Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- Das Gebiet des projektierten Judenstaates in Ostafrika
- Date
- 1903-10-01
- Page
- Seite 701 - 702 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583915-2587771--03330-2587818- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
701 Kurt Toeppen: Das Gebiet des projektierten Judenstaates in Ostafrika. 702 Distrikten gänzliche Abwesenheit — einer eingeborenen Bevölkerung. Südlich vom Baringo sind die einzigen Einwohner nomadisierende Massai, welche Naiwascha zum Zentrum erkoren haben und manchmal in ihren Feldlagern in der Ebene gesehen werden können. Zu andern Zeiten könnte man vom Naivascha nach Ndimo oder selbst nach Fort Ternan reisen, ohne ein menschliches Wesen oder eine Hütte zu sehen, ausser den Eisenbahn- Bediensteten und deren Häuser. In der Mau- Landschaft scheinen die einzigen Eingeborenen wenige Wanderobo zu sein — ein wildes Jägervolk —, welche sich im Walde verstecken, und* nördlich der Schlucht (Ravine-Station), die Kamisia, welche mit den Nandi verwandt sind .... Diet Nandi-Kette ist vielleicht der schönste Distrikt des ganzes Protektorats, und ich glaube nicht, dass die enthusiastischen Lobpreisungen, von denen Sir H. Johnstons Vortrag vor der Royal Geographical Society überfloss, im geringsten übertrieben \varen. Das Larid besitzt in noch höherem Grade denselben ausgezeichneten Boden und Klima als Nairobi und Njoro, aber der Regenfall ist konstanter und die Wasserversorgung reichlicher. Die Scenerie ist prächtig. In den höheren Teilen der Landschalt sind grosse Rasenflächen, wo alle Arten europäischer Gemüse zu florieren scheinen. Kulturen gibt es zur Zeit nur in der Nachbarschaft der Gouvernement-Station, die vom Distrikt-Chef und Sudanesischen Kolonisten angelegt sind. In den tiefen Tälern, welche diese Plateaus zerschneiden, ist eine reiche Vegetation von entschieden mehr tropischem Charakter als die von Nairobi. Kautschuck-Pflanzen kommen vor, welche einen guten Gummi liefern. Der einzige Uebelstand, in einem Lande, das ein wrahres Ideal für europäische Kultur zu sein scheint, ist der Charakter der Eingeborenen. Die Nandi sind bis zur Zeit unverträglich und unfriedlich. Es scheint in der Tat unwahrscheinlich, dass afrikanische Länder, welche nur wenige Meilen vom Aequator liegen, ein temperiertes Klima haben sollen, das sich für Europäer und europäische Pflanzen eignet, und diese Unwahrscheinlichkeit ist ohne Zweifel der Grund, weshalb der Wert von Ostafrika so wenig anerkannt worden ist. Aber es gibt keinen Zweifel an den Tatsachen. Zehn Jahre Erfahrung zeigen, dass das Klima gesund und stärkend ist, und dass europäische Kinder, welche im Lande geboren sind, dort leben und fortkommen können. Die Durchschnittstemperatur ist 19,44° C. um 9 Uhr morgens und 25,55° C. mittags, doch sind die Nächte weit kühler und oft sinkt das Thermometer bis zu 7° C. des Morgens früh. In der Gegend von Settima, etwa V20 südlich vom Aequator erlebte ich 1° Kälte um 6 Uhr früh. In Nairobi steigt die Hitze zeitweilig bis zu 27 C. um Mittag und dauert bis etwa ^3, dann kühlt es ab, aber der Durchschnitt ist etwas geringer. Es gibt nasse und trockene Jahreszeiten. Die ersteren variieren in Länge und manchmal auch im Datum, aber gewöhnlich gibt es zwei, eine vom November bis Ende Dezember und eine vom März bis Mai. Die übrigen Monate sind gewöhnlich trocken, aber gelegentlich gab es Regen bis Ende Juni und manchmal im Februar. — Juli, August und September sind in der Regel kalte Monate. In Machakos war der durchschnittliche Regenfall für 6 Jahre 34.76 inches (88,3 c/m) und in Kikuyn 36.14 inches (91,8 c/m). Europäer können mit etwas Vorsicht ebenso leben als in England und sich ebenso anziehen, nur ist es angebrachter, einen Sonnenhelm bis 4 Uhr nachmittags zu tragen. Alle europäischen Gemüse sind ausgezeichnet und billig; Rind- und Hammelfleisch in Hülle und Fülle und ebenso gut als in England. Gute Steine und Hölzer zu Bauzwecken sind vorhanden und ausgezeichnete Möbel werden an Ort und Stelle gemacht. In den meisten Teilen des Landes ist der Boden von rotbrauner Farbe, von natürlicher Stärke und eisenhaltig. Für drei oder vier Jahre wird er ohne künstliche Hilfe Ernten hervorbringen. In . den Ebenen sind grosse Strecken von schwarzem Boden für Baumwolle. Weidegründe gibt es massenhaft und von guter Qualität. Mit allen diesen Vorbedingungen scheint es keinen Grund zu geben, anzunehmen, warum Ostafrika nicht einen ebenso guten Boden für Kolonisation hergeben sollte, wie Australien oder Neu-Seeland. Ein Urteil, welches man oft von Personen hört, welche den Süden kennen, ist, dass es Südafrika ähnelt, aber besser ist." Das alles haben ernste Männer geschrieben, welche ihren Ruf durch schöngefärbte Berichte oder Entstellung der Tatsachen nicht aufs Spiel setzen werden, denn Johnston sowohl als Eliot sind nicht nur Beamte, sondern auch Männer der Wissenschaft. Was muss man in erster Linie von einem Lande verlangen, damit es sich zur Besiedlung — nicht zur Plantagenwirtschaft — eignet? In erster Linie ein gutes Klima, in zweiter einen guten Boden, in dritter Verkehrswege. Alles andre ist nebensächlich und kommt den drei Fragen gegenüber nicht in Betracht. Die beiden ersten Faktoren waren von Natur gegeben; für den dritten hat die englische Regierung durch die Uganda-Bahn gesorgt. Wo nun die ersten Ansiedelungen angelegt werden sollen, wird, wie gesagt, von der in nächster Zeit abgehenden Expedition festgestellt werden, aber wo die Ansiedler auch hinkommen, stets werden sie die nötigen Existenzbdingungen vorfinden; der Wald wird ihnen Holz, die Ebene Steine und Lehm zum Häuserbau liefern, und der Boden, der schon unter der oberflächlichen Bearbeitung mit der Hacke des Eingeborenen schöne Erträge liefert, wird unter dem tielgreifenden Pflug des Ansiedlers selbstverständlich mehr hervorbringen. Das Vieh des Eingeborenen, das bei ausschliesslichem Weidefutter nur wenig Milch gibt, wird bei rationeller Fütterung und veredelnder Zucht reiche Erträge liefern. Ueberall im Lande gedeihen Rinder, Esel, Ziegen, Schafe und Hühner, in den nördlicher gelegenen, unbekannten Ländern der Boran Galla, wo die Verhältnisse ähnlich sein dürften, gibt es Pferde und Kamele in grosser Zahl. Von wilden Tieren sind