Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-12-01 · Heft 12 (Dezember 1903) · p. Seite 831 - 832

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 12 (Dezember 1903)
Article
Daniel Chodowiecki und Moses Mendelssohn
Date
1903-12-01
Page
Seite 831 - 832 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583917-2587954--03484-2588025
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

831 Albert Wolf: Daniel Chodowiecki und Moses Mendelssohn. 832* haben Sie vermutlich in den physiognomischen Fragmenten gesehen; es ist Ramler. So zeichnete ich ihn für Lavater zu seinen Fragmenten. Aber woher wissen Sie, vortrefflichste Gräfin, dass die 3. Zeichnung Mendelssohn vorstellt? Dass Sie diesen würdigen Mann schätzen, das sagen Sie mir mit einer Miene, als ob ich daran zweifeln könnte. Wenn Sie stolz sind, dieses Bild zu besitzen, so bin ich es wahrlich nicht minder, es in Ihren lieben Händen zu wissen. Ich erinnere mich aus meinem verlorenen Brief, dass Ihnen das Vergnügen erzählte, womit ich diese drei Zeichnungen gemacht hatte. Ich erinnere mich auch der Stelle von Moses Mendelssohns aus dem Stammbuch Willemers, sie hat mir auch sehr gefallen, aber die Kürze, womit er sich ausdrückt, mehr als die Sache selbst. Vergeben Sie, Engel in menschlicher Gestalt! dass ich mich unterstehe, darüber mit Ihnen zu raisonieren und vielleicht zu deraisonieren. Die erste Bestimmung des Menschen ist also „Wahrheit zu erkennen" — von was vor einer Wahrheit spricht hier der herrliche Mann — dass ein Gott ist? Denn das ist doch die erste Wahrheit, und woraus alle Wahrheiten entspringen. Aber wer lehrte ihn das? Moses? Durch Mosen sagte Gott: Ich bin ein eifriger Gott! u. s. w. Ist dieses die Wahrheit, wovon Moses Mendelssohn spricht? Warum nicht? Er hat es ja übersetzt. Aber Jesus spricht — Also hat Gott die Welt geliebet u. s. w., welch eine herrliche Wahrheit! Aber dieses ist doch wohl niefet die Wahrheit, wovon Moses Mendelssohn spricht. Wenn das wäre, so wäre er ja kein Jude. 2. Bestimmung „Gutes wollen". Die mehresten Menschen wollen das Gute, wenn sie auch gleich nicht daran denken, dass dieses Wollen ihre Bestimmung ist. Aber die 4. Bestimmung „Das Beste tun", obgleich unsere Bestimmung ist, so handeln wir leider gar zu oft dawider. Glücklich der, der immer danach strebt, von ganzem Herzen danach strebt. Aber guter, edler Moses Mendelssohn, ist dein Judentum das Beste, das du tun kannst? Hast's Evangelium gelesen und nicht seine Vorzüge eingesehen? — Mit alledem ist diese Zergliederung der Bestimmung des Menschen ganz herrlich gedacht und Moses Mendelssohn auch mit seinen Schwachheiten doch ein herrlicher Mann. Ich sprach einmal mit einem vernünftigen Juden, der nur den Namen des Juden führt, übrigens ein Naturalist ist. Ich fragte ihn, warum, da Ihr so gedrückt werdet und doch keine Juden mehr seid, bleibt Ihr Juden? Antwort: Die Juden würden uns hassen, die Christen uns verachten, nicht glauben, dass wir's redlich meinen. Ich hasse keinen Juden, liebe die ehrlichen von Herzen, und glaube, dass Gott ihnen Barmherzigkeit widerfahren lassen werde, soviel als die Lage, worin sie sich durch ihre Schuld oder durch ihr Schiksal befinden, es möglich machen oder zulassen wird. Nein, urteilen Sie, vortreffliche Gräfin, ob ich nicht den Mann so viel wie Sie hochschätze. Vergeben Sie mir die Ausschweifung; ich komme wieder in's Gleis und gratuliere Ihnen zu Tischbein's Bild; es ist doch dessen, der in Rom ist?"' Chodowiecki spricht dann von den Malversuchen: der Gräfin, und solchen einer Mllej Nohren, und fährt dann fort: „Ich freue mich, wenn ich unterm schönen Geschlecht so viel Kunstliebe antreffe. Es ist auch eine junge Jüdin hier, die in Pastell malt, aber ich habe noch nichts als Zeichnungen! in Rotstein von ihr gesehen. Sie wollte mir, da. ich das letzte Mal bei ihr war, nichts Gemalteszeigen, bis sie es besser machen würde." .... In dieser „jungen Jüdin" dürfen wir vielleicht die, dem Herz'scheh Kreise angehörende Elise Frankel sehen, von der aus den Briefen Humboldt's an Henriette Herz bekannt ist, dass sie von der Letzteren 1820 ein Bild fertigte, auf dem diese, nach der Mode der Zeit, mit einem Kofptuch in Form eines Turbans dargestellt ist, welches ursprünglich der Marianne Mendelssohn gehörte, die es aber an Humboldt zu dem Zwecke, es dem König Friedrich Wilhelm IV. zu überreichen, 1845überliess (Zeit des Judentums 1892, S. 524). In einem weiteren Brief, vom 12, Dezember 1783 an die gleiche Adressatin (Abschrift der Briefe verdanke ich der Freundlichkeit des Herrn Hof-Kunsthändler Meder) kommt Chodowiecki nochmals auf die Juden zurück: „Sie haben sehr Recht,, dass wir Christen durch unsere Hartherzigkeit und Unterdrückung der Juden von der Annehmung des Christentums abhalten und ich habe mich sehr über die toleranten Gesinnungen unseres grossen Josefs gefreut, aber auch zugleich herzlich über seine Intoleranz gegen seine böhmischen Abrahamiten betrübt. Was sind denn Abrahamiten anders als Juden!?! Dass der gemeine Jude die Göttlichkeit des Christentums, so wie es unter uns getrieben wird, nicht einsehen kann, das wundert, mich nicht, aber dass aufgeklärte Männer unter ihnen nicht das reine Gold von den vielen Zusätzen abzusondern wissen, kommt mir unbegreiflich vor. Es scheint, dass in Ihren Gegenden die Juden noch orthodox sind, hier sind die, die nicht zu dem Pöbel gehören, es keineswegs; sie kaufen und verkaufen am Sonnabend, essen alle verbotenen Speisen, halten keine Fasttage u. s. w." Chodowiecki hat übrigens nicht nur dieses eine Portrait Mendelssohns gezeichnet, denn abgesehen davon, dass wir ein weiteres, in Rothe! ausgeführtes im Berliner Kupferstichkabinett kennen, wissen wir auch von einem solchen, dass er für Elisa von der Recke lieferte. Der spätere Inhaber der Nikolai'schen Buchhandlung in Berlin, Hofrat. Friedrich Parthey, ein Schüler Hillers, der einige Jahre Musiklehrer im Hause der Familie von Medem war, wo er die spätere Herzogin Dorothea von Kurland und deren. Bruder Fritz unterrichtete, begleitete Letzteren 1777 auf eine Reise nach Deutschland, und führte dabei für dessen Schwester Elisa von der Recke ein, noch jetzt im Besitz der Familie Parthey befindliches Reisejournal. Aus demselben ist zu ersehen, dass Parthey und Medem nachdem sie am 22. September Mendelssohn besucht hatten, am 3. Oktober Chodowiecki aufsuchten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.