Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Politische Revue
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 789 - 790 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583916--03419-2587915- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
789 Politische Revue. 790 Palästina empfohlen wurde: es bildeten sich überdies neue Bodenkaufgenossenschaften und auch die ganze Tätigkeit des Ingenieurs Ussischkin war auf Förderung der direkten Aktion in Palästina gerichtet. Nun beginnt auch die Stagnation, in der sich die Kolonisations- Bewegung im westeuropäischen Judentum unleugbar befand, zu weichen und eine erfreuliche, viel versprechende Erneuerung derselben vollzieht sich vor unseren Augen. Massgebend war für die Neubelebung der Kolonisationsvereine in erster Linie der Umstand, dass die wirtschaftliche Krisis des Ansiedelungswerkes vorüber ist, dass die letzten Nachrichten über die Entwickelung der Kolonien in Palästina ausserordentlich ermunternd sind, Die Initiative zu einer neuerlichen, regeren Tätigkeit in Palästina ist von der Berliner Propaganda-Kommission des Zentralkomitees der Kolonisationsvereine ausgegangen. Diese Kommission besteht, unter dem Vorsite von Dr. H. Hildesheimer, aus den Herren Prof. Martin Philippson, Berhold Israel, Willy Bambus, Prof. Leopold Landau, Dr. Alfred Nossig, Prof. Otto Warburg und zwei Vertretern des Berliner „Esra". Demnächst tribt auch das Pariser Zentral-Komitee zusammen, welches unter dem Vorsitze von Narcisse Leven steht und sich aus den Herren: Grossrabbiner Zadek Kahn, Prof. Joseph Halevin, Rabbiner Dreyfuss, Dr. Emil Meyerson, Rabbiner Weisskopf, D. Prague, M. Altmann sowie Oberst Goldsmith London zusammensetzt. Auf Veranlassung der Berliner Propaganda - Kommission veranstaltete das Zentral-Komitee des „Esra" in Berlin eine öffentliche Versammlung von Palästinafreunden, welche am 19. Oktober im Saale desFürstenbergbräu stattfand und ein zahlreiches Publikum vereinigte, unter dem sich auch auswärtige Delegierte befanden Nach den Eröffnungsansprachen der Herren M. Dorn und Dr. Hildesheimer fand ein Vortrag von Dr. Alfred Nossig „Unser Kolonisationsprogramm" statt, dessen Inhalt wir auf Grund des stenographischen Protokolls folgen lassen. Der Vortrag zerfiel in vier Hauptteile. Zunächst formulierte Dr. Nossig das Kolonisationsproblem. Er fasste es in die Frage: „Ist der Plan der Gründung eines autonomen jüdischen Gemeinwesens ausserhalb des palästinensischen Länderkreises der unentwegten Fortsetzung des palästinensischen Ansiedelungswerkes ohne alle Kräftezersplitterung vorzuziehen?* Das Problem ist im Grunde ein kolonialtechnisches: „Allmähliche Ansiedelung unter stufenweiser Anstrebung immer höherer politischer Rechte — oder vorangehende Sicherung der höchsten politischen Rechte und nachfolgende möglichst rasche Massenkolonisation." Im zweiten Teile bemühte sich Dr. Nossig nachzuweisen, dass das Ansiedelungswerk in Palästina sich heute vorzüglich bewährt habe und gute Aussichten für die Zukunft biete und dass der Weg der langsamen, rechtlichen Kolonisation, die nach und nach zu einer Grosskolonisation mit politischem Endzweck anwachse, durch die geschichtliche Erfahrung und die Volkswirtschaftslehre empfohlen werde. Der Bericht eines politischen Zionisten, Dr. Friedmann, bezeugt es, dass die Krise des Palästina-Kolonisationswerkes völlig überwunden sei. Ein anderer politischer Zionist, Dr. Oppenheimer, hat in seinem Ansiedelungsreferat die'langsame Kolonisation als die einzig richtige bezeichnet und vor der raschen Massenkolonisation gewarnt. Der dritte TeiL enthielt eine Widerlegung des Programms der politischen Massenkolonisation und die Bekämpfung des ostafrikanischen Projektes. Massenkolonisation muss mit Elend und Epidemien enden. Eine Ansiedelung in Ostafrika eröffnet, wenn man die vorhandene Literatur über Uganda zu Rate zieht, für die Juden nur ungünstige Aussichten und würde unter allen Umständen eine schädliche Kräftezersplitterung bedeuten. Im vierten Teil entwickelte Dr. Nossig das neue, erweiterte Kolonisationsprogramm für Palästina. Man hat auf dem letzten Zionistenkongress den Verlust Palästinas beweint. Es war gar kein Anlass hierzu vorhanden. Niemals war uns Palästina näher als jetzt, wo das Ansiedelungswerk auf bestem Wege ist. Das jüdische Volk wendet sich instinktiv auf den richtigen Weg. Neue Kolonisations- und Bodenkaufsvereine entstehen. Man hat den Nationalfonds für sofortigen Bodenkauf bestimmt. Die einflussreichsten jüdischen Blätter haben sich für die Palästinakolonisation erklärt. Für die ostafrikanische Expedition fliessen nur minimale Beiträge ein, während die Spenden für den Nationalfonds jetzt bedeutend anwachsen. Das Volk will Palästina und die Kleinkolonisation. Doch kann das Kolonisationsprogramm nicht unverändert aufgenommen werden. Das Ansiedelungswerk ist in eine neue Phase getreten. Heute sehen wir ein, dass wir auch in den Nebeniändern Palästinas kolonisieren müssen, weil Palästina zu klein und vorläufig verschlossen ist. Diese Gebiete empfehlen sieh für die sofortige Rettungsaktion; so wird die Behebung der Judennot mit der Wiederaufrichtung Zions verbunden werden. Die Kolonisation muss auch städtischer und industrieller Natur sein; die Juden müssen im Orient alle Berufe treiben. Gründliche Erforschungsarbeiten und das Entwerfen einer wirtschaftlichen Generalstabskarte, eines kolonialen Feldzugsplans müssen der neuen Kolonisation vorangehen. Die Kolonisation selbst muss auf Grund einer dauernden Verständigung aller im Orient tätigen jüdischen Organisationen erfolgen. Sie muss immer höhere rechtliche und politische Garantien erstreben insbesondere die Auf hebungdes Einwanderungsverbotes, die Sicherung des Erwerbs- und Besitzrechtes von Immobilien, des Rechtes auf Errichtung von Häusern, die Verminderung der ruinierenden landwirtschaftlichen Steuern, endlich die Ausdehnung des Prinzips der autonomen jüdischen Gemeindeverwaltung bis zu den weitesten rechtlich-politischen Grenzen. Die Mittel zur Durchführung dieser planvollen, zielbewussten Kolonisation bestehen in der kräftigen Erneuerung der Kolonisationsvereine, in ihrem Zusammenschlusszu einer Zentralorganisation und ihrer Vereinigung mit allen anderen jüdischen Palästinafaktoren. Diese Aktion bezweckt keineswegs die Spaltung oder Schwächung einer anderen jüdischen Organisation, etwa der zionistischen. Sie soll im Gegenteil zum loyalen Zusammenarbeiten der Palästinafreunde und der Zionisten führen und dem Palästinawerk auch nichtzionistische Elemente zuführen. Auch im Verhältnis zur Ica und zum Rothschildkomitee stehen die Kolonisationsvereine auf dem Standpunkt loyalster Anerkennung der erworbenen Verdienste, ja, sie betrachten es als eine Pflicht, diesen viel angegriffenen Körperschaften ihre Anerkennung öffentlich auszusprechen; zugleich aber die Erwartung, dass die Ica und das Rothschildkomitee sich mit den Kolonisationsvereinen, den Allianzen, dem Deutschen Hilfsverein, der zionistischen Organisation, dem Bne-Brith- Orden, der Chaluka-Organisation und dem Palästinensischen Aktionskomitee zwecks dauernd gemeinsamer Arbeit in Palästina verständigen werde. Im Sinne seiner Ausführungen schlug Dr. Nossig nachstehende Resolutionen vor: Resolutionen. Angesichts der befriedigenden und aussichtsreichen Entwickelung der jüdischen Kolonien in Palästina beschliesst die am 19. Oktober in Berlin tagende Versammlung der Palästinafreunde nachstehende Resolutionen : I. Das Werk der Neubesiedelung Palästinas durch Juden ist unentwegt und mit erhöhter Energie fortzuführen; es soll durch Erwerb geeigneter Ländereien vorbereitet werden; es soll sich nicht nur auf das türkische Palästina, sondern auch auf Syrien erstrecken; nicht nur landwirtschaftlicher, sondern auch städtischer und industrieller Natur sein;