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Ost und West · 1903-12-01 · Heft 12 (Dezember 1903) · p. Seite 827 - 828

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 12 (Dezember 1903)
Article
Die fromme Katze
Date
1903-12-01
Page
Seite 827 - 828 (sequence 2)
Language
German
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827 J. L. Perez: Die fromme Katze. 828 Zehnmal täglich hat sie sich gewaschen! — Und ihre Mahlzeiten hielt sie still — abseits — in einem versteckten Winkel — tagüber nahm sie nur Milchdiges zu sich, erst wenn die Nacht hereinbrach, ass sie Fleich — koscher Mausefleisch. — Doch sie stürzte sich nicht eilig auf diesen Leckerbissen, wie auf das täglicht Brot, sie griff nicht gierig darnach und verschlang ihn, wie ein Vielfrass es tut, nein, ruhig, — spielend — mag das Mäuslein etwas länger leben, noch einen Augenblick, noch eine Sekunde, — mag es noch ein wenig herumtanzen, zittern und beben, das Sterbegebet sprechen — eine fromme" Katze nimmt nicht mit Hast! — Als man den ersten Singvogel ins Zimmer brachte, bekam sie bald Mitleid mit ihm, ihr Herz tat ihr weh. „Ein solch schönes", seufzte sie, „ein solch kleines, liebliches Vögelchen soll keinen Anteil an der kommenden Welt haben! Und seiner kann nicht die ewige Seeligkeit harren"; davon ist die Katze überzeugt, „erstens wäscht es sich auf deutsche Art, den ganzen Körper im Wassernapf! Zweitens, hat man es in einen Käfig gesperrt, also ist es gewiss ein boshaftes Tier — wenn auch äusserlich ein junges, süsses Singvögelchen! — welches mehr von Dynamit als von „Schulchon-Oruch"2) hält! Und nun gar das Singen! Das ausgelassene Singen, das helle Zwitschern! Dabei das freche Aufwärtsschauen — ohne eine Spur von Demut guckt es in den Himmel hinein! — Dann das Flattern gegen die Stäbe — das Begehren nach der sündhaften Welt, — hinaus möchte es durch das offene Fenster in die freie Luft! — Ist es schon da gewesen, dass eine Katze in einen Käfig gesperrt ward? Oder hat schon einmal eine fromme Katze so gezwitschert, so verführerisch getrillert? — O, der Jammer!!" Der frommen Katze weint das mitleidige Herz in der Brust, „es ist doch ein lebendiges Wesen, seine Seele ist teuer, ist auch ein göttlicher Funke!" Die Katze klagt weiter mit Tränen in den Augen: „0 das ganze Unglück kommt daher, weil der sündige Leib so schön ist, darum scheint ihm das jetzige Leben so lustig, darum ist der Trieb zum Bösen so stark in ihm! Wie kann ein solch kleines, süsses Vögelchen im Kampf gegen den grossen, schrecklichen, bösen Trieb bestehen? — Je länger es lebt, desto mehr sündigt es, desto grössere Strafe wartet sein — ha! — " 2) Das Buch der frommen Satzungen. MOSES EZEKIEL. PAN UND AMOR. In heiligem Feuer entbrannte die Katze; der eifernde Zorn des Pinchas, Sohn des Elieser, Sohn des Hohepriester Aron, kam über sie, mit einem Satz war sie auf dem Tisch, darauf der Käfig mit dem Singvögelchen stand, und — schon fliegen Federn im Zimmer herum. — Man schlug die Katze. Mit frommer Ergebung trug sie die Strafe. Jämmerlich schluchzend, fromm stöhnend und seufzend sagte sie das Bussgebet her. Nein, fürderhin wollte sie nicht mehr sündigen. Wohl verstand die kluge Katze, warum man sie gezüchtigt hatte, nie mehr sollte sie solche Strafe verdienen. Man hatte sie darum geschlagen, weil sie die Stube voller Federn, das weisse Tischtuch voller Blutflecke gemacht hatte. Eine Urteilsvollstreckung muss gut, still und fromm vor sich gehen, es dürfen dabei keine Federn fliegen, kein Blut darf fliessen. Man kaufte den zweiten Singvogel, man brachte ihn in dasselbe Zimmer, — da hat sie ihn ganz still und fein erwürgt und samt den Federn verschlungen. Man schlug die Katze wieder. Nun erst verstand sie, dass es nicht um Federn und Bluttropfen ging, der Grund war,£ man soll nicht töten! Lieben soll man und vergeben! Mit den vier Todesstrafen bessert man nicht die sündige Welt. Man muss zum Guten zu bekehren suchen, ermahnen, zum Herzen reden! Ein wahrhaft zur Busse bekehrter Kanarienvogel kann zu einer Höhe gelangen, an die selbst die frömmste Katze nicht heranreicrit. Die Katze fühlt, wie ihr Herz vor Freude höher schlägt. Vorbei sind die alten bösen, harten Zeiten. Vorbei für immer das Blutvefgiessen! Erbarmen fortan Erbarmen und Mitleid! — — Und mit Mitleid trat sie an den dritten Kana. -rienvogel heran. — „Fürchte nichts!" sprach sie mit der weichsten- Slimme, die jemals einem Katzenhals entwich. „Du bist zwar sündig, doch fern sei es von mir, Dir Böses zu tun, Du barmst mich! — Ich werde nicht Deinen Käfig öffnen, nicht anrühren will ich Dich. — Du schweigst? — Wohl, ehe freche Lieder singen, besser schweigen! — Du flatterst und bebst? — Noch besser, mein Kind, zappele und zittere! Doch nicht vor mir fürchte Dich, vor dem Schöpfer der Welt, vor seinem gebenedeieten Namen erzittere! — Gebe Gott, Du möchtest schon so bleiben, still, rein und erbebend! — 0, helfen wil ROM.

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