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Ost und West · 1903-09-01 · Heft 9 (September 1903) · p. Seite 617 - 618

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 9 (September 1903)
Article
Auf dem Weg nach Schemenez
Date
1903-09-01
Page
Seite 617 - 618 (sequence 2)
Language
German
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617 Schalom Asch: Auf dem Weg nach Schemenez! 618 den taubedeckten Himmel. Und die feuchten Himmel senken sich nieder zur Erde, und sie fliessen ineinander und werden zu einer Welt, zu einer Gotteswelt. Und leis bewegen sich die Gräser im Winde und sicher. So wie ein Kind, das auf dem Schosse der Mutter sich wiegt, stillvergnügt spielend. — Und wie ich das alles sehe, da möcht ich mich schier vor mir selbst schämen, dass ich allein höher bin als all die Gräser, die rings umher so fest wurzeln. Nur ich allein lauf umher, als wär ich abgerissen von der Erde und in die Welt gestossen. Meine Mutter habe ich verlassen. Von meinem Vater bin ich weggelaufen; und wie ein Waisenkind streife ich herum, allein, und suche irgendwo eine Stätte des Friedens..... Und dorten, inmitten des Feldes, unten im Tal, hebt sich ein Bäumchen in die Höhe und guckt auch in die Welt hinein und schämt sich wohl wie ich . . . Was soll es mir, dass ich höher gewachsen bin, denn alle Gräser und grösser bin, als alles umher? Nun schieben sich die abgerissenen Wolkenfetzen zusammen, einer an den anderen, und schweben wie ein leichter Panzer über dem Himmel. Und wo er durchgerissen ist, glänzt verschwommenes Licht hindurch und säumt wie kosend die leichten, flüchtigen Wolken: Bald wird ein Regen fallen ... Ich freue mich dessen! Ich bin allein auf dem Wege, wie ein Gräschen will ich sein, ganz ohne Schutz vor dem Regen. Ein stilles, heimliches Grauen liegt über allem. Die Gräschen beugen die Köpfchen und raunen in der Stille eines zum andern: Ein Regen wird sein . . . Weithin dehnt sich der Weg, er rüstet sich auch wohl für den Regen, als wollte er sagen: was kann ich tun? Von irgendwoher aus der Weite fliegt ein Vogel heran und schiesst wild feldein, all den Gräsern meldend: ein Regen wird sein. Und dort im Feld wiegt sich der Bäum; und die Zweige rauschen in Aengsten . . . Und die Felder dehnen sich und blicken zum Himmel und rufen: Geheiligt seist Du, Ewiger, wir sind bereit, die Gaben zu empfangen, die Du uns sendest. Ich aber ziehe weiter meinen Weg , . . Dort, fern wirbelt der Wind den Staub empor und rollt ihn den Berg herauf. Man sieht, wie sie ihre Hälse vorstrecken. Und dann ein Bauer, die Peitsche in der Hand. Und dann ein Dach. Im Tal steht ein Häuschen, versteckt in dichtem Gezweig und dunklem Laub, als schämte es sich, und von weitem scheint es so, als wäre es auch, gleich den Bäumen, die es umrahmen, aus der Erde emporgewachsen. Ein kleiner schmaler Fusssteig zweigt sich vom Wege ab, schlängelt sich durch die Felder und führt auf das Häuschen zu. Die ersten Tropfen _ fallen, und gierig saugt sie die Erde ein. Aber viele I. KAUFMANN. * , " ^% h . \ Tropfen bleiben auf den Gräsern hängen, wie gute Tränen. Nur auf der einen Seite ist der Himmel bewölkt, von der andern aber lächelt die Sonne schmeichelnd hernieder, als wollte sie sagen: Seht, was Gottes heilige Allmacht kann! Ich halte seitwärts aul das Haus zu. Ein Hund läuft mir freundlich entgegen, lässt mich vorbei und folgt mir dann bis zur Tür. Ein Bauernhaus. Niedrig und doch so sicher liegen die Balken auf den vier geweissten Wänden. Heiligenbilder. Unter dem einen Balken im Winkel leuchtet ein kleines Lämpchen. Sein schwacher Schein zerfiiesst weich in die Dunkelheit der Stube und huscht in die leichten beweglichen Schatten. Am Kamin sitzt die Bäuerin und zündet zwei Holzscheite an. Ganz kleine Buben, mit sonnenverbrannten Gesichtern und glattem, flachshellem Haar umringen mich und gucken mich verwundert an. In der anderen Ecke an der Wiege steht noch einer mit einem grossen Kopfe, der sich auf dem schlanken Hals wiegt, und sieht lächelnd zu mir herüber. Zu seinen nackten Füssen liegt ein zottiger Hund, glotzt ihm ins Gesicht und lauert auf einen Befehl . . . — Darf ich hier ein wenig verweilen, bis der Regen vorübergeht? frage ich; und die Bäuerin gestattet es mir mit freundlicher Miene und reicht mir einen Stuhl. — Von draussen her dringt zu uns ein fernes Donnern, so rauh und krachend, wie wenn schwere Wagen über einen steinigen Weg rollen. In der Stube ist es ruhig geworden; da höre ich durch die Stille eine alte schwache Stimme: Boruch athoh ... — den Segenspruch über den Donner. Ich wende mich um und sehe in einem Winkel am Fenster einen alten Juden, über einer Schneiderarbeit hockend. Wie wird mir da so heimlich zu Mut! Wie heimatlich umweht mich die Freude, noch einen Volksbruder im Bauernhaus zu finden. — Scholaum aleichem! — Aleichem scholaum! Ihr seid wohl hierher gekommen, um Gerste zu kaufen? versucht er. — Nein, ich ging nur vorüber. — Und wohin? — Nach Schemenez. — So?! Nach Schemenez. Ich bin nämlich ein Schemenezer. Das hatte ich sogleich gemerkt: Ich hatte es ihm angesehen, zwischen den Falten seines verwitterten Gesichtes lag Schemenez „ausgegossen" und lächelte; hat doch jede Gemeinde ihren eigenen Stempel, der auf den Einwohnern liegt. . Das lange Gesicht, die mageren Wangen, die Falten um die Augen, die Furchen um den eingefallenen Mund sind ganz Schemenez. Und ganz Schemenez sind die schwarzen Tabakspuren unter der langen, spitzen Nase .... Was tut Ihr denn hier, Reb Jid? fragte ich ihn, nur um zu fragen. DAS EXAMEN. — Seht Ihr's nicht? — . fTlfe V-'gf3&&' i ' - - - > _ l . * \* t ~ r*'<r * / '• ': ^^^Öä(3S&*^^^ ■• 'r.-: :-?*^Wmsms$8^^ ■ •.,■^:■:;:•£^A^•Al6^V.^fe*äiJv.■»■•r'^-.L-i_^-.y&^.r << i .:•

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