Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Sterblichkeit und Krankheit bei Juden und Nichtjuden
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 779 - 780 (sequence 3)
- Language
- German
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779 Dr. Hugo Hoppe: Sterblichkeif und Krankheiten bei Juden und Nichtjuden. 780 das Lebensziel, an welchem sie, unablässig sich mühend und ihren Geist anstrengend, ohne Ruhe und Rast arbeiteten. Was Wunder, dass das Kapital an Nervenkraft unter der doppelten Einwirkung von Druck und Verfolgungen auf der einen, von fieberhaftem Schaffen und rastloser Tätigkeit, besonders des Geistes, auf der andern Seite, schwere Einbusse erlitt, die sich von Generation zu Generation durch Vererbung der Schädigung immer mehr steigerte. Und die von den Vätern ererbte Nervosität wird auch heutzutage noch, selbst im westlichen Europa, durch die Anfeindungen und Zurücksetzungen, welche der Jude allenthalben erfährt, durch die Erschwerung des Daseins und durch die Verbitterung, welche die gedrückte Lage erzeugt, unterhalten, genährt und gesteigert. Dazu kommen noch erstens die besonders das Nervensystem angreifenden Schädigungen des Stadtlebens, zu welchem die Juden das ganze Mittelalter hindurch bis in die allerneueste Zeit gezwungen waren und zum allergrössten Teil auch heut noch gezwungen sind — Schädigungen, wrelche sich, da den Juden die Zufuhr frischen Blutes vom Lande fehlte, der bei den Nichtjuden dieselben paralysiert, fortdauernd vererbt und potenziert haben — und zweitens die Folgen der starken Inzucht, der Verwandtenehen, welche bei der verhältnismässig geringen Zahl der Juden und ihrer Zerstreuung über weite Gebiete fortdauernd stattgefunden haben und bei der nervösen Disposition in den betreffenden Familien ausserordentlich verderblich gewirkt haben und noch wirken*) Und so kann es keine Frage sein, dass die durch die tausendjährigen Verfolgungen, den fortwährenden härtesten Kampf ums Dasein, die elende Ernährung und die fortgesetzte Ueberanstrengung des Geistes erworbene nervöse Disposition durch die Einwirkungen des Stadtlebens und die Ehen zwischen Blutsververwandten sich immer mehr ausgebreitetet und gesteigert hat. Daher die so ausserordentliche Häufigkeit der Neurasthenie und der Hysterie, der funktionellen Geistesstörungen, der Idiotie unter den Juden, daher auch das Ueberwiegen der konstitutionellen und degenerativen Erkrankungen, der Kurzsichtigkeit (deren Entstehung durch das viele Lernen in der Thora und im Talmud begünstigt wurde), der Blindheit und der Taubstummheit, welche besonders in den Ehen zwischen Blutsverwandten gefunden werden. Die Seltenheit übrigens der Rückenmarkschwindsucht und der Paralyse unter den Juden erklärt sich aus dem seltenen Vorkommen der Syphilis (und des Alkoholismus), die noch grössere Seltenheit der Epilepsie vorzugsweise aus der Seltenheit des Alkoholismus, weicher für die Entstehung der Epilepsie besonders bei den Nachkommen von der grössten Bedeutung ist. *) Bei den russischen Juden kommt dazu noch das viele Rauchen von Cigaretten, welches bei den Männern allgemein üblich ist, und das bei Mann und Weib gleich beliebte fortwährende Theetrinken; aber Thee bildet für die Juden des Ostens das Hauptmahl, das einzige Getränk, für die armen luden besteht die Hauptnahrung aus Thee und Brot. EREW-JOM-KIPUR. Ein Spiel zwischen einer Ziege und vielen Wölfen in drei Teilen. Von David Pinsky. Aus dem Jüdischen übertragen von Paul Barchan. [Autorisierte Uebersetzung.] Erew Jom-Kipur, gegen Mittag. I. Teil. Die Ziege, [Nachdruck verboten.] Reb Elih, der Tuchfabrikant, trifft Vorbereitungen, den Lohn an seine Arbeiter auszuzahlen, ehrlich, wie's an einem Erew-Jom-Kipur gebührt. Der Buchhalter und der Kassierer machen die Rechnung und zählen das Geld ab. Ja, er will sie heute sehr freundlich und milde behandeln. Auf dem mächtigen Schreibtisch steht eine grosse Branntweinflasche, mehrere Schnapsgläschen und viel Torte, in Romben geschnitten. Er will ihnen wünschen, sie mögen stets „zum Leben" haben und nie auf fremde Hilfe angewiesen sein. Er ist in Gedanken sehr vertieft, und diese Gedanken gelten gerade nicht seinen Geschäften. . . Es ist Erew-Jorn-Kipur, und da soll man nicht an seine Geschäfte denken. . . Reb Elih ist ein frommer Jude. Daran lässt sich nicht rühren. Er trägt, wie alle frommen Juden, einen länglichen Rock, längliche Peies, die mit dem Backenhaar seines grossen, breiten Bartes zusammengebürstet sind. Und überhaupt — Reb Elih!