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Ost und West · 1903-12-01 · Heft 12 (Dezember 1903) · p. Seite 803 - 804

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 12 (Dezember 1903)
Article
Das galizische Hilfswerk und die Mitwirkung der ausländischen Glaubensgenossen
Date
1903-12-01
Page
Seite 803 - 804 (sequence 6)
Language
German
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803 Maximilian Paul-Schiff: Das galizische Hilfswerk etc. 804 dass er nicht „erstaunlicher", sondern vernünftiger Weise „nur Industriezwecke" verfolgt, dass er unzählige Utopien von sich wies, dass er im Gegensatz von vielen fehlgeschlagenen Hilfswerken nicht zuerst eine Arbeit gefördert hat, die dann nicht an den Mann gebracht werden konnte, sondern immer zuerst einen Unternehmer gesucht und beigestellt hat, der, selbstverständlich mit dem Nutzen des „Ausbeuters", für die Abnahme der Waare Garantie bot. Auch ich habe die Haarnetzerei, und zwar in den weit besser situierten Gegenden Böhmens und Mährens, inspiziert, habe aber überall gefunden, dass die Mädchen nach einer allerdings längeren Lehrzeit höchst zufrieden mit der Arbeit waren und dass eine geschickte Arbeiterin auch über IV2 Kronen täglich verdienen kann. Das ist für Galizien, wo der Tagelohn für Männer oft nur 60 Heller beträgt, geradezu ein Vermögen. Allerdings ist aller Anfang schwer, und wenn Fräulein Pappenheim, anstatt beim Galizischen Hilfsverein die ihr bereitwillig zur Verfügung stehenden Daten einzusehen, sich bei faulen galizischen Mädchen informiert hat, denen der Anfang zu schwer war, die statt 11 Reihen 8 Reihen, statt 12 Maschen 9 Maschen machten und deren Arbeit dann begreiflicherweise vom Uebernehmer zurückgewiesen wurde, so ist das ihre Sache. Wenn Fräulein Pappenheim ferner sagt: „weshalb die Knopfnäherei nicht eingeschlagen hat, konnte ich nicht erfahren", so erlaube ich mir zu bemerken, dass sie dies auch schwerlich jemals erfahren dürfte, denn der Galizische Hilfsverein hat die Knopfnäherei in Galizien überhaupt nie begonnen. Bezüglich der Krawattenfabrikation handelte es sich schliesslich nur um einen pour acquit de conscience in Krakau gemachten einzelnen Versuch, von dessen Erfolglosigkeit der Verein im Vorhinein überzeugt war. Die dermalen zur Einführung gelangende Herrenkleider- und Schuhkonfektion berechtigt zu den besten Hoffnungen, desgleichen eine andere Aktion, über die ich mich heute nicht berechtigt fühle, nähere Daten mitzuteilen. Möge der Galizische Hilfsverein sich auch weiter nicht abhalten lassen, nur Arbeiten einzuführen, für die ein Abnehmer schon gefunden ist, der viele Menschen möglichst schnell und mit wenigen Einfühmngsspesen ins Verdienen bringt, möge er sich daran durch keinerlei Belehrungen oder Referate behindern lassen. Wenn es ihm nur halbwegs gelingt, hie und da eine so glückliche Hand zu haben, wie es bei der geradezu als Lotterielos zu bezeichnenden Haarnetzerei der FalL war, so mag er ruhig in die Zukunft schauen, und er wird des Dankes tausender vom Hungertode geretteter Menschen gewiss sein.' Ob diese bedauernswerten galizischen Glaubensgenossen auch den verehrten „Studienreisenden", die dem galizischen Hilfswerk in den Arm fallen und sich gerade am geeigneten Orte nicht informieren wollen, denselben Dank schulden werden, will ich unergründet lassen. Für den Galizischen Hilfsverein kann es keine grössere Genugtuung geben, als Fräulein Pappenheim mit ihrer Reisegenossin Frl. Dr. Rabinowitsch zu widerlegen. Auf pag. 76 sagt die letztgenannte Dame, dass der für die vom Galizischen Hilfsverein eingeführte Haarnetzerei erzielte Lohn durchschnittlich 2 fl. wöchentlich beträgt, „was dem Arbeitslohne eines Fabrikarbeiters entspricht." Der Lohn eines Fabrikarbeiters ist also erzielt worden, ohne dass der Galizische Hilfsverein Fabriken bauen musste, ohne dass er die Konjunkturen einer Fabriksindustrie mit in Kauf nahm, ohne dass er Hunderttausende für Ziegel und Eisen investieren oder Länderankauf wie die Ika machen musste. Für Seife und Zahnbürste hat der Hungernde kein Verständnis. Wenn er satt ist, dann kommt, — besonders bei der grossen Kulturfähigkeit der galizischen Juden — alles andere schneller, als man ahnt. Die inductive Methode, die darin besteht, vorerst die Magen zu füllen, soll auch weiter als Richtschnur zur Bekämpfung des Massenelends dienen, denn auf die Dauer kann eine hungernde Masse vor allem nicht ehrlich bleiben. Wer dem jüdischen galizischen Proletarierzeigt, dass nur in der Arbeit das Heil liegt, der hat den sichersten Weg beschritten und mit einem Schlage zugleich die Fesseln des Cheders und des Lasters gesprengt. Dann wird es auch mit dem Mädchenhandel, wie mit so vielem Anderen, anders bestellt sein. Und so wünsche ich denn dem Galizischen Hilfsvereine weiter Glück und Gedeihen auf dem bereits so richtig und erfolgreich beschrittenen Wege, zu Nutz unserer bedauernswerten galizischen Glaubensgenossen, wenn aüch zu Trutz so mancher allzu wohlwollender deutscher Glaubensgenossen. Möge dem Verein die wertvolle Unterstützung der deutschen Glaubensbrüder nicht verloren gehen, mögen sie aber auch zur Ueberzeugung kommen, dass auch in diesem Falle die „Heimarbeit" selbst am allerbesten von den heimischen berufenen Faktoren zur Ausführung gebracht werden kann.

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