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Ost und West · 1903-12-01 · Heft 12 (Dezember 1903) · p. Seite 799 - 800

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 12 (Dezember 1903)
Article
Das galizische Hilfswerk und die Mitwirkung der ausländischen Glaubensgenossen
Date
1903-12-01
Page
Seite 799 - 800 (sequence 4)
Language
German
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799 Maximilian Paul-Schiff: Das galizische Hilfswerk etc. 800 israelitischen Union am letzten allgemeinen Mädchenhandelkongress in Frankfurt a. M. nicht berücksichtigte. Mit der Kultusgemeinde Lemberg möchte ich mich hier nicht darüber auseinandersetzen, ob sie berechtigt war, ohne Einverständnis der massgebenden Reichskorporationen in Wien den Kongress einzuberufen. Konstatieren möchte ich nur, dass die galizischen Glaubensgenossen, die hier nach bewährtem Landesmuster „Autonomie" spielten, sich, ebenso wie ihre christlichen Landsleute, des Gesamtreichs und der Reichshauptstadt nötigenfalls sehr wohl zu erinnern wissen. Da ich nun als Obmann der massgebenden österreichischen Korporation nicht gewillt war, mich von Ausländern und der Kultusgemeinde Lemberg auf heimischem Boden als Gast einladen zu lassen, teilte ich meine diesbezügliche Meinung — infolge Abwesenheit auf schriftlichem Wege — dem engeren Ausschuss des Galizischen Hilfsvereins mit, indem ich vorschlug, eine Beteiligung an dem Kongresse direkt abzulehnen. Der engere Ausschuss entschied sich jedoch für die Beteiligung. Allerdings wurde, wie ich höre, der Delegierte des Vereins beauftragt, die Uebergehung des Galizischen Hilfsvereins bei Festsetzung des Kongresses in Lemberg zur Sprache zu bringen. Da man, wenn es sich um subjektive Auffassung über Würde und Wahrung einer anvertrauten Stellung handelt, nicht paktiren kann, und da ich es verschmähte, den Ausschuss in Form einer Pression vor ein aut—aut zu stellen, so zog, ich die gebotene Konsequenz und gab meine Demission. Näheres glaube ich an dieser Stelle nicht mitteilen zu sollen, für die grosse Oeffentlichkeit ist es ja belanglos. Ich möchte nun noch mit einigen Worten die eingangs erwähnte prinzipielle Beteiligung ausländischer Glaubensgenossen an inländischen humanitären und sozialpolitischen Aktionen erwähnen. Dass gemeinnützige Bestrebungen nicht an Grenzschranken Halt machen sollen, dass dies bei uns Juden besonders unstatthaft wäre, glaube ich nicht erst erwähnen zu müssen. Gerade wir österreichischen Juden haben vollauf Verpflichtung, das Interesse und die Opferwilligkeit unserer deutschen Glaubensgenossen aufrichtig anzuerkennen, und besonders der galizische Hilfsverein konnte nur Dank ihrer Unterstützung den ersten grossen Erfolg in seiner Hilfstätigkeit erzielen. Dies kann aber die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, dass die östlichen Stätten jüdischen Massenelends in letzter Zeit unnötigerweise und unaufhörlich von deutscher Seite zum „Studium" auserkoren werden und dass speziell Galizien, wo es für uns Eingeweihte nichts mehr zum Studieren gibt, damit besonders oft beglückt wird. „Aufträge" zu Studien werden ebenso bereitwillig erteilt, wie sie von Unberufenen erbeten werden, und dass darin ein Misstrauen gegen die kompetenten österreichischen Faktoren liegt, wird wohl jeder Einsichtige zugeben. Nur wir „gemütlichen" Oerterreicher lassen uns auch dies, wie so manches andere, noch immer widerspruchslos gefallen, während sich selbst unsere russischen Glaubensgenossen, trotz wiederholter Inanspruchnahme materieller Hilfe, Belehrungen über die Form anzuwendender Hilfstätigkeit verbeten haben. Vor kurzem erschien nun wiederum eine Schrift „Zur Lage der jüdischen Bevölkerung in Galizien", welche das Ergebnis eines vom Israelitischen Hilfsverein in Frankfurt a. M. und dem jüdischen Zweigkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels in Hamburg an die Damen Berta Pappenheim und Dr. Sara Rabinowitsch erteilten „Auftrages" bildet. Auf eine Polemik mit den geschätzten Verfasserinnen möchte ich mich aus prinzipiellen Gründen nicht einlassen, es würde einer eigenen Broschüre bedürfen, um die zahlreich darin enthaltenen Unrichtigkeiten zu berichtigen. Von einer ernstlichen Auseinandersetzung kann auch füglich nicht die Rede sein, wenn uns Einheimischen, denen die Verhältnisse in Galizien vollauf bekannt sind, auf Grund eines erstmaligen fünf wöchentlichen Aufenthalts schon „Vorschläge" gemacht werden. Fräulein Pappenheim, deren guten Willen und Opferfähigkeit ich ebenso wenig wie den desFrls.Dr.Rabinowitsch bezweifle, verwehrt sich zwar eingangs ihrer Broschüre dagegen, als Kennerin des Landes zu gelten, macht aber dann in einer fast 70 Druckseiten umfassenden Broschüre Mitteilungen über galizische Verhältnisse, die Jedermann bei uns längst bekannt sind, und kommt dann schliesslich mit Vorschlägen, die wiederum einmal erweisen, wie wenig mit dem guten Willen westeuropäischer Philanthropie allein gedient ist. Nicht anders ist das Referat des Frls. Dr. Rabinowitsch. Soll man sich etwa in ernstliche Diskussionen einlassen, wenn uns diese Dame auf Seite 73 erzählt, dass ihr jener in ganz Oesterreich seit Menschengedenken allgemein geübte Wucher im versteckten Warenkauf, Pfand- und Warenrückverkauf „bis dahin gänzlich unbekannt war44, und wenn ihre Ausführungen über den Mädchenhandel in dem Ausrufe gipfeln, dass „der Hauptgrund des Mädchenhandels in der Unsittlichkeit der Männer liegt, die meistens in der Frau nur eine Sache sehen, die ihr Geschlechtsbedürfnis zu befriedigen hat". Dass beide Damen in der Frage des Mädchenhandels auch nicht das geringste statistische Material produzieren können, ist selbstverständlich, hätte aber gerade abhalten sollen, über eine solche Frage dann ein Referat zu erstatten. Ich würde auf die Auslührungen der genannten Damen überhaupt nicht zurückkommen, wenn Fräulein Pappenheim es nicht für opportun gefunden hätte, der Tätigkeit des Galizischen Hilfsvereins in einer Weise zu gedenken, die mich im Interesse der Sache — wahrlich nicht wegen meiner ehemaligen persönlichen Verknüpfung — zu einer Erwiderung veranlassen müssen. Fräulein Pappenheim sagt Seite 34 über den Galizischen Hilfsverein: „Seine Hauptleistung war die Einführung der Haarnetzindustrie. Ueber dieselbe ist zu be-

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