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Ost und West · 1903-12-01 · Heft 12 (Dezember 1903) · p. Seite 835 - 836

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 12 (Dezember 1903)
Article
Zur Geschichte des Positiven und Negativen
Date
1903-12-01
Page
Seite 835 - 836 (sequence 2)
Language
German
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835 Achad Haam (U. Ginsberg): Zur Geschichte des Positiven und Negativen. 836 deren sie bedürfen, durch die Mittel, an die sie glauben, zu erlangen suchen, sie durch diese ihre Tätigkeit den Widerspruch der besonders eifrigen Anhänger des alten Systems erregen, obwohl die Neuerer in ganz unschuldiger Absicht an dasselbe gerührt haben. Dieser Widerspruch zieht das Bekanntwerden des neuen Systems nach sich, dem sich nunmehr Von allen Seiten diejenigen anschliessen, die vermöge ihrer Geistesrichtung hierfür prädisponiert sind. Je mehr aber diese neue Anhängerschaft wächst, um so heftiger wird der Hass der Gegner, und der Widerspruch wächst sich alimählich zu einem schweren Kampfe aus. Die Anhänger des neuen Systems sind anfangs empört über diesen Vorwurf, der ihnen destruktive Tendenzen gegenüber dem Alten zuschreibt, und sie legen mit ganzem Herzen energischen Protest ein gegen diese Zumutung. Sie meinen es auch durchaus aufrichtig, denn ihre Absicht ist in der Tat nicht zu zerstören, sondern aufzubauen. Da sie vollständig vorn positiven „Aufbau" in Anspruch genommen sind, haben sie kein Auge für die Negation, die als notwendige Konsequenz folgen muss; und auch dann, wenn sie von den Gegnern aufgedeckt wird, sind sie bemüht, durch künstliche Mittel, die sie aber nicht als künstliche empfinden, sie nicht nur vor anderen, sondern auch vor sich selbst zu verhüllen, Die Anhänger des alten Systems hingegen, deren Aufmerksamkeit auf diese Negation concentriert ist, vermögen aus diesem Grunde mit besonderer Schärfe die Gefahr, die ihnen vom Neuen her droht, zu erkennen oder zu ahnen und sind daher bestrebt, die neue Bewegung im Keime zu ersticken. Aber zumeist schlägt ihr Versuch fehl. Das neue System erringt sich allmählich entgegen ihrem Willen den Platz, der ihm im Leben gebührt. Die beiden Systeme stossen nach und nach jene Eigentümlichkeiten ab, die mit einander besonders unverträglich sind; sie verteilen unter sich nach Möglichkeit die Kräfte der Gesellschaft in einer beiden zusagenden Weise, bis sie sich schliesslich sogar verbünden und in Eintracht mit einander wirken, während sich das Leben der Gesellschaft um einen neuen Inhalt bereichert und einen positiven Zuwachs erhalten hat. In ähnlicher Weise vollzog sich die Einführung der Philosophie ins Judentum während des Mittelalters. Zuerst — ein neues positives System in den Seelen Einzelner: das Bedürfnis nach Erkenntnis der Naturerscheinungen und des Menschenlebens und der G 1 a u b e an ihre Erreichbarkeit vermittelst der arabischen Philosophie. Später — die Ausbreitung des Systems, der Kampf der Eabbiner, die in ihm eine Gefahr für einen alten positiven Inhalt den dogmatischen und zeremoniellenTeil des Judentums erblickten; die „Entschuldigungsschriften" der Neuerer, die diese Gefahr leugneten, bis schliesslich ein Vergleich zustande kam: der Glaube wurde zu einer „geläuterten Religion" und die Philosophie wurde zu einer „Religionsphilosophie". In ähnlicher Weise entstand und entwickelte sich auch der Chassidismus in neuerer Zeit. Ursprünglich ein neues positives System: das Bedürfnis nach Seelenerhebung und Gemütserregung und der Glaube an ihre Erreichbarkeit durch einen freudig gestalteten Gottesdienst; später die Ausbreitung des Systems, der Widerstand von Seiten der Talmudgelehrten, die Entschuldigungen der Neuerer und das schliessliche Resultat: talmudgelehrte Chassidim und chassidischeTaknudgelehrte. Ja, hätten die ersten Chassidim die Behafeti&gen der heutigen Geschichtsschreiber, des Chassidismus gehört, die ihnen die Absicht, gegen den Rabbinismus zu protestieren, zuschreiben, dann würden sie wahrscheinlich nichts verstanden haben, ebensowenig wie sie es verstanden, warum sie eigentlich verfolgt wurden. Denn es kam ihnen in der Tat durchaus nicht zum Bewusstsein, dass in ihren Lehren und Handlungen irgend etwas enthalten sein könnte, was irgendwie einer geheiligten und altehrwürdigen Satzung des Judentums widerspräche. Im Gegenteil, s i e waren es, die ihre G e g n e r als Protestanten (Misnagdim) bezeichneten, ungleich den Anhängern Luthers, die sich selbst so nannten. In derselben Weise aber, in der die stetige Entwickelung neue positive Inhalte erzeugt, pflegt sie auch in den Gemütern Einzelner alte positive Inhalte zu vernichten, indem sie in ihnen die Macht verschiedener Bedürfnisse und Glaubensanschauungen, auf welchen das Gesellschaftsleben sich aufbaute, abzuschwächen sucht. Diese Einzelnen finden daher auf irgend einem Gebiete des Lebens, ein jeder in derjenigen Sphäre, die ihm besonders nahe liegt, verschiedene überflüssige Dinge, deren Vernichtung nach ihrer Meinung einen Fortschritt. für die Welt bedeutete. Diese Negationen nun finden sich gleichfalls zusammen, erwecken und unterstützen sich gegenseitig, wirken auf einander ein und schliessen. sich zuletzt ebenfalls zu einem vollständigen System zusammen, das sich rings um eine elementare und allgemeine Negation konzentriert. Um das Banner dieser Negation scharen sich sodann jene Einzelnen, die Anhänger der partiellen Negationen, zusammen, und sie, die bis jetzt getrennt waren und nur in Einzelheiten übereinstimmten (oder auch auseinandergingen), bilden nunmehr ein geschlossenes Heer, das dem alten positiven System den Krieg erklärt, einen Krieg ausschliesslich im Namen der Negation und Vernichtung. Die Folge eines derartigen Krieges ist aber zumeist weder der vollständige Sieg der einen Partei, noch Friede und Annäherung zwischen beiden Parteien, sondern ein endgiltiges Auseinandergehen für immer. Müde und zerschlagen von den Strapazen des Krieges ^ziehen sich beide vom Schlachtfeld zurück und geben den Krieg auf. Die Anhänger des positiven Systems nehmen ihre ehemalige Lebensführung nach ihren alten Grundsätzen wieder auf, während die Anhänger des negativen Systems sich von ihnen trennen und sich zu einer gesonderten Sekte separieren, die sich eine neue Lebensweise gemäss ihren Grundsätzen schafft. Die Entstehung einer derartigen Sekte ist aber unter allen

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