Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-11-01 · Heft 11 (November 1903) · p. Seite 759 - 760

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 11 (November 1903)
Article
Fünf Jahre jüdischer Turnerei
Date
1903-11-01
Page
Seite 759 - 760 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583916-2587849--03388-2587900
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

759 Max Zirker: Fünf Jahre jüdischer Turnerei. 760 im Hinblick auf das trostlose Elend rings um uns, auf die trübseligen Tage der Vergangenheit, auf die ungewisse Zukunft das Gefühl der Verzweiflung beschlichen haben mochte, hier unter dem Eindruck kraftvoller Jünglingsgestalten, denen alle Vorzüge des Körperlichen, Reinheit, Gradheit, Mut und ruhiges Selbstvertrauen auf die Stirne geschrieben waren, hier zeigte sich wieder die alte, unserm Stamme eigentümliche Hoffnungsfreudigkeit, ein begründetes Vertrauen in die Zukunft unserer jungen jüdischen Generation. Aber die Belebung dieses Optimismus war nicht der Zweck der Veranstaltung; ebensowenig wie es galt, zu prunken mit der neuerworbenen Kraft. Es galt vielmehr, die Erkenntnis von dem hohen Werte systematischer Körperpflege hineinzutragen in das ihrer am meisten bedürftige osteuropäische Judentum. Es galt, aut dem Wege des Anschauungsunterrichtes Propaganda für das Turnen zu treiben. Es sollte keine Schaustellung sein, es sollte, wie die für diesen Tag veranstaltete Festgabe der Jüdischen Turnzeitung*) trefflich sich ausdrückt, „ein geturnter Rechenschaftsbericht sein und eindringliche Mahnung und Belehrung. Denn nicht nur den Körper stählt und schmiedet das Turnen und macht ihn schmiegsam. Es ist die hohe Schule des Mutes, die das Selbstvertrauen aufzieht und zu Entschlossenheit und Ruhe, zu Klarheit in trüber Zeit emporadelt. Es schafft Männer, die aufrecht und gerade stehen im Kampf gegen die Not, die aufrecht und gerade denken in der Wirrnis des Lebens. Und die Einheit lehrt das Turnen, der Wille des Einzelnen muss sich beugen, um in gesteigerter Wucht als Wille der Gesamtheit emporzuschnellen. Die Ecken und Kanten der Individualität werden geschliffen im und zum Gefüge des Ganzen, und der Baustein, den die Meister verwarfen, er kann noch zum Eckstein werden." Das sind hohe Worte, die manch einen zu der Frage veranlassen dürften: berechtigen wirklich die bisherigen Lebensäusserungen dieser Bewegung zu solchen Erwartungen, können sie in der Tat als erste Ansätze zur Lösung weittragender kultureller und nationaler Aufgaben gelten? Nach den vorhandenen Erfahrungen darf ohne Schönfärberei getrost diese Frage bejaht werden. Der gerade in erster Zeit besonders stark hervortretenden Schwierigkeiten sind die zielbewussten Führer der jüdischen Turnbestrebungen, allen gegenteiligen Prophezeiungen zum Trotz, Herr geworden. Denn es war klar, dass gerade im Anfang der Bewegung, wo ihre Ziele der Allgemeinheit wrenig bekannt waren, der grössere Bruchteil der Anhänger sich aus anderen als der der jüdischen Turnerei zu Grunde liegenden Ursache, vor allem aus rein sportlichen und gesellschaftlichen Motiven anschliessen würde. Das aber involvierte ständig die Gefahr einer Verflachung der leitenden Ideen und zwang *) Zum 25. August. Von Dr. Theodor Zlocisti. zu Gegenmassregeln. Vereinsdiskussionsabende, die die Grundfragen der jüdischen Renaissance behandeln, mussten da einsetzen und wurden zu einer ordentlichen, segensreichen Institution. Das Interesse, das der Neuling aus diesen anspruchslosen Versammlungen insbesondere für die Frage der körperlichen Hebung der Juden mit sich hinaustrug, wurde weiter gestärkt und wachgehalten durch die das gleiche Thema gründlich erörternde „Jüdische Turnzeitung", deren propagandistische Bedeutung weit über die Einzel vereine hinausgeht und nicht genug hervorgehoben werden kann. Aber das ist nur die geistige Seite der Arbeit, die in den jüdischen Turnvereinen geleistet wird und die, streng genommen, den Rahmen eines Turnvereins überschreitet. Die eigentliche Tätigkeit vollzieht sich naturgemäss auf dem Turnsaal, den Spielplätzen und auf der Turnfahrt nach den gleichen und bekannten Regeln wie in den nichtjüdischen Vereinen. Man hört oft die Behauptung, der Jude würde nicht imstande sein, Selbstdisziplin zu üben und einem anderen Juden freiwillig zu gehorchen. Mag das für diejenigen, die diese Worte kolportieren, gelten, die jüdischen Turnvereine strafen dieses Gerede, in seiner allgemeinen Fassung wenigstens, Lügen. Es kann hier nicht der Ort sein, die Methoden und den Wert einer systematischen Körperpflege, die wohlverstanden nicht mit Athletik zu verwechseln ist, des genaueren darzulegen. Nur die eine, dem Laien meist nicht bekannte, mittelbare Wirkung der gymnastischen Uebungen möchte ich hier noch berühren. Es lässt sich bei Vielen und gerade denjenigen, die in den Gedankengang des nationalen Turnens tiefer eindringen, eine Umwandlung ihrer gesamten Lebensweise und Lebensanschauungen feststellen. An die Stelle der bei uns Juden leider vielfach vorhandenen Ueberschätzung des materiellen Lebensgenusses und seines Raffinements tritt eine Höherbewertung ideeller Lebensgüter und die Bevorzugung einer einfachen, vernunftgernässen Lebenshaltung. So hat u. a. der Alkoholismus in seiner Ausartung, auch eins der Danaergeschenke der Assimilation, zahlreiche Renegaten unter den jüdischen Turnern zu verzeichnen. Im Zusammenhang mit alledem ist aber dasjenige Moment zu behandeln, dessen Schaffung der Zweck der ganzen jüdischen Turnerei ist, die Wiedererweckung jüdischen Solidaritätsgefühls, das sich im Laufe der Zeit zu einem allem Chauvinismus abholden Nationalitätsbewusstsein verdichtet. Die Erfolge auf diesem Gebiete fallen geradezu in die Augen. Sie spiegeln sich am besten wieder in der Betätigung auch auf anderen jüdischen, insbesondere nationalen und sozialen Arbeitsfeldern. Ebenso wie aus den nationaljüdischen Turnvereinen eine grosse Anzahl begeisterter Zionisten hervorgegangen ist, und zwar solcher, die sonst wohl ihr ganzes Leben hindurch dieser politischen Partei völlig ferngeblieben wären, finden auch vor allem die modernen jüdischen Sozialorganisationen unter den jüdischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.