Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 9 (September 1903)
- Article
- Auf dem Weg nach Schemenez
- Date
- 1903-09-01
- Page
- Seite 619 - 620 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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619 Schalom Asch: Auf dem Weg nach Schemenez! 620 — Habt Ihr denn daheim keine Arbeit? — Neue Moden! seufzt er. Da ist zu allem Unglück ein junger Mensch gekommen mit einem achteckigen Hütchen. „Warschauer Schneider" nennt er sich. Zu ihm laufen nun alle Leut, und ich muss in meinen alten Tagen noch auf die Dörfer gehen ... Er näht aut moderne Art, und ich nähe, wie ich es von meinem Vater gelernt habe und wie es mein Vater von meinem Grossvater gelernt hat. Wilde Sachen verstehe ich nicht. (Und als wollte er mich trösten, fügte er hinzu:) Aber jeden Freitag komme ich heim zu meiner Alten . . . Ueberall ist Gottes Welt und seine Schöpfung. Und dann nach einer langen Weile des Nachdenkens: Und schliesslich? Wer würde hier Gott loben und danken für sein Getreide und für alles, was er geschaffen, wenn sich nicht ein Jude einmal hierher verirrte .... Inzwischen hatte es sich draussen aufgeklärt und die Sonne schien ins Fenster. — Ist es nochweitvon hier nach Schemenez? frageich. — Drei Werst, der Weg geht geradeaus. Ich danke der Bäuerin für ihre Güte und nehme Abschied. Aber der Alte sieht mir lange nach und seufzt: Erst Montag! * * Nun bin ich wieder auf der Landstrasse. Der Himmel ist klar, die Wolken ziehen fort, irgendwohin. Die nassen Felder lächeln zum Himmel empor und danken dem Herrn für seinen Segen . . . Und über dem klaren Himmel mit seinen tiefblauen Wölkchen wölbt sich ein Regenbogen in bunter Pracht . . . „Gott hat sich erbarmt; er hat sich des Bundes erinnert," spricht der Himmel und trocknet die feuchte Erde in echter Liebe, so wie die Mutter die Bäckchen ihres verweinten Kindes trocknet . . . Auch der Felder hat er sich erbarmt; doch sie erinnern sich an nichts und wissen nichts mehr vom Bunde. * # Die Sonne sinkt allmählich. Ein zarter Wolkenschleier schwebt über dem Himmel. Nach Abend zu ergiesst sich ein goldenes Meer mit zerstreuten blauen Inseln. Der volle Mond wird hinter den Wolken schon sichtbar und lugt wie durch einen zarten Flor, der leicht vor dem Monde hinfortschwebt . . . Und allmählich wird das rote Lichtmeer kleiner, und die dunkeln blauen Inseln werden grösser, aber der Himmel umher wird dunkler und der Wolkenvorhang vor dem Monde zarter und leichter und wallt vorbei. Und der silberne Mond tritt hervor. In der Ferne ein paar einzelne Bäume. Als ob sie von irgend woher aufwüchsen. Und immer mehr werden es — ein ganzer Wald. Und der Weg schlängelt sich zwischen den Bäumen hin. In der Luft schwimmen verirrte Stimmen . . . Menschliche Stimmen und Quaken von Fröschen. Ein Bauernjunge kommt mir entgegen und singt ein Liedchen, ein weiches, klingendes Liedchen. Und er geht irgend einen Seitenweg entlang und kommt mir aus den Augen. Aber das Liedchen wiegt sich noch lange in der Luft. Nun werden die Bäume wieder seltener. Das Rauschen der Blätter wird leiser. Die Gegend liegt da, als horchte sie lauschend auf. Ueberall Ruhe. Nur von weitem her quaken die Frösche. Und dorten, weit, starrt etwas in die Höhe .... Ich sehe es schärfer und deutlicher, nur weiss ich nicht, was es ist . . . Ein Hund bellt . . . Dann ein langgezogenes „Muh" aus vielen Kehlen .... Die Kühe kehren heim zur Melkerin. Grosse gelbe Flecke bewegen sich vorwärts . . . Muh! ... Dahinter eine Bäuerin mit einem Zweiglein. Zwei Juden gehen auf dem Wege. Säcke auf dem Rücken, Stöcke in der Hand. Dunkel wird alles umher. Heimlich wie im Stübchen bei der Mutter . . . .— Da steht ein Wagen mit einem Kälbchen vor einem Hause. Das Kälbchen schreit, und die Buben stehen umher und spielen mit dem Pferde. Die beiden Juden kommen näher, stellen sich vor den Wagen und beginnen nun mit dem Bauer zu reden. Einer packt das Kälbchen an und feilscht. Der Bauer hat eine Pfeife im Mund, stösst dicke Rauchwolken von sich und lacht . . . Nun ist der Himmel tief dunkel. Kleine Sternchen leuchten wie helle Fensterlein zu den Stuben der Englein. Und der Mond wie ein grosses Fenster in unseres guten Herrn Palast . . . Aber in der Ecke, weit, weit ist die letzte Röte verblasst und in einer ganzen Schar dunkelblauer Wolken ertrunken. Oder was es sonst ist . . . Nun seh ich die Häuser von Schemenez, niedrige Häuschen . . . eines vom andern abgerückt. Platz ist hier billig. — Weiber sitzen auf der Schwelle vor den Türen und schwatzen. Kinder laufen herum auf dem steinernen Brückchen, das über den ausgetrockneten Teich vor den Häusern führt. Auf dem Markte liegen grosse Bündel Stroh; wahrscheinlich war heute Markttag. Zwischen zwei Häusern tummeln sich Chederbuben und Söldner. — Eine Ausspannung. Ein Schild mit roten transparenten Buchstaben, hinter denen ein Lämpchen blakt, — Auf der Schwelle eines Kellers steht ein Mädchen mit hochgekämmtem Haar und einer weissen Schürze und guckt in die Gasse, wo andere Mädchen spazieren gehen. Und sie blickt nach der Wohnung des Feldschers hinüber, wo ein Junge steht, den Hut weit im Nacken, und ihr zuwinkt .... Blick nur, dreizehnjähriges Mädchen, blick nur . . . Dein Liebster lernt noch die Rede zur Barmizwah . . . ---Ueberall nur Weiber und Kinder! Wo sind denn die Männer? — Jisgadal, wejiskadasch, so dringt es aus dem Beth Hamidrasch heraus. Dort sind sie. — Omein, jehei schmei raboh, antwortet die Gemeinde laut. Einige Frauen auf der Schwelle reiben sich die Finger an der Wand und sagen: Omein, jehei schmei rabo! ... - Schemenez dawnet.---- Nacht. Sicher und still stehen die kleinen Häuschen herum um den Markt, wie alte Weiber mit Stricknadeln in der Hand, die sich versammelt haben in einer grossen Schul und warten, bis dass die Vorsagerin kommt, die Vorsagerin mit der Brille auf der Nase und den Gebetbüchern in der Hand . . . . . . Aber einen Mond hat Schemenez! .... Dunkel ist der Himmel; mit Sternen wie mit leuchtendem Mohn bestreut. Und in ihrer Mitte der helle Mond. Wirklich Josua's Antlitz, ohne ein einziges Fleckchen. Gottes Abglanz liegt auf seinem heiligen Gesicht. Und er blickt hernieder, der Mond, auf seine liebe Gemeinde Israel und lächelt ihr zu. Aber die Gemeinde Israels muss beten . . . Und hinter mir fragt ein Knabe mit scheuer Stimme: Darf man denn in den Mond gucken? Darf man? Ich blicke mich um. Ein paar grosse, kindliche Augen in einem blassen, dürren Gesichtchen. — Ja, man darf gucken, man darf! Und ich denke bei mir, der Schemenezer Mond ist vielleicht nur deshalb so klar, so heilig und so rein, weil niemand zu ihm aufblickt . . . (Dem Jüdisch-Deutschen nachgebildet von Theodor Zlocisti.)