tode sängst!" So sagten sie zu dem Chasan. Der Chasan stimmte das Lied an und sang laut und aus tiefstem Herzen, wie er es so oft an der Bahre der Toten getan. Da fügte es Gott, dass der grausame Herr gerade in diesem Augenblick vor dem Fenster des Gefängnisses vorbeiging und den Gesang vernahm Der Gelang aber ist, wie bekannt, so ergreifend, dass er einen Stein rühren könnte. Der Herr blieb stehen und lauschte; und das Singen drang ihm so sehr zu Herzen, dass der böse Geist ihn verliess. Er befahl auf der Stelle, die Gefangenen zu befreien, und den Chasan beschenkte er noch dazu reichlich. Die Nachtigall, War einmal ein junger Knabe, der sehr schön zu singen verstand. Und obgleich er noch sehr jung und sogar unverheiratet war, erlaubte man ihm, sich in einen Tallis zu hüllen, vor den Altar hinzutreten und der ganzen Gemeinde vorzubeten. Es dauerte nicht lange und sein Ruhm verbreitete sich in der ganzen Gegend, und aus der Ferne kamen die Menschen nach jener Synagoge, wo der Jüngling vorbetete, um seinen Gesang zu vernehmen. Seine Stimme EM. HANNAUX PARIS. Baronin James Rothschild. (Hospital Picpus, Paris.) aber war so süss, wie die einer Nachtigall, und Augen hatte er, die leuchteten wie die Sterne am Himmel. Man nannte ihn allgemein die Nachtigall. Wenn man sagte: die Nachtigall wird an diesem oder diesem Sabbath beim Gottesdienst vorbeten, oder die Nachtigall fährt nach der und der Stadt auf den Sabbath, so wussten gleich alle, wer darunter gemeint war. In derselben Stadt aber, im Palast, wohnte die Gräfin; die war eine grosse und mächtige Herrin und sehr reich. Die hörte davon, dass die Nachtigall unter den Juden einen so grossen Namen hatte, und dachte bei sich, ich will einmal nachsehen, was da unter den Juden mit ihrem berühmten Sanger los ist. Sie zog Männerkleider an und stahl sich in die Synagoge, man weiss es übrigens bis auf den heutigen Tag nicht genau, wie und wann. Kurz, sie hörte seinen süssen Gesang und blickte ihm in die leuchtenden Augen. Nun entflammte sie in sündhafter Liebe zu ihm. Und da sie, wie gesagt, sehr reich war und eine grosse Macht besass, so selzte sie es sich in den Kopf, unbedingt ihren Willen zu erreichen. Der Jüngling fürchtete sich vor der bösen Frau und auch vor sich selber, denn er wusste, dass, wenn er einmal in ihr Netz geräte, so gäbe es keine Rettung mehr für ihn. Er floh in die Fremde und hielt sich in kleinen Städtchen verborgen. Doch die böse Frau Hess ihm keine Ruhe. Sobald er sich irgendwo ver-

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