Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1907)
- Article
- Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 15 - 16 (sequence 1)
- Language
- German
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15 16 AUS DER JUEDISCHEN SAGEN- UND MAERCHENWELT. Von Bar-Ami. Nachdruck verboten. Die folgenden Sagen sind von mir vor mehreren Jahren nach dem Vortrage eines chassidischen Märchenerzählers aufgezeichnet worden. Die vorangehende Einleitung bildet gleichsam ein Präludium und spiegelt trefflich die naive und zugleich von einem gewissen mystischen Schwung beseelte Anschauungsweise der Chassidim wieder. Die Uebertragung ins Hochdeutsche schliesst sich möglichst wortgetreu dem Original an. Die Macht des Gesanges. Es ist allgemein bekannt, dass das schönste Geschenk, das der Mensch von Gott erhielt, in der Fähigkeit besteht, alles, was seine Seele bedrückt, aus sich herauszusingen. In alten, sehr alten Zeiten, kurz nach Erschaffung der Welt, konnten alle Tiere singen, wie davon in den heiligen Büchern geschrieben steht. Alle sangen sie, ein jedes auf seine Art, ein Lied zu Ehren Gottes. Doch als später die Welt verdorben wurde und sogar die Tiere sündigten, und Gott die Sintflut über die Welt kommen Hess, wurde die Gabe des Singens den Tieren genommen, und nur den Menschen und manchen Vögeln belassen. Heutzutage können die Tiere nur brüllen, heulen, bellen und quaken, manche können auch das nicht. Aber singen? Wer kann singen! Nur der Mensch allein und die Vögel ein wenig. Denn die Vögel sind von allen Geschöpfen die reinsten und Gott am angenehmsten. Und wozu singen die Vögel? EM. HANNAUX PARIS. Mme. Coralie Cahen. (Maison de ftefuge, Neuilly.) Gott zum Preis singen sie, wenn der Frühling kommt, wenn der Tag erwacht, oder wenn der Abend sinkt. Und wozu hat Gott den Vögeln die Fähigkeit zum Singen belassen? Damit der Mensch sich an ihnen ein Beispiel nimmt. So wie sie weder trunkene, noch gottlose, noch unzüchtige Lieder singen, ebenso sollst du, Mensch, solches auch nicht singen. Nur wenn du eine Bitte an Gott hast, oder ihm danken willst, oder wenn es dir traurig in der Seele ist, so singe, und sogleich wird es dir leichter werden. Das Singen gottloser Lieder ist nämlich eine grosse Sünde, und es harren schwere Strafen darauf in der anderen Welt. Der Mensch aber ist von Natur sehr ausgelassen, und wenn man ihn auf der anderen Welt fragt: warum hast du sündhafte Lieder gesungen? — so möchte er wohl antworten: wenn ich gehabt hätte dort an jemand ein Beispiel zu nehmen, so würde ich wohl keine sündhaften Lieder gesungen haben. Aber jetzt, da die singenden Vögel da sind, was kann er für eine Ausrede haben? Mit dem Gesang kann der Mensch beim Himmel die höchste Gnade sich ausbitten, und wie gross die Macht des Gesanges wider die bösen Engel ist, ist ja bekannt. Aber auch über böse Menschen hat der Gesang eine grosse Gewalt. Manche Menschen haben eine hohe Seele, die sich beim Singen zu Gott erhebt und bei ihm bleibt; solch ein Mensch erleidet weder die Qualen des Todes noch die der Hölle. Ein jeder weiss, dass es solch eine Seele war, die jener Chassid hatte, der am Jam-Kipur beim Beten vor dem Altar sein Leben beschloss. Er war Chasan und stand am Jom-Kipur vor dem Altar in der Synagoge und sang gerade den Psalm: „Aus den Tiefen ruf ich zu dir, o Gott", und allen griff es ans Herz, so wunderschön sang er. Das ganze Volk weinte, und die Weiber droben, wie das schon ihre Gewohnheit ist, jammerten laut wie die kleinen Kinder. Indessen fängt der Gesang an immer leiser und leiser zu werden, bis er endlich ganz verstummt. Sie dachten, der Chasan sei ermüdet und möchte eine Weile ausruhen, er aber stand noch immer schweigend da. Endlich tritt jemand zu ihm heran, zupft ihn am Aermel und sagt: „Nu, alle Leute warten." Er aber war leblos, wie der Altar, bei dem er stand. Jetzt erst merkten sie, dass die Seele nicht mehr in ihm war. Gott hatte sie beim Singen zu sich gewürdigt. Doch wie gross die Macht des Gesanges ist, sogar über böse Menschen, und was für Sünden es auf dieser Welt gibt, das will ich euch erzählen. Der Chassid und die Räuber. War einmal ein Chassid, der sehr schön zu singen verstand. Eines Tages ging er, wie gewöhnlich, zum Rebbe auf den Sabbath, und es traf sich, dass er sich in einem dichten Wald verirrte. Er ging und ging und konnte keinen Ausgang finden. Und in dem Waide hausten Räuber. Diese überfielen unsern Chassid, schlugen ihn in Ketten und wollten ihn umbringen. Als er sah, dass der Tod nahe war, fing er an über sein Leben und seine Sünden nachzudenken, um die Gnade des Schöpfers auf seine Seele herabzuflehen. So lag er da, bis der Abend sank. Inzwischen erinnerte er sich, dass es gerade Freitag war, da alle Welt in den Synagogen versammelt ist, um zu beten und Lieder zu Gott zu singen, und nun wetzten die Mörder ihre Messer, mit denen sie ihm den Garaus machen wollten. Er flehte sie also an, ihn noch ein Stündchen am Leben zu lassen,