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Ost und West · 1903-09-01 · Heft 9 (September 1903) · p. Seite 595 - 596

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 9 (September 1903)
Article
Isidor Kaufmann
Date
1903-09-01
Page
Seite 595 - 596 (sequence 4)
Language
German
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595 Dr. G. Kutna: Isidor Kaufmann. 596 liehe Eindruck. Der Mann ist soeben nachhause gekommen, die Sachen hat er rasch hingelegt, sich auf die Tischkante gesetzt, und nun zählt er. Er ist bald fertig mit dem Zählen, es sind nur wenige Münzen. Und doch liegt jetzt etwas von Freiheit in seinem Wesen, etwas Helligkeit ist über ihn gekommen. Mit einer freieren, fast mutwilligen Bewegung sitzt er auf dem Tische, in sorgloser Haltung des Augenblicks. Und das alles macht der geringe Gewinn, den das nächste Bedürfnis verschlingt. So hat er seine kleinen Sorgen und seine kleine Befreiung — Tag für Tag. Sein Leid ist traurig, trauriger, seine Freude. Und dass sie es ist, zeigt er selbst in seiner Freude. Sein Körper hat nichts von der elastischen Bewegung dauernder Freiheit, hinter seinem Lächeln lauern Schatten, lauert Sorge, lauert der nächste Augenblick. Im Nu ist das Lächeln verjagt und zeigt, wie flüchtig es gewesen und wie erzwungen. Denn das Lächeln dankt sein Dasein und seine Helligkeit nur dem trüben Missmut, der vorherging und der folgen soll. So lächelt der Mann. Daneben stehen die Schirme, die Stiefel, hängen die Kleider, die Hüte. Und sie warnen, dem Lächeln nicht zu trauen, und höhnen und kichern wie Kobolde und raunen: wir sind da, wir sind alt und arm, verfault, zerfressen, und uns gehört er, uns. Mit uns wird er wandern, an die Türen klopfen, mit uns bitten und mit uns verjagt werden. Und dann wird er zur nächsten Tür gehen und wieder bitten und sich bücken und schmeicheln und vergessen, dass er soeben von der Schwelle gejagt worden. So raunen sie, und so ist es. Jeden Augenblick wird er mit Verachtung geschlagen und jeden anderen muss er gewärtig sein, dass es ihm wieder geschieht; und doch muss er tun, als habe er nie eine Kränkung erfahren — er und sein Gerümpel. Lasst ihm sein Lächeln! Er lächelt wegen seines Rewach, das ist traurig genug. Aber er kann nur lächeln, wenn er den Rewach schon in dör Tascfie^ 7 ^<*. ' hat, denn nur das ist der Augenblick, wo er als Mensch aufatmen kann, wo er nicht zu vergessen braucht, dass es Selbstachtung giebt und Menschenwürde. Lasst ihm sein Lächeln! „Addition". Eine Variante desselben Motivs. Er sitzt in seinem Laden und rechnet. Daneben liegt das Geld. Und wieder ringsherum, nebeneinander, übereinander die Gegenstände, die den Gewinn erzielen: Kleider, Stiefel, Bilder und Kram. Und er als die Seele dieses Krams in der Mitte — seines Reiches. Wie traurig das ist! Wie er lacht, wie jammervoll überlegen; wie klein ist sein Sieg. Ein paar Groschen sind's; was kann es auch mehr sein bei dem Kram! Und so satt befriedigt lacht er sich seine armselige Lust. Rings lauter Armseligkeit, und darin er als Gipfel, er und sein armseliges Lächeln. Alles abgetragen, holprig, morsch und wacklig, das Geräte alles und der ganze Mensch. Der ganze? Fast könnte man's glauben. Nur das Käppchen und der Kaftan deuten auf eine andere Welt. Auch in dieser anderen Welt gibt es Feilschen und Gewinn und Erwartung und Lohn, Diesseits und Jenseits. Aber, ob er will oder nicht, dies alles ist doch mit Formen und Gedanken verbunden, die mehr sind und Höheres als ein Lohn« Verhältnis zwischen Mensch und Gott. Mag er Händler sein wollen, wenn er zu seinem Gotte spricht, er spricht doch in der Sprache der Psalmen und Propheten; und mag er Gebräuche üben, um „Gott zu gefallen", es sind doch Gebräuche, die mitgezogen auf der Pilgerfahrt, bei der heilig reine Gesänge erklungen sind. Und vielleicht lernt er auch noch von seinem Sohne, dass es nicht nur einen Talmud giebt, sondern auch eine Bibel. Und vielleicht vergässe er selbst noch der Zahlen, wenn sein Kind ihm käme und ihm zu sagen wüsste: Vater, komm, draussen ist Sonne und Tau und Licht und Weite, und Gott lacht über der Au! „Ein Geschäftsgeheimnis." Zwei Männer, der eine flüstert dem anderen etwas ins Ohr, der lächelt verständnisvoll, und ein dritter lauscht missmutig. Allgemein erzählt, Hesse der Inhalt kaum den quälenden Humor ahnen, den er in dieser eigengearteten Wirklichkeit hat. Es sind Männer von einiger Würde in Gestalt und Gesichtsbildung; weisse Bärte, lange Röcke, ein schwächlich fanatischer Ausdruck in den Gesichtszügen, alles Zeichen religiöser Lebensformen, und dann — ein schlaues, kleinliches Lächeln. In jedem sind zwei Menschen, die einen ausmachen - sollen und in ihm nun kämpfen und drängen, bis isie ihm alle Menschlichkeit verzerrt haben. Hier % eigt-sich dieser Gegensatz in den beiden Männern verschieden im Stärkegrad. Der eine kommt eben vom Markte, soeben ist ihm der Kniff gelungen, die Schacherseele lebt und bezwingt den ganzen Charakter. Eilig hat er sich hingesetzt, den Pack noch am Leibe, und erzählt und lächelt — verschmitzt und kleinsinnig. Der andere hatte zu Hause gesessen, auf seiner Bank allein; da hat er anderer Dinge gedacht und andere Werte geprägt. Darum lächelt er nur wie nebenbei, wie dem anderen zu Gefallen; es ist ihm nur ein zufälliges Begegnis, das ihn von seinen Träumen hinweg-

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