Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Daniel Chodowiecki und Moses Mendelssohn
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 833 - 834 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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833 Albert Wolf: Daniel Chodowiecki und Moses Mendelssohn. 834 Das Journal vermerkt hierüber (Abschrift verdanke Herrn Prof. Dr. Rachel): „Von da gingen wir zu Chodowiecki. Unter allerhand schönen Sachen, die er uns zeigte, waren besonders einige ganz neu herausgekommene Kupferstiche; diese zu besehen und seine Anmerkungen dabei zu hören, ist ein wahres Vergnügen. Fritz Hess für Sie Moses Mendelssohn zeichnen, und so sieht er natürlich aus, wie Sie ihn erhalten werden." Ob wir in dem vorliegenden Blatte vielleicht eines der hier erwähnten Portraits sehen dürfen, muss dahin gestellt bleiben. ZUR GESCHICHTE DES POSITIVEN UND NEGATIVEN. Von Achad Haam (U. Ginzberg). Autorisierte Uebersetzung aus dem Hebräischen von Dr. J, Auch zur Zeit, da Friede in der Welt herrscht, giebt es keine Eintracht und keinen Frieden unter den Lebewesen. In den Tiefen des Lebens kämpft unter der Maske des Friedens alles, vom Wurme bis zum Menschen hinauf, um sein Leben, jagt und drängt einander ohne Unterlass, und sucht ein jedes sich auf Kosten des andern durchzusetzen. Trotzdem unterscheiden wir zwischen Kriegszeiten und Friedenszeiten und bezeichnen als Krieg nur das offene Ringen zweier Heere, das nur verhältnismässig selten vorkommt, dessen Verlauf sowie dessen Ursachen und Folgen wir von Anfang bis zu Ende übersehen können. Aber jene kleinen ununterbrochenen Kämpfe zwischen den einzelnen Individuen, von denen wir nur die Tatsache ihrer Existenz, nicht aber ihre Details und ihre Entwickelung kennen, — diese Kämpfe bezeichnen wir als Frieden, — weil es dem konventionellen Sprachgebrauch entspricht. Aber auch in der Welt des Geistes gibt es nicht minder Krieg und Frieden, und auch hier verstehen wir unter Frieden nur die ununterbrochenen kleinen Kämpfe, die dem Auge verborgen bleiben, wie die Kämpfe von Anschauungen gegen Anschauungen, von Bedürfnissen gegen Bedürfnisse, von Sitten gegen Sitten u. s. w. Selbst die geringfügigste Aenderung auf irgend einem Gebiete des Lebens, selbst beispielsweise die Veränderung eines Buchstabens in der Orthographie eines Wortes kann sich lediglich durch Kampf und Sieg vollziehen, nur dass diese unbedeutenden Ereignisse sich im Stillen abspielen und von den Zeitgenossen unbeachtet bleiben. Erst nach einem gewissen Zeitraum, nachdem alle diese Aenderungen zu einer beträchtlichen Summe angewachsen sind, blicken die Gebildeten rückwärts und bemerken zu ihrem Erstaunen, dass alles, von den Anschauungen und Lebensformen bis auf die Sprache und Aussprache, sich gegen früher bedeutend gewandelt hatf aber ganz wie von selbst, ohne dass man im Einzelnen angeben könnte, wie, wann und durch wen es geschah. Die stetige allmähliche Entwickelung wird also als Friede bezeichnet. Aber auch in der Welt des Geistes ereignet sich manchmal ein Krieg, ein offenes Ringen zwischen zwei geistigen Heeren, zwei ausgeprägten Systemen, zwischen dem alten und dem neuen System. Friedlaender. Nachdruck verboten. Die Vorbereitungen zu diesem Kriege werden im Geheimen getroffen, in1 der Tiefe der stetigen Entwickelung, und erst nachdem alles fertig ist, gelangt der Krieg mit furchtbarem Getöse zum Ausbruch und zieht in kurzer Zeit bedeutende Veränderungen nach sich. Die Beschaffenheit dieser Veränderungen und nicht minder der Verlauf des Krieges überhaupt wird besonders durch die Beschaffenheit des neuen Systems bedingt, das den ganzen Sturm entfacht hat: ob es nämlich ein ausschliesslich positives oder ein ausschliesslich negatives, oder ob es positiv und negativ zugleich ist, Ein neues positives System tritt in Erscheinung, nachdem die stetige Entwickelung während ihres Verlaufes in der Seele der wenigen Auserwählten einen neuen positiven Inhalt erzeugt hat: den Glauben an eine neue Wahrheit oder die Empfindung eines neuen Bedürfnisses, in den meisten Fällen gleichzeitig beide, während sie vorher der Gesellschaft unbekannt waren. Nach einem bekannten psychologischen Gesetz findet und erweckt dieser Inhalt andere ihm verwandte Seeleninhalte, die sich nun sämtlich verbinden und gegenseitig stützen, bis sie alle schliesslich zu einem einzigen System verwachsen, in dessen Mittelpunkt jener neue positive Inhalt steht, während sich rings um ihn ein ganzes Bündel von mannigfachen Seeleninhalten gruppiert, wie Glaubensanschauungen, Empfindungen, Neigungen u. s. w., die von ihm abhängig sind und durch ihn ihren Zusammenhang erhalten. Ein neues derartiges System, das seinem Wesen und seinem Ursprung nach ausschliesslich positiv ist, involviert nichtsdestoweniger notwendigerweise eine versteckte Negation, die nicht umhin kann, in irgend einem Punkte mit einem anderen alten System, das den gleichen Gegenstand betrifft, zu kollidieren und ihm, wenn auch nicht im Mittelpunkt seines Wesens, so doch in irgend einem Punkte an seiner Peripherie Eintrag zu tun. Zumindest verhindert das neue System seine *Anhänger, sich den alten Interessen mit der gleichen Aufmerksamkeit^; zu widmen. Die notwendige Folge ist daher, dass, sobald die „Neuerer" ihr System in die Wirklichkeit umzusetzen beginnen und die Dinge,