Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1903-09-01 · Heft 9 (September 1903) · p. Seite 591 - 592

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 9 (September 1903)
Article
Isidor Kaufmann
Date
1903-09-01
Page
Seite 591 - 592 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583904-2583914-2587657--03221-2587714
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

591 Dr. G. Kutna: Isidor Kaufmann. 592 J. Kaufmann ist im Jahre 1853 in Arad in Ungarn geboren. Er musste gegen seine Neigung Kaufmann werden und konnte bis zum 21. Lebensjahre nur in seinen Mussestunden sich in seinen künstlerischen Neigungen versuchen. Durch ein kleines Bild, das aus diesen Versuchen entstand, den Kopf eines Moses, erregte er die bewundernde Aufmerksamkeit des Obergespans, der die Verantwortung für die Wahl des Künstlerberufes der Familie gegenüber auf sich nahm und den jungen Kunstschüler unterstützte. Nach den Studienjahren in Budapest und Wien malte Kaufmann des Erwerbes wegen nach dem Rococo, wandte sich dann dem Sittenbilde zu und stellte Szenen aus dem Wiener Vorstadtleben dar. So gewann er Namen und Mittel, und nun ging er zur Ausführung seines Vorhabens, sich dem Sittenbilde des jüdischen Lebens des Ostens zu widmen. Er machte Reisen nach Galizien, Ost-Ungarn und Russisch-Polen, um dort, „wo noch das jüdische Leben urwüchsig pulsiert", Material für seine Pläne zu sammeln. Und in diesen Darstellungen hatte er sein Gebiet gefunden. Nun kamen die Erfolge. Seine Bilder wurden für staatliche und städtische Gallerien angekauft, und der Künstler gewann auf den internationalen Ausstellungen der Kunstzentren Auszeichnungen und Preise Und es waren redlich errungene Siege; es bedurfte feingestimmter Sinne und andauernder Begeisterung, um diese Welt seiner Objekte zu erkennen und mit überzeugender Wirklichkeit zu schildern. Denn das Leben dieser Welt ist gespalten, und ihre Wirklichkeit ist suchend und schwankend. Da ist der Mensch immer auf der Wanderung zwischen zwei Welten; er wandert von der Welt des Schacherns und Schnorrens zu der Welt der Gotteskinder und der unzähligen Engel und- Wunder. Von aller freien Schönheit abgeschnitten, von allen Kulturgenüssen weggescheucht, bilden sie sich Genüsse und Werte anderer Art und bauen Welten und Welten, aus Schaum und Traum, und jauchzen sich in seliger Verzückung zu, sie hätten die Wirklichkeit gefunden und niemand wüsste den Weg dahin denn sie. So haben sie ein doppeltes Leben. Das eine hat Wirklichkeit und ist ihnen keine, das ist ihre Schächerexistenz. Das andere hat keine Wirklichkeit und ist ihnen doch alle und einzige Wirklichkeit. Das ist das Leben der Talmudregionen, der Bräuche, der Wunder, des Messias. Alles, was dem Schacherleben angehört, trägt einen Zug hinwegeilender, ewigschwindender Gegenwärtigkeit. Es hat das Aussehen, als wolle es eben hinweg; als müsse es eben aufhören, jetzt, diesen Augenblicks. Denn das andere muss kommen, muss jetzt kommen. Und dies andere, die Wirklichkeit ihrer Traumwelt, hat etwas von nahender Zukunft zum Charakter. Ein Hauch ist über die Menschen gelegt, ein Hauch der Erwartung, als müsse in nächster Stunde etwas kommen, etwas Weltbewegendes kommen; als komme es schon, als sei es schon da. Und dieses Leben ist es, das mit dem aussöhnt, was in dem Schacher und dem Betteln verkrüppelt worden und verunstaltet. Weil es scheint, als seien diese Kniffe und Schlauheiten nur . zufällige Begegnisse, die dem Wesen nicht angehören; als sei dieser Bettel und die Freude an dem Bettel etwas Fremdes, das sich in der Geschichte heimlich in diese Menschen geschlichen, die in der Heimat ihrer Seele von alledem nichts wissen. Es liegt zuweilen etwas in dem Gesichtsausdruck, das eine Seele vermuten lässt, in der Schlauheit wohnt; und doch ist die Seele selbst erstaunt, woher diese Schlauheit gekommen. Darum ist das wahre Leben dieser Menschen so schwer zu finden. Sie sind die grössten Idealisten und spötteln doch, sie leben immer an der Schwelle grosser Schatzkammern und knausern so sehr; die letzte Wahrheit gehört ihnen, und doch geben sie sich mit spitzfindigen Kleinigkeiten ab; und alle Herrlichkeit steht ihnen bevor, und um sie liegt Trödelkram und Schmutz und Staub und Plunder. Sie wollen immer hinweg, hinauf, und immer bleiben sie da unten, mitten drin unter den alten Fetzen. Wie eine Festung umlagern sie . diese alten Sachen und. halten sie fest. Immer sind sie da auf den Bildern Kaufmanns, als schlichen sie um die Menschen herum, dass sie ihnen nicht entrinnen. Als habe es: dem Künstler immer vorgeschwebt wie eine dumpf beengende Vision, so stellen diese Lumpen sich immer ein; als könne er sie nicht mehr loswerden, so trägt er sie auch dorthin, wo sie die Charakteristik nicht mehr fördern, sie eher stören. Beiden „Schachspielern" beeinträchtigt dies . viele kleine Nebeneinander die Schärfe und Bestimmtheit des ästhetischen Zielpunktes, der in der Tätigkeit liegt, nach der die geistige Schwerkraft der beiden Persönlichkeiten gravitiert. Auch das feine Motiv der Berührung der beiden Männer in dem „Verlorenen Prozess" wird durch das ununterdrückte Vielerlei darum in seinem stillen Reiz gestört. Anders ist dies bei einem anderen Bild, „der Rewach"; hier stört das Zeug nicht die Charakteristik der Person, hier gehört es zur Person und zu ihrer Charakteristik; auch in der Linie ergibt sich dieser einheit-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.