Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Die Juden in Schweden
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 815 - 816 (sequence 1)
- Language
- German
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815 816 DIE JUDEN II Von Robert Jaffe Amerika, du hast es besser als unser Kontinent, der alte, Du hast keine Basalte und keine verfallenen Schlösser. An diese Götheverse kann man denken, wenn man von den Juden in Schweden erzählen will. Die schwedischen Juden haben es gewiss besser als die in irgend einem anderen Lande. Sie haben auch keine Basalte und keine verfallenen Schlösser, d.. h. aus der poetischen Umschreibung in die deutlichere Realität übersetzt, keine Talmudschulen und keine alten Synagogen und Judenkirchhöfe. Die Abwesenheit jeder mittelalterlichen Tradition mäg wirklich das Fundament der sicheren und natürlichen Stellung der Juden unter ihren schwedischen Mitbürgern sein. Man könnte sich nicht ausdenken, dass die Juden unter den Polen eine ähnliche Stellung erwerben sollten. Dazu sind sie den Polen schon zu sehr in einer mit Recht verächtlichen, hündischen Unterwürfigkeit entgegengekommen. Auch in Deutschland dürften die Juden, wenigstens als Gesamtheit, niemals eine ausreichliche und gesicherte Stellung in dem gesellschaftlichen Leben erlangen, auch hier, zumal im westlichen und südlichen Deutschland, haben sie zu lange ihre Männchen und Mores machen und gelbe Hüte tragen müssen. Die Völker sind aber leider wie die Kinder, und wen sie einmal in einem den Spott herausfordernden Zustande erblickt haben, den verspotten sie auch für immer unbarmherzig. Wer wird glauben wollen, dass die Neger, wie sie gegenwärtig in Amerika behandelt werden, jemals eine achtbare gesellschaftliche Stellung in dem freien Lande einnehmen könnten? Wo die Juden ihre günstigsten gesellschaftlichen Positionen haben, in Amerika, England, Dänemark, Schweden und Holland, da haben sie wenigstens auf dem Boden des betreffenden Landes niemals in der abscheulichen, mittelalterlichen Erniedrigung gelebt. Die Vorfahren der schwedischen Juden kamen über das Meer hinüber als aufrechte, hochgewachsene Männer. Mit dem Anstand, den sie hatten, als sie noch am spanischen Hofe sogar Zeremonienmeister gewesen, traten sie den Schweden entgegen. Sie waren von derselben Art wie der Hamburger Teixeira, den, als er mit Vieren durch die Strassen Hamburgs kutschierte, ein lutherisches Pfäftlein für einen Landesfürsten ansah, so dass er mit all der Unterwürfigkeit des siebzehnten Jahrhunderts 4 SCHWEDEN. (z. Zt. Gothenburg). Nachdruck verboten. demütiglich vor ihm den Hut zog. [Noch heute können die Nachkommen jener Männer durch ein gesetztes Auftreten, stolzen Wandel und eine stattliehe Haltung auffallen, und sie entsprechen zum grossen Teil recht dem Typus des „Königlichen Kaufmanns", dem wir in den blühenden Handels¬ und Hansastädten oft begegnen. An die sephardische Herkunft erinnern noch Familiennamen wie Delbanco, Delmonte und Henriquez, und auf den älteren jüdischen Friedhöfen kann man auch aus der Stellung der Grabsteine, die einfach auf den Gräbern liegen, sephardischen Brauch erkennen. — Von den aschkenasischen Juden sind die meisten aus Deutschland, namentlich aus den ehemals schwedischen Gebieten Deutschlands, z. B. Pommern und Mecklenburg, eingewandert, und z. B. der Name des verstorbenen Gothenburger Kunstmäcens Fürstenberg ist zugleich der Name eines Landstädtchens in Mecklenburg-Strelitz. Freilich, in den früheren Jahrhunderten war auch das Schicksal dieser Ankömmlinge auf diesem Bodenein wechselvolles. Die ersten Juden in Schweden sollen auf der Insel Marstrand gewohnt haben, und es wird behauptet, dass sie sogar eine Gemeinde gebildet hätten. Unter der Regierung Gustav Adolf II wurden in Linköping am 14, Februar 1619 drei Christen zum Tode verurteilt, weil sie Neigung für die jüdische Religion zeigten, Die Königin Christine hingegen stand in lebhaftem Briefwechsel mit Manasse ben Israel in Amsterdam und hatte in Hamburg als Königlichen Residenten den oben bereits erwähnten Don Manuel Teixeira. Hinwiederum am 29. September 1681 wurden in Stockholm in Gegenwart des Königlichen Hofes zwei jüdische Familien getauft. 1680 wanderte die lutherische Familie Granbom (zu deutsch: Tannenbaum), bestehend aus elf Personen, von Linköping nach Holland aus und trat zum Judentum über. Durch Königliche Verordnung vom 22. Oktob<f17.23 und L Augusfc 1727 wurde bestimmt, dass alle Juden, die im Lande umherreisten, verhaftet und zu Zwangsarbeit verurteilt werden sollten. Erst unter Gustav III. trat ein Umschwung ein. Er hatte schon 1771 bei seinem Aufenthalt in Paris, wo gerade die Judenfrage behandelt wurde, an seine Mutter geschrieben: dass er einsehe, von welchem Nutzen ein so fleissiges Volk wie die Juden für Schweden sein würde. 1779 führte er auch nach einem Vor-