Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Betrachtungen zur Ost-Afrika-Frage des sechsten Zionisten-Congresses
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 723 - 724 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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723 Berthold Feiwel: Betrachtungen zur Ost-Afrika-Frage des sechsten Zionisten-Kongresses. 724 zwei so uralte Mächte mit einander streiten, muss es eine lange und schwere Entwicklung sein, von innen heraus, die man nicht nach bestimmten Zeitgrenzen künstlich machen, der man nur Jauschen und in ihrem Geiste nachhelfen kann. Gewiss, die Wege müssen draussen freigelegt werden — eine lange, mühselige Arbeit. Aber hütet Euch davor, die Strassen allein freizulegen oder sie blosszugeben, ehe die Geister und die Herzen freigelegt sind! Wenn Ihr den Sinn der neuen jüdischen Erhebung versteht und darnach ihre Diener sein wollt, so müsst Ihr lernen, Euch einem ehernen Gesetz zu unterwerfen, das aus ihrem innersten Wesen entspringt. Es heisst: Geduld! Harte Zucht zur Geduld, obwohl oder weil die drängende Not mit grausamen Griffen in die Entwicklung fährt, sie aufzuhalten oder zurückzustellen. Wer war es doch, der uns als das Schönste vom Zionismus das nannte, dass er eine Erhebung heroischer Menschen zu einem heroischen Dasein sei? Ist uns da zuviel Grösse, zu stolzes Wollen zugemessen? Wenn aber nur etwas darin wahr ist, dann müsste das stärkste Zeichen des neuen jüdischen Heroismus das sein: Geduld. Keine Zufriedenheit natürlich, keine Pausen, kein Stillestehen, aber im mühseligen Vorwärtsdrängen, im Vorwärtsstürmen auch das tiefe Bewusstsein, dass der Lohn der Arbeit erst fallen kann, wenn die Zeit gekommen ist, die die natürliche Entwicklung benötigt. Und ein heftiges Zurückweisen der Ungeduld .der Kleinen, die heute haben wollen, was erst der Mühen von morgen harrt. # * * Das aber war es eben, was die Zionisten. in ihrer Mehrheit nicht erlernt haben, was man sie auch nicht gelehrt hat. Von dem Augenblicke an, da sie ihrem selbstgewählten Führer die Bestellung des einen an Schwierigkeiten reichen Weges übergeben haben, als sie ihn mit einem Vertrauen ohnegleichen zu ihrem einzigen und alleinigen politischen Repräsentanten und Unterhändler erwählten, war es mit der Geduld zu Ende. Für sie blieb das ungeheure Werk, die Millionen des Volkes dem grossen Befreiungswerk zu gewinnen, den nationalen Geist, der darauf wartete, zu einer übermächtigen Aeusserung aufzurütteln, die wachgewordene Liebe zum Lande der Väter zu heisser Glut zu entfachen, die grandiose Macht der so erweckten Volkskräfte nach dem einen Ziel zu lenken und sie derart zu steigern und zu verwerten, dass sie den Führern der Bewegung die Berechtigung gegeben hätte und einen gewaltigen Rückhalt, vor die Völker hinzutreten und das historische Recht des jüdischen Volkes auf sein Land geltend zu machen, aber auch das Volk der Reife zugeführt hätte, die es für seine einzigartige Sendung haben muss. Ein ungeheures Werk, das getan werden wollte in aufopfernder, zielbewusster Arbeit — wie lange, wer könnte es voraussagen? . . , Jahrzehnte vor dem ersten Kongresse hatten die damaligen Zionisten des Ostens solche Arbeit im Golus und in Erez Israel eröffnet — klein und unzureichend, aber vertrauensvoll bauend. Jetzt kam die Welt-Organisation mit einem grossen Zug und heuen Kräften. Aber gerade jetzt, wo soviel Grösse, soviel Schwung in die Tätigkeiten hätte kommen können, fingen die Zionisten. an, den Fortschritt der „Volksarbeit" nicht mehr als „Erfolg" anzusehen. Ueber ihre „Agitation" und „Organisation", über ihre Köpfe hinweg gingen die diplomatisch-politischen Aktionen des Führers, der sich mühte, ihnen das Land ihrer Sehnsucht aus seiner Kraft heraus zu bringen, im Wege der Unterhandlung mit Herrschern und Regierungen. Und von dem Augenblicke an, da er ihnen den ersten diplomatischen Erfolg meldete, vergassen sie allmählich an die Fülle der Arbeit, der unentbehrlichen, die ihr Teil und ihres Lebens Mass war. Ein grosser Erfolg des Führers schien ihnen wertvoller als alles. Aber wenn seine Arbeit nicht so leicht gelänge? ... Sie verlernten auch solche Bedenken mit der Zuversicht des Führers. Und nun drängten sie einander viel zu rasch vorwärts, der Führer die Anhängerschaft und sie den Führer. Jeder Kongress sollte einen „Erfolg" bringen. Zuerst wegen der Gegner, dann wegen der Anfeuerung, die die Anhängerschaft selbst brauchte, weil sie, die jetzt nur den Apparat für die politischdiplomatische Arbeit beizustellen und zu stärken hatte, ihre anderen Aufgaben nicht mehr verstand, dann wegen der furchtbaren Not von aussen, weil sie vergessen hatten, dass der Zionismus wohl Not zu lindern geeignet sei, nicht aber aus der Not des Tages, sondern aus dem freien Lebenswillen des Volkes geboren wurde. Die ganze das Jahr hindurch aufgespeicherte Spannung konzentrierte sich stets auf die Kongressmitteilungen Theodor Herzl's. Wochen vorher verirrte sich immer ein Gerücht von irgendwelchen diplomatischen Erfolgen in die Reihen der Anhängerschaft. Und man erwartete das Grosse: Einmal war es eine wichtige Audienz, einmal war es ein bedeutsames Telegramm, einmal war es eine vielsagendeAndeutung. UndFührer und Anhänger trieben die diplomatischen Errungenschaften, die der Energie des einen Mannes zu danken, wirklich zu danken waren, so hoch über ihren Wert, dass die Hoffnungen immer grösser, die Forderungen immer mehr von Ungeduld gesteigert, alle nicht-diplomatischen Arbeiten immer wertloser erachtet wurden. Bis plötzlich der Führer, nachdem die Erfolge vorher so gewaltig eingeschätzt worden, nachdem die Zuversicht und der Durst nach Land so brennend geworden waren, dass ängstliche Zionisten glaubten, es morgen haben zu müssen, wenn nicht der Zionismus in den Augen von Freund und Feind fehlgeschlagen haben sollte — eines Tages alles, was er bisher bei der Pforte erreicht hatte, für ungenügend erklärte. Er stand an einer Mauer — und war entschlossen, neue Wege zu suchen. Und jetzt geschah ein Zweifaches: Die einen von den Zionisten wurden plötzlich von Misstrauen gegen das diplomatische System erfasst. Und entgegen allem Gesetz, das ihnen der neue Zionismns aufgerichtet hatte, schickten sie sich an, inmitten der politischen Organisation, die nur einen Charter auf Palästina und nichts Ge-