Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Fünf Jahre jüdischer Turnerei
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 757 - 758 (sequence 1)
- Language
- German
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757 758 Turner und Turntagsdelegierte der Jüdischen Turnschaft in Basel. (In der Mitte: [1] Dr. Ernst Tuch.) FUENF JAHRE JUEDISCHER TURNEREI. Von Max Z i r k e r. Die Bemühungen berufener und mitunter auch nichtberufener Volksbildner und Volksfreunde um die Schaffung eines modernen jüdischen Lebens haben zu allerlei mehr oder weniger umfangreichen und wertvollen Versuchen geführt. Es galt, europäische Kulturideen und Errungenschaften der grossen jüdischen Gemeinschaft zugänglich zu machen, sie organisch mit jüdischem Wesen zu verschmelzen, sodass Erscheinungsformen von selbständiger Eigenart herauswuchsen. Unter-diesem Gesichtswinkel sind auch die jüdischen Turnvereine zu betrachten. Sie sind nicht etwa getreue Imitationen nichtjüdischer Organisationen, ohne Hinzufügung eines neuen Ideengehaltes, vielleicht mit dem einzigen Unterschiede der nunmehr zur Tugend gewordenen Not der Beschränkung auf jüdische Mitglieder; obwohl auch derartige Vereine schon mit Rücksicht auf die kräftige antisemitische Strömung in der Deutschen Turnerschaft als Schmollwinkel verärgerter Assimilationsjuden denkbar und berechtigt wären. Aber das Wesen der jüdischen Turnvereine ist ein anderes. Der der ganzen jüdischen Turnbewegung zu Grunde liegende Gedanke ist ein anderer, ein tieferer. Es ist ein ausgesprochen nationaler Gedanke, der dem Organismus ein stützendes Gerippe abgibt. Und konnte es anders sein, da der Zionismus die Vaterschaft für sich in Anspruch nehmen darf, dessen grösstes Verdienst es ist, den schwachen, durch die Judennot nie ganz erloschenen Funken nationalen Strebens neu angefacht zu haben? Auf dem zweiten Zionisten-Kongresse in Basel im Jahre 1898 haben Professor Mandelstamm-Kiew und Max Nordau zum erstenmale das Losungswort von der körperlichen Wiedergeburt des jüdischen Volkes in die Massen geworfen. Endlich müsse der germanische Gedanke der Ebenwertigkeit des Körperlichen von unserer den Intellektualismus auf die Spitze treibenden jüdischen Gemeinschaft aufgenommen werden. Fünf Jahre sind seitdem verflossen! Was ist geschehen? Haben die Gegner des Zionismus Recht, wenn sie ihm vorwerfen, er rede nur, handle aber nicht? In diesem Jahre, vor wenigen Wochen erst, hat die jüdische Turnerschaft vor demselben Forum, dem sie ihr Dasein verdankt, vor dem sechsten Zionistenkongresse in Basel ihre Feuerprobe bestanden. Es war ein historischer Moment, als mitten in den ungeheuren Aufregungen des Kongresses eine mehrstündige Unterbrechung der Verhandlungen erfolgte, um die Darbietung der Vertreter von neun jüdischen Turnvereinen entgegenzunehmen. Ein ruhiges, schönes Bild entfalteter Jugendkraft und Jugendschöne, kontrastierte die Veranstaltung lebhaft zu dem brausenden Sturme der Debatten. Wenn drinnen im Kongresssaale manch einen