Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-12-01 · Heft 12 (Dezember 1903) · p. Seite 807 - 808

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 12 (Dezember 1903)
Article
Moses Ezekiel
Date
1903-12-01
Page
Seite 807 - 808 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583917-2587937--03440-2588013
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

807 Georg Hermann: Moses Ezekiel. 808: weiter gehende Verzerrung sehen; aber, wenn wir uns näher mit denen beschäftigen, so erkennen wir, dass dem nicht so ist und im barocksten Barock immer das Leben der Lehrmeister blieb; erkennen, dass in der verpönten Unnatur der Kleinbildhauer für Porzellane eine feinere Naturkenntnis, ein reicherer Realismus steckt, als heute in manchen Denkmälern und Ausstellungsarbeiten. Vor allem aber ist eines festzustellen, dass mit der dekorativen Kälte der heutigen Plastik sich der Ausdruck der Empfindung verloren hat. Und das ist das Schlimmste; denn das hat die Bildhauerei vor der Malerei voraus, und das macht sie zur Lieblingskunst feiner Geister, dass sie eine Empfindung von seltsamer Stärke und Tiefe in uns lösen kann, Empfindung von lapidarer Einfachheit übermittelt. Weich' einen Hauch von Stärke, Kraft, milder Schwermut, Trauer strahlen oft ganz primitive Arbeiten aus, wie er uns in ähnlicher Macht nur wieder aus den höchsten Werken der Bildhauerkunst entgegenschlägt 1 Hier begegnen sich die einfachsten Anfänge und die letzte Vollendung. Aber in der Skala zwischen ihnen ist festzustellen, dass mit steigender Ausdrucksfähigkeit die Stärke des seelischen Gehaltes, der Empfindung immer mehr sinkt. Welch' einer Summe von Pose, vön seelenloser, heuchlerischer Maske, von leeren Nichtigkeiten, und welch: einem Mangel an Grazie können wir heute begegnen^ Es ist keine dankbare Aufgabe, heute über einen Bildhauer zu schreiben. Das Wort „ akademisch % das auf den Kunstschriftsteller letzten Datums wie das rote Tuch auf den Kampfstier wirkt, schwebt ihm da ewig auf der Zunge, will immerfort aus seiner Feder fliessen. Er bedauert stets, dass die Zeit weder neue Formen schafft, noch imstande ist, neuen Wein in die alten Schläuche zu giessen oder die Kleider füllen kann, die von Grossvater und Urahn ererbt sind. Und er macht dem Einzelnen Vorwürfe deshalb, der schon genug darunter seufzt, dass er ein Enkel ist; anstatt der ungesunden Schulung der jüngsten und jüngeren Vergangenheit, dem schlechten Geschmack der Auftraggeber Stadt, Staat und Fürst dabei zu gedenken, und den Einzelnen für sich im Rahmen der Zeit zu betrachten. Man wird mir ferner entgegenhalten: was sollen denn die Plastiker tun, um dem Vorwurf des Eklektizismus, des Akademischen zu entgehen? Ihre Kunst ist beschränkt, sie können nur durch die menschlische Gestalt in ihr sprechen, und die ist erschöpft; das moderne ATELIER DES BILDHAUERS MOSES EZEKIEL IN ROM. (Dieses durch seine Originalität berühmt gewordene Atelier befindet sich in den Ruinen der Thermen des Dioclatian)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.