Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- Vor Hermann Struck's Herzl-Portrait
- Date
- 1903-10-01
- Page
- Seite 711 - 712 (sequence 2)
- Language
- German
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711 Nathanja Sahuwi: Vor Hermann Struck's Herzl-Portrait. 712 ersten Male gesehen hätte. Soviel neue Schönheit, so viel unbeachtete Feinheiten erschlossen sich mir. . Es ist mit allen Arbeiten Strucks so: je länger man sie anblickt, je Öfter man in ihren Bannkreis kommt, um so vertrauter enthüllen sie ihre intimen Reize. Es sind eben ernste Kunstwerke; in ernsten Stunden konzipiert; in ernsten Stunden projiziert. Keine Dekorationsstücke, die im ersten Moment fesseln, dann aber in ihren kalten, seelenlosen Virtuosenmache abstossen! . . Gerade das neue Herzlporträt heischt eine eindringliche Betrachtung. Wer flüchtig daran vorübergeht, dürfte vielleicht zunächst sogar die äussere Aehnlichkeit vermissen. * # * Die meisten kennen Herzl nur in seiner grossen Haltung als Kongresspräsident: die hochragende, hoheitsvolle Gestalt. Die Geschmeidigkeit bei aller Sicherheit. Die vornehme Eleganz; die Gemessenheit bei aller Erregung. Die gleichmässige Höflichkeit, die nie zum Sichselbstaufgeben hinabsinkt; die staatsmännische Ruhe in der unruhigsten Situation. So kennt man Herzl — die grossen Linien seiner Erscheinung; den feinen Kopf mit dem langen, blauschwarzen Bart und dem dunklen Zigeunerteint: — Immer als Führer vor seinen Getreuen. Diese über das Aeusserliche nicht hinaus dringende Auffassung hat bei Vielen auch die ganz verzerrte Anschauung seiner wesentlichsten Eigenart geboren. Etwa so: Herzl ist eben der geistvolle Causeur, der mit Scherzen jongliert, der kleine Salonfeuerwerke aufleuchten lässt; der gewandte Feuilletonist, der mit den Dingen der Welt lächelnd und ernstelnd spielt; wie ein Schmetterling von Blume zu Blume flattert, überall von der Süssigkeit naschend und den farbigen Blütenstaub raubt, dann aber wieder in seltsamem Aufleuchten die tiefsten Schichten sichtbar macht, aber an dem Reichtum der Tiefe — wie ein Protz! — vorübergeht. Ein liebenswürdiger Herr, dessen Kompliziertheit nicht das Durcheinanderwogen: das Sichaufheben und Sichsteigern, das Einanderabbiegen und Einanderanschmiegen seelischer Urmächte ist, sondern ein mehr geschicktes Arrangement verschiedenfarbiger Mosaiksteinchen. Und der nur darum einen so naiven Märchenstil schreibt und ihn sich zu so künstlerischer Fertigkeit dressiert hat, weil er dadurch den Anschein erwecken kann, als ob die Vielheit und die Wucht der elementaren Menschenkrälte ganz in ihm lebe, aber so eingespannt und gemeistert sei, dass er sie in der ahnungslosen Harmlosigkeit der Kinderart projizieren kann. Mache! Dabei ein Mensch mit starker, freilich mehr nervös flatternder als gigantisch ausholender Phantasie. Aber ganz bar aller nicht nur vegetativen Gefühle, nur dass eine geschickte Routine diesen verwaisenden Mangel durch angelernte, angelesene Lyrismen und eine aufgestrichene Sentimentalität nicht ohne äusseren Erfolg zu verdecken sucht. So sahen ihn die meisten. So sah er vielleicht auch aus. So gab er sich vielleicht auch. Ist doch ein wesentliches Stigma wahrhafter Grösse das Nichtbewusstwerden dieser Grösse; und das Vorbeisausen in der Irrweg hinein, wenn die eigene Art erkannt werden soll. Ganz im Kleinen: die eigensinnige Verkennung seiner litterarischen Begabung. Dieses verzweifelte Jagen nach dem Lorbeer des Dramatikers, wo ihm auf soviel naheliegenderem Gelände reiche Frucht reifen würde. Ich denke noch mit Entsetzen daran, dass Herzl seine geistvolle Studie „Solon in Lydien", bei der die Plastik durch die zartgetönten novellistischen Schattierungen herausgebracht wurde und nur herausgebracht werden kann, dramatisiert hat. Denn die feinen Zeichnungen in diesem wundersamen Gewebe — die Leben sprühen! — werden, herausgeschnitten und auf Pappe geklebt, doch nur Figuren für ein Kindertheater. . . — Allein der Herzl des Schrifttums hat mit dem Herzl der Geschichte wenig, vielleicht gar nichts zu tun. Geschichte ist Leben, und Schrifttum ist (— im höchsten Sinne —) Darstellung vom Leben. Sie gehören zu anderen Dimensionen. Sie zu werten gehören andersgeartete Maasse; so wie die Kräfte, die ihr Werden, Sein und Vergehen bedingen, von andern Welten sind, selbst wenn sie im Aussehen ähnlich erschienen : . . . der Wald, der hoch oben auf der Halde sich zum Himmel reckt. Und die vollendetste Darstellung dieses Waldes. — Die historische Sendung — ich wage diesen Begriff! — die historische Sendung, die Herzl wurde, hat Kraftquellen in ihm aufgeschlossen, von deren Sein er nichts wusste, nichts wissen konnte und nichts zu wissen brauchte, und jene geheimnisvollen elektrischen Spannungen eingeschaltet, die auch im Psychischen voneinander entfernte Menschen zwar unsichtbar, aber wirkungsvoll zusammenschliesst. . . . * * * . . . Den Spuren vom Herzl der Geschichte ist Struck nachgegangen: In einem wie mystischen Dämmer sehen wir den Kopf. Allein wie sorgsam und voll Liebe der Künstler die sichtbaren Linien der irdischen Configuration beobachtet und festgehalten hat, so blieb das Körperliche doch nur als Träger des Geistes, als das „Gefängnis der Seele". Die Projektion des psychischen Gehaltes auf das materielle Substrat, die sich in der Natur oft, oft auch nur entstellt zeigt, ist hier mit der nachlebenden Ahnungskraft und der ringenden Gestaltungskraft echten Künstlertums versucht und im einzelnen geglückt. Den Inhalt einer grossen uud verästelten Seele wird niemals ein Porträt ausgeben können. Lenbach hat seinen Bismarck wohl an die hundert Mal gemalt. Und doch würde selbst die Zusammenfassung dieser hundert Versuche des Wiedergebens und — des Deutens kaum eine getreuliche Nachbildung des heroischen Mannes sein. ... * # * --Eine dunkle, heilige Feierstunde der Seele. Ihr Feiern ist nicht die selbstvergessende Rast. Ueber die bitteren Sorgen der Tage wallt sie empor. In die Ferne. In die Höhe. Es ist ein hinträumendes Sinnen. Ein sinnendes Träumen. Aber es klammert sich nicht an die Dinge, nicht an die Zeiten. Ein Sinnen ohne Ziel. Ein Träumen ohne Gestaltung. In zitternde Farben, in verwehende Düfte, in wallende Töne hinein. Es müssen wol dumpfe und schwere abendliche Töne sein. Sinnt die Seele Leben, sinnt sie Zukunft? Der irdische Führer des Volkes sinnt in die Ferne. Ein Führer in Israel! . Sinnt sonst ein Leiter der Geschicke, so spielt ein Sonnenglanz um ihn. Die goldigen Sonnenträume, die wilde Farbenpracht der Hoffnungen und nur diese sind in ihm vereint und führen auf blumigen Wegen seine Seele in die Weite. In dem Führer von Juda aber sammeln sich neben den Hoffnungen die Seufzer und Träume und umfloren das Auge, wenn es träumend Zukunft sinnt. Und an die Fittige der auffliegenden Seele hängt sich lastend der Trutz dieses Am k'sche auref — diesen hartnäckigen Volkes. * Führer in Israel sein — heisst des Lebens herbste Tragik tragen. Noch all e Führer Juda's waren tragische Heroen, waren aber auch Heroen in der Tragik. Auch Herzl hat diesen Schmerz gekostet. Und um Stirn und Auge ist