Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 9 (September 1903)
- Article
- Isidor Kaufmann
- Date
- 1903-09-01
- Page
- Seite 589 - 590 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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589 590 ISIDOR KAUFMANN. Von Dr. G. Kutna. Viele biegen von der Heerstrasse ab und suchen Leben zu entdecken, das noch nicht gesehen ward. Und dann kommen sie zu uns. Wir waren auf der Heerstrasse geblieben, und so lauschen wir denn; lauschen dem, was jene erzählen. Die Männer der Wissenschaft erzählen, was sie gesehen und warum dies so geworden, wie sie es entdeckt haben. Die Männer der Kunst erzählen, dass sie Schönes erlebt, und wiederholen uns durch Kunstschöpfung ihr Erlebnis und seine Schönheit. Sie erzählen von lachender Schönheit, von jubelnder Farbe und friedlich einsamem Leben, und wir alle verstehen. Aber sie erzählen auch von Moorgrund und Gestrüpp und stachlichtem Wachstum. Und da müssen wir lernen oder umlernen zu verstehen. Solches Gestrüpp mit den krausen Linien, mit dem farblosen Grau des wirren Durcheinander ist das Kunstgebiet Isidor Kaufmanns. Es ist der polnische Jude und sein Leben. Was hat die Geschichte da geschaffen! Was hat sie da zerdrückt und zerknittert, verwirrt und deformiert an Menschlichkeit! Alle Widersprüche des Charakters scheinen möglich geworden. Kindlich und schlau, weich und herzlos, scharfsinnig und blöde, begeistert und berechnet, dies alles kann da der Mensch sein, zur selben Stunde, in derselben Handlung, in derselben Lebensäusserung. Und in all dem sucht die Kunst, Schönheit zu gewinnen. Man suchte Charakterköpfe in diesem Lebenskreise und fand solche von eigen- I. KAUFMANN. artig wilder Schönheit. Auch Sittenbilder wurden dem Kreise entnommen, doch waren sie meist gehässig karrikiert oder sentimental - mitleidig interpretiert. Beides der ehrlichen Kunst feindliche Tendenzen. Es bedeutet kein geringes Verdienst, wenn ein Maler in dieses Leben einzudringen und es ohne Hass nach Rührseligkeit sittenbildlich festzuhalten versteht. Und es bedeutet mehr Verdienst, wenn dies einem Juden gelingt. Denn er muss grausam gegen sich sein, und hart muss er sein in seiner Liebe zur Wahrheit. Sonst wird er leicht zum Spötter oder Ankläger, oder es erlahmt seine Hand. Denn sie soll erzählen, was dem Herzen so weh tut; und treu berichten soll sie, wo es Jammer zu berichten giebt. Aber die Wissenschaft und die Kunst dürfen hart sein, weil sie ja hart sind aus Güte. Und so drang Kaufmann in das Gehege dieses eigenlebigen Kreises ein und holte Szenen heraus von packender Lebendigkeit. Denn er war der künstlerischen „Ueberzeugung von jeher, dass jeder Künstler in seiner Heimat oder in seinem Volke wurzele", und darum wrollte er das Volkschildern, das er „am besten kannte und fühlte". Und Formationen dieses Volkes, wert der liebevollen Betrachtung, waren ihm noch alle überwuchernden Bildungen seiner ethnischen Struktur. Und mag die Schönheit dieser Kunst auch traurig sein, sehr traurig; ist es Kunst, dann wird in ihr der Trost schon gegeben sein. SCHACHSPIELER.