Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Das Judentum in der Beleuchtung eines jungen Philisophen
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 823 - 824 (sequence 1)
- Language
- German
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823 824 DAS JUDENTUM IN DER BELEUCHTUNO EINES JUNGEN PHILOSOPHEN. Von Dr, Bernhard Münz. (Nachdruck verboten.) Wir leben in einem Zeitalter der Parodoxien und Exzentrizitäten. Das Grelle, die Sensation ist die Bürgschaft des Erfolges. Ein junger Philosoph, Dr. Otto Weininger,*) ist auf den Plan getreten. Er feiert sein erstes Debüt mit dem stattlichen Buche: „Geschlecht und Charakter" (Wien 1903), welches es unternimmt, das Verhältnis der Geschlechter in ein neues Licht zu rücken, und wie Mehltau all die Hoffnungen versengt, welche die Kultur an das Weib knüpft. Weininger gelangt zu dem tieftraurigen Resultate, dass das höchststehende Weib unendlich tief unter dem tiefststehenden Manne steht. Doch nicht deshalb drängt es mich, hier das Wort zu ergreifen. Was mir die Feder in die Hand drückt, ist die herostratische Tat, die er an dem Judentum verübt. Und auch diese Tat hätte mich vielleicht nicht bewogen, dem Verfasser tief ins Auge zu schauen und mich mit ihm zu messen, wenn er sie nicht mit dem Mantel der Philosophie drapiert und am Schlüsse der Vorrede hätte durchschimmern lassen, dass er sein Buch gewisserrnassen unter den Auspizien der beiden hochverehrten Philosophen-Professoren der Wiener alma mater geschrieben habe. Weininger erblickt die welthistorische Bedeutung und das ungeheure Verdienst des Judentums lediglich darin, dass es den Arier immerfort zum Bewusstsein seines Selbst bringt, ihn an sich mahnt: „Dies ist es, was der Arier dem Juden zu danken hat; durch ihn weiss er, wovor er sich hüte: vor dem Judentum als Möglichkeit in ihm selber". Es handelt sich unseren Philosophen eben nicht um eine Rasse und nicht um ein Volk, noch weniger freilich um ein gesetzlich anerkanntes Bekenntnis: „Man darf das Judentum nur für eine Geistesrichtung, für eine psychische Konstitution halten, welche für alle Menschen eine Möglichkeit bildet und im historischen Judentum bloss die grandioseste Verwirklichung gefunden hat", vor allem in seiner heteronomen Ethik, in dem Dekalog, dem „unmoralischsten Gesetzbuch der Welt, welches für die gehorsame Befolgung eines mächtigen iremden Willens das Wohlergehen auf Erden in Aussicht stellt und die Eroberung der Welt verheisst." „Das Verhältnis zum Jehövah, dem abstrakten Götzen, vor dem er die, Angst des Sklaven hat, dessen Namen er nicht einmal auszusprechen wagt, charakterisiert den Juden analog dem Weibe als einer fremden Herrschaft über sich bedürftig." Der jüdische Monotheismus hat demnach mit echtem Glauben an Gott gar nichts zu tun, er ist vielmehr seine Verneinung, der Afterdienst des wahren Dienstes unter dem guten Prinzipe, die Homonymität des Judengottes und des Christengottes ist die ärgste Verhöhnung des letzteren. Hier ist keine Religion aus reiner Vernunft, eher ein Altweiberglaube aus schmutziger Angst. Der Jude ist daher relativ amoralisch, nie sehr gut, noch j*e sehr böse, im Grunde keines von beiden, und eher gemein. Hat denn aber der junge Philosoph nie bedacht, dass jene ersten schlichten Formeln, welche in der Bibel *) Dr. Weininger, dessen oben erwähnte Schrift grosses Aufsehen erregte, hat inzwischen durch Selbstmord geendet. Der ihm hier gewidmete Artikel wurde bereits vor seinem Tode geschrieben, konnte aber wegen Raummangels nicht frühet zum Abdruck gelangen. Die Red. für das sittliche Handeln aufgestellt werden, die von ihm verlästerten zehn Gebote, durchgängig unbeschränkt, ohne jedwede Voraussetzung oder Bedingung gelten, dass sie die Form eines notwendigen Aussagesatzes, des kategorischen Imperativs haben? Das jüdische Moralprinzip ist in sich selbst begründet, aber eben deshalb ist es zugleich in Gott-begründet, weil und insofern er das Urbild aller Sittlichkeit ist. Nicht weil das Prinzip in Gott ist, ist es das Moralprinzip, sondern weil es das Moralprinzip auch an sich und ganz absolut ist, deshalb ist es notwendig in Gott. Zwischen dem göttlichen Gesetz und der menschlichen autonomen Sittenlehre besteht folgendes Verhältnis: Wohl ist Gott der Gesetzgeber; aber nicht aus einem Belieben, aus einem eigenwilligen Befehl oder einem Machtgebot hat Gott das Gesetz gegeben und nicht deshalb soll der Mensch es erfüllen, sondern weil Gott der Heilige, die schöpferische Kraft aller sittlichen Weltordnung und des auf Sittlichkeit gerichteten Weltzweckes ist, weil wir in ihm den Urquell und die Urgestalt der Idee der Sittlichkeit erkennen, in ihm die personifizierte und realisierte oder vielmehr die' reale Idee der Sittlichkeit selbst sehen. Wunderschön sagt der verewigte Lazarus: „Man kann es schlankweg als den kühnsten, erhabensten, beseligendsten und gnadenreichsten Gedanken bezeichnen, dass Gott der Allheilige durch den Menschen geheiligt werden soll. Das Wnikdaschti ist der höchste Begriff, der von einem Menschengeiste gedacht, das edelste Wort, das von menschlicher Zunge geredet worden ist!" Kant's rigoristische Ethik und das Judentum gehen also von verschiedenen Punkten aus, treffen aber in ihren Endergebnissen zusammen. Weininger weiss auch nichts davon, dass der alttestamentliche Gott den unfreundlichen Regungen der Israeliten gegen einen Aegypter oder Edorniter mit dem läuternden und reinigenden Gebot entgegentritt: „Du sollst den-Aegypter nicht verabscheuen, denn Du weiltest einst als Fremdling in seinem Lande, und verabscheue nicht den Edomiten, denn er ist dein Bruder." Desgleichen ruft der kategorische Imperativ des jüdischen Sittengesetzes dem Israeliten, der das Nutztier seines Feindes auf dem Felde irrend antrifft, zu: „Du sollst es ihm zurückbringen!" Ist also Feindesliebe ein ureigenstes christliches Gebot? Es ist eine bodenlose Unwahrheit, dass Christus die stärkste Negation, das Judentum, in sich überwunden und so die stärkste Position, das Christentum, als das dem Judentum Entgegengesetzteste geschaffen hat. Weit entfernt davon, dass das Judentum der Abgrund ist über dem das Christentum aufgerichtet ist, hielt Jesus Israel für das auserwählte Volk seines himmlischen Vaters. Der Gott, den er anbetete und anbeten lehrte, war für ihn „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs" und aller, Propheten. Seinen Willen hatte Gott nach Jesu Ueberzeugung ausgesprochen in den Schriften des alten Testaments, „im Gesetze, in den Propheten und in den Psalmen." Wenn man Jesus fragte, welche Gesetze man zu beobachten habe, um des ewigen Lebens teilhaft zu werden, verwies er nicht auf neue, von ihm erst entdeckte Gebote, sondern auf die alten, schon von Moses verkündeten. Der Gott Jesu war der Vater Israels; das Gesetz Jesu war das Gesetz Israels; das Erbauungsbuch Jesu war die Bibel Israels, und das